PREDIGT ÜBER 1. KORINTHER 4,1-5
SONNTAG, 13. DEZEMBER 2015 (3. ADVENT)
FRIEDENSKIRCHE KARLSRUHE

Adventliche Zeiten – turbulente Zeiten! Keinen Tag gibt es, an dem uns der Blick auf die großen Turbulenzen erspart bleibt. Keine abendliche Nachrichtensendung ohne Bilder, die einem nicht mehr gut schlafen lassen. Die Klimakonferenz in Paris mit ihren bescheidenen Ergebnissen. Die unaufhörlichen Flüchtlingsströme. Der Blick in überfüllte Hallen. Und auf brennende Unterkünfte. Aber auch: Bilder von abfliegenden Tornados, die sich aufmachen in einen gefährlichen Einsatz mit offenem Ausgang.

Und am Ende der großen abendlichen Nachrichtensendungen folgt immer die tägliche Fieberkurve, präsentiert von Valerie Haller oder Anja Kohl. Der Blick in die Frankfurter Börse. Auf die große Anzeigetafel mit ihren aufsteigenden und absteigenden Kurven. Und nicht selten erscheint dann auch ein sogenannter Analyst. Einer, der vorgeblich ganz genau weiß, warum die Kurse sich so bewegen. Warum die einen zu den Gewinnern gehören. Und die anderen zu den Verlierern.

Die Ökonomen und ihre Interpreten, sie sind es - so lautet die allabendliche Botschaft – die uns die Welt erklären können. Gerade auch in diesen Tagen.

Ökonominnen und Ökonomen sind auch wir. Darum soll’s gehen in dieser Predigt zum Dritten Advent. Nicht als ein Eingehen auf die medial vermittelten Deutungsmuster. Nein, der Predigttext für diesen heutigen Dritten Advent gibt dieses Thema vor. Paulus schreibt:

Dafür halte uns jedermann: für Diener Christi und Haushalter über Gottes Geheimnisse. Nun fordert man nicht mehr von den Haushaltern, als dass sie für treu befunden werden.

Adventliche Zeiten – das sind zunächst also bilanzierende Zeiten! Ganz sachlich beschreibt Paulus hier das Profil eines Christenmenschen. Und setzt mit einem Vorbild aus der Welt der Wirtschaft ein. Und wo Luther mit Haushalter übersetzt, da steht im Griechischen das Wort Ökonom.

Treu sollen sie sein, diese Ökonomen der göttlichen Geheimnisse. Zuverlässig nicht nur in ihrem Handeln. Sondern auch in dem, was sie erreichen. Zielorientiert fügen wir heute gerne noch dazu. Die Analysten der Geheimnisse an der Börse – sie reden von den Geheimnissen der Märkte. Sie versuchen, den Menschen einen Einblick zu verleihen in diese meist unübersichtlichen Abläufe. Die Börse wird Teil des täglichen Unterhaltungsprogramms.

Ganz anders verhält es sich mit jenen Ökonomen von denen Paulus spricht. Ihnen ist aufgetragen, Analysten der Geheimnisse Gottes zu sein. Gottes Geheimnisse durchschaubarer zu machen. Und öffentlich davon zu sprechen. Das Auf und Ab eines Menschenlebens mit Gott in Verbindung zu bringen. Dem Gelingen und Scheitern irgendwie einen Sinn zu entlocken. Wege aufzuzeigen, wie rechtes Leben möglich wird. Wie wir von neuem zu den Quellen finden. Und dürre Zeiten durchstehen können.

Wenn es gelingt, Gott im Spiel des Lebens zu hallen, wenn Antworten weiterhelfen und Perspektiven aufzeigen, dann haben die Ökonomen des Lebens ihre Aufgabe gut wahrgenommen. Wenn die Bilanz unterm Strich positiv bleibt, dann hat das adventliche Warten sich gelohnt. Advent, das ist die Zeit, in der vieles auf dem Prüfstand steht. Auch unser Wirken als Ökonomen der göttlichen Geheimnisse. Adventliche Zeiten, das sind eben bilanzierende Zeiten.

Wir müssen nicht mehr sein als eben dies: Ökonomin oder Ökonom Gottes. Ob wir uns bewähren in dieser Herausforderung, ob wir diese Aufgabe erfolgreich wahrnehmen, das entscheiden wir meist nicht selber. Dass Gott noch Platz hat in einem Menschenleben, auch in dem unsrigen – wir können’s nicht machen. Und kommen doch ums Bilanzieren nicht herum.

Paulus schreibt darum in seinem Brief nach Korinth weiter:

Mir aber ist's ein Geringes, dass ich von euch gerichtet werde oder von einem menschlichen Gericht; auch richte ich mich selbst nicht. Ich bin mir zwar nichts bewusst, aber darin bin ich nicht gerechtfertigt; der Herr ist's aber, der mich richtet.

Adventliche Zeiten – das sind zum anderen also auch befreiende Zeiten! Dem Urteilen der anderen kann ich nicht entgehen. Paulus ist sich dessen bewusst. Aber Paulus findet einen Weg mit diesem Anspruch umzugehen. Es sind nicht einfach die anderen - es sind nicht meine Mitmenschen, deren Wünschen und Sehnen ich entsprechen muss. Als Ökonom der göttlichen Geheimnisse bin ich am Ende nur Gott verantwortlich. Das befreit. Zumindest vom Urteil der vielen Lebensanalysten, die mich tagtäglich beurteilen. Und nicht selten verurteilen.

Vom Richten spricht Paulus in diesem Zusammenhang. Um diesem Richten Stand zu halten, braucht es Mut. Brauch es die Bereitschaft, mein Denken zu verändern. Und mein Verhalten. Darum kommt der Advent nicht ohne die Erinnerung an dieses Richten aus. Und nicht ohne die Aufforderung, auf eigenes Richten zu verzichten. Dass es Christus ist, auf den wir warten, das lässt den Advent von einem Schimmer der Barmherzigkeit umfangen sein. Darum sind die adventlichen Zeiten zugleich befreiende Zeiten!

In seinem Brief nach Korinth kommt Paulus darauf zurück, dass dieses adventliche Warten durchaus länger dauern kann. Er schreibt:

Darum richtet nicht vor der Zeit, bis der Herr kommt, der auch ans Licht bringen wird, was im Finstern verborgen ist, und wird das Trachten der Herzen offenbar machen. Dann wird einem jeden von Gott sein Lob zuteil werden.

Adventliche Zeiten – das sind zum dritten Umkehr-Zeiten! Paulus bringt hier zur Sprache, was wir zu erwarten haben. Und wen wir zu erwarten haben. Zu erwarten haben wir, dass Gott am Ende ins Licht rückt, was wir selber gar nicht haben sehen können. Selten spricht Paulus derart positiv von der Erwartung des Gerichts. Am Ende steht nicht die große Verdammung. Am Ende steht das Lob Gottes. Aber dieses Mal Gottes Lob für uns. Gottes “Ja“ zu uns. Gottes Richten – es ist ein Richten, das nicht niedermacht, sondern aufrichtet.

Dies zu wissen, macht das adventliche Warten erträglich. Dies zu wissen, macht frei, immer wieder neu umzukehren. Die große biblische Leitfigur dieser Aufforderung zur Umkehr ist Johannes der Täufer. Der dritte Advent – das ist traditionsgemäß sein Sonntag! Das Evangelium dieses Sonntags hat uns das vorhin in Erinnerung gerufen. Die Botschaft Jesu: „Kehrt um! Denn das Himmelreich ist nahe herbeigekommen.“ - wir hören sie zuerst aus dem Mund des Johannes.

Den Bußcharakter des Advent ist heute in den Hintergrund gerückt. Manchmal ist er fast gänzlich verloren gegangen. Statt Advent feiern wir eher die Vorweihnachtszeit. In der Liturgie unserer Gottesdienste kann man von diesem Umkehrcharakter durchaus noch etwas spüren. In den Gottesdiensten des Advent entfällt das “Ehre sei Gott in der Höhe“. Es erklingt erst wieder von neuem in der Christnacht. Im Lobgesang der Engel bei den Hirten auf dem Feld.

Die Kirchenjahresfarbe des Advent ist darum das Lila. Genauer gesagt das Violett. Lila oder Violett - das ist die Farbe der Umkehr. Die Farbe der Buße. Darum sind unsere Altar- und Kanzelbehänge in der Adventszeit violett. Genauso wie übrigens auch in der Passionszeit. Violett wird es in den Kirchen immer dann, wenn wir zum Nachdenken aufgefordert sind. Über uns selbst. Und über die Wege, auf denen wir in die Zukunft gehen wollen.

Der Weg vom Advent zur Weihnacht ist ein Weg der Erwartung. Diese weihnachtliche Erwartung ist aber nicht einfach nur auf rührselige Geburt irgendeines Kindes gerichtet. Das Besondere an diesem Kind – es besteht darin, dass dieses Kind mir neue Lebensmöglichkeiten eröffnet. Dass es uns Mut machen will, noch einmal ganz neu anzufangen. Mut, immer wieder umzukehren. Umzukehren von der Erwartung zur Erfüllung. Von der Hoffnung zur Realität. Auch wenn diese Realität nur Fragment bleibt. Und die Fülle des Erhofften noch aussteht. Adventliche Zeiten – das bleiben bis auf weiteres Umkehrzeiten. Adventliche Zeiten – das sind darum auch violette Zeiten. Das ist eine lila Pause der besonderen Art.

Mitten im belastenden, im überfordernden Alten, mitten im Trott des Alltags die hereinbrechende Zukunft Gottes zu erwarten, das sprengt häufig unsere Vorstellungen. Das grenzt manchmal an Verrücktheit. Da sind dann tatsächlich die Maßstäbe des Lebens verrückt. Adventliche Zeiten, das sind darum nicht zuletzt auch närrische Zeiten.

Das sage ich nicht nur deshalb, weil es im Advent häufig drunter und drüber geht. Ich sage das auch mit ausdrücklichem Bezug zum Predigttext. Die Narren sind die Fachleute dieses Denkens, schreibt Paulus in den Versen, die dem Predigttext vorausgehen. Die Narren. Und nicht etwa die Klugen. Oder Paulus im Originalton: „Wer unter euch meint, weise zu sein, der werde ein Narr, dass er weise werde.“ Kein Wunder, dass die Saison der Narren bereits vor einem Monat begonnen hat. Und im Grunde den ganzen Advent über dauert. An ihrem Lila kann man darum im Advent die Närrinnen und Narren Gottes erkennen. Gott schenke uns die Geduld, dieses Warten auszuhalten, ehe im Licht der Weihnacht das Violett am Altar abgelöst wird vom strahlenden Weiß. Weiß - so grell wie das Licht, das die Hirten aus dem Schlaf herausreißt. Licht so sternenhell, dass es den Weisen den Weg zum Stall weisen kann.

Doch so weit sind wir noch nicht. Denn heute und an den Tagen vor Weihnachten ist eben erst einmal noch Advent. Wie ein Schonraum bieten sich diese Wochen des Advent an für unser Leben. Ein Ort des Schutzes mitten in den alltäglichen Anforderungen und Überforderungen. Wir müssen nicht immer Großes, gar Großartiges auf die Beine stellen. Wir sind gute Ökonomen der Geheimnisse Gottes, wenn wir uns auf das beschränken, was wesentlich ist im Leben. Und sei’s nur, wenn wir uns üben im adventlichen Warten.

Wenn es das ist, worauf wir warten im Advent, dann kann ich nur sagen: Adventliche Zeiten, das sind zuletzt, aber eigentlich zuallererst vor allem gute Zeiten! Nichts anderes bedeutet der Advent, als dass wir uns darauf besinnen, dass Gott gut ist. Und uns mit anderen in der Einsicht üben, dass Gott es gut mit uns meint. Und dass alles ein gutes Ende nehmen wird. Amen.

Traugott Schächtele

zurück