PREDIGT ÜBER JESAJA 66,13
- JAHRESLOSUNG 2016 -
IM GOTTESDIENST AM FREITAG, DEN 15. JANUAR 2016
ZUR ERÖFFNUNG DER BEZIRKSSYNODE SÜDLICHE KURPFALZ
MIT NEUWAHL DER DEKANIN
IN DER EVANG. MAURITIUS-KIRCHE IN LEIMEN

Liebe Synodal-Gemeinde!

5. Januar 2016. Im mail-Eingang finde ich die mail eines Ruhestandskollegen aus Dresden. Er schreibt unter anderem: Eine Frau ruft mich heute an. Aufgeregt. Aggressiv. Sagen sie doch endlich was zu Köln! Kaum habe ich zu einer Antwort angesetzt, schreit sie in den Telefonhörer: „Die Kirche ist doch das Letzte!“

Sagen sie doch endlich was! Sagen Sie doch endlich was zu Köln. Viel zu viel ist dazu schon gesagt. Aber längst nicht immer nur Hilfreiches. Aktionismus macht sich breit. Schuldzuweisungen. Schnelle Analysen. Männer. Nordafrika. Einfache Lösungen. Abschieben. Über Ursachen. Über die Opfer vor allem ist wenig zu hören.

Sagen sie doch endlich was! Sagen sie doch endlich was zu Jerusalem! Ihr sollt an Jerusalem getröstet werden. Das haben wir doch eben in der Lesung gehört. In Jerusalem sind gute Worte derzeit sehr gefragt. Angesichts von täglich stattfindender Gewalt, über die die Medien schon gar nicht mehr berichten. Auch hier nur zwei Sätze aus dem Weihnachtsbrief von Propst Schmidt: So haben wir die Situation hier noch nie erlebt! Auch seit vielen Jahren hier lebende Menschen sagten uns, dass es noch nie so schlimm war: der Hass, die Spirale der Gewalt.

Sagen sie doch endlich was! Sagen Sie doch endlich was zu Istanbul! Was soll ich sagen? Dass ich noch vor wenigen Monaten selber auf jenem Platz gestanden bin, der jetzt für zehn Menschen „das Letzte“ war. Und wo sie einen schrecklichen Tod gefunden haben. Dass ich dankbar bin, dass ich noch lebe.

Sagen sie doch endlich was! Sagen sie was zu Madaja, dieser Stadt in Syrien, in der die Menschen seit Monaten dem Hungertod nahe sind. Oder zu Zabadani, zu Fua und zu Kefraya – alles Städte in Syrien, in denen es den Menschen kein Haar besser geht. Über die man aber nur nicht so viel in den Zeitungen liest.

Sagen sie doch endlich was! So lässt sich die Erwartung vieler Menschen beschreiben. So lässt sich ihre Sehnsucht in Worte fassen. Dass sie etwas zu sagen hat, das erhoffen sich die Menschen auch von der Kirche. Nicht nur vom Bischof. Nicht nur vom Prälaten. Nicht nur von der Dekanin. Nicht nur von den Pfarrerinnen und Pfarrern. Nein, von allen, die ihr Vertrauen auf diesen Trost setzen, mit dem Gott tröstet. So tröstet, wie einen, den seine Mutter tröstet. Und es warten nicht nur die, die sich noch zur Kirche halten.

Es gibt fast so etwas wie eine Ökumene derer, die warten, dass da jemand etwas sagt. Und etwas zu sagen hat. Und die mit Argusaugen darauf achten, ob die Kirche denn nun wirklich das Letzte ist.

Ich will euch trösten wie einen, den seine Mutter tröstet! Ist es Trost, worauf die Menschen warten. Sage doch etwas, liebe Kirche, wenn du nicht das Letzte sein willst! Sage doch was zu all den offenen Wunden, mit denen sich diese geschundene Welt in dieses Jahr 2016 aufgemacht hat.

Ich will euch trösten wie einen, den seine Mutter tröstet! Reicht solcher Trost aus? Stillen, wie im Bibeltext so liebevoll und anschaulich beschrieben, schafft Ruhe, aber nur für wenig Stunden. Ein „Heile, heile Segen, s’wird bald wieder gut!“ – auch das kann’s doch wohl nicht gewesen sein. Ein Trocken der Tränen. Der Appell, die Zähne zusammenzubeißen und durchzuhalten, das ist doch nicht genug, wo sich der Schmerz eben nicht von selbst verzieht, wenn man nur die nötige Geduld hat.

Ich will euch trösten wie einen, den seine Mutter tröstet! Der Trost meiner Tränen, mein „Weinet mit den Weinenden!“ – das kann doch nicht alles gewesen sein. Die Tränen derer, die mir die abenteuerliche Geschichte ihrer Flucht erzählen - mehr noch, die mir die Gründe für ihre Flucht beschreiben, lassen mir doch den Atmen stocken lassen. Meine Tränen schaffen ihre Erfahrungen nicht aus der Welt. Meine Tränen trösten sie nicht wirklich. Und manchmal denke ich: Ich habe gar kein Recht mitzuweinen in den Verhältnissen, in denen ich lebe. In denen die meisten von uns hier leben.

Ich will euch trösten wie einen, den seine Mutter tröstet! Was also hilft weiter, wenn dieses Wort gefragt ist zu Köln, zu Jerusalem, zu Istanbul. Wenn’s hier um Trost geht, dann doch um rebellischen, widerborstigen Trost. Um Trost, der sich nicht vorschnell abspeisen lässt und zufrieden gibt. Um Trost, der aufdeckt, der beim Namen nennt. Um Trost, der mich nicht ungeschoren davonkommen lassen will. Der meine eigenen Verwicklungen, meine eigenen Interessen offen legt. Auch mein eigenes Nichtwissen, was recht ist, wenn schnelle gesetzliche Konsequenzen gefordert werden. Oder wenn gar im Eilverfahren unser militärisches Mitmischen beschlossen wird.

Ich will euch trösten wie einen, den seine Mutter tröstet! Nein, um billigen Trost geht’s nicht. Kann’s nicht gehen. Aber um Trost doch allerdings schon. Um den Trost des langen Atems der Hoffenden. Um den Trost der Langmut der Friedensstifter. Um den Trost der ins Leben gezogenen Mitmenschlichkeit der vielen, die sich engagieren. Nicht nur in den Flüchtlingsunterkünften. Auch in der Nachbarschaftshilfe. Auch in Freiwilligkeitsprojekten im Ausland, wo sich Jahr für Jahr unzählige junge Menschen engagieren.

Sehr viel aussichtsreicher war es um Jerusalem nicht bestellt, damals, vor mehr als zweieinhalbtausend Jahren, zu der Zeit, in der der Text mit der Zusage Gottes entstanden ist. Damals, als die ausgemergelten Heimkehrer aus dem Exil in Babylon in ein Land kommen, dem von seiner früheren Schönheit wenig geblieben ist. Trostlos ist, was sie vorfinden.

Ähnlich muss es sich angefühlt haben, wie es für die Menschen sein wird, die irgendwann – so hoffe ich - dann doch auch in ihre verlorene Heimat in Syrien zurückkehren können – dahin, wo dieser unsägliche Krieg derzeit jeden Tag soviel an Zerstörung anrichtet. Und wo dann womöglich auch Neues entsteht. Auf den Ruinen des Alten.

Wie Jerusalem eine neue Zukunft angesagt wird, dem alten Jerusalem damals, und dem heutigen womöglich irgendwann doch auch, so müssten unsere Trostworte heute doch auch klingen.

Sagen sie doch endlich was! Sag doch endlich was, liebe Kirche. Tröstend. Ermahnend. Aufbauend. Entlastend. Gute Wirklichkeit im Hoffen vorwegnehmend. Erglaubend. Ich will euch trösten wie einen, den seine Mutter tröstet! Darauf kommt’s also an. Und wenn die männlichen Gottesbilder versagen, weil wir Männer zu sehr verstrickt sind in diese Geschichte der Macht und der Macher, dann bleibt auch der Bibel der andere Weg. Der Weg, von Gottes mütterlicher Seite zu sprechen.

Sagen sie doch endlich was! Ein Wort gegen alle Trostlosigkeit muss das sein. Ein Wort, das Gestalt gewinnt, das gehört wird auch hier vor Ort. In den Gemeinden der Südlichen Kurpfalz. Wo doch auch kein Mangel an Trostbedürftigkeit herrscht. Wo Menschen leben, die als Flüchtlinge zu uns gekommen sind. Wo Menschen auf Hilfe angewiesen sind. Wo Menschen leiden unter zerbrechenden Beziehungen. Wo Menschen krank sind und traurig. Wie überall.

Sagen sie doch endlich was! Ihnen, den Pfarrerinnen und Pfarrern auch hier in der Südlichen Kurpfalz ist diese Aufgabe auf die Seele gelegt. Und all den anderen Mitarbeitenden auch. Ganz gleich, ob Kantor oder Gemeindediakonin. Egal ob beruflich oder ehrenamtlich.

Womöglich hat die Frau nämlich recht, von der die email ganz am Beginn berichtet hat. „Die Kirche ist doch das Letzte!“ Auch wenn Sie’s ganz anders gemeint hat. Schön, wenn sie zumindest am Ende sogar recht hätte. Wenn die Kirche das Letzte wäre. Die letzte Instanz, die ein Wort sagt, wenn alle anderen schweigen. Der letzte Zufluchtsort, wenn es sonst keinen anderen mehr gäbe. Die letzte Sicherheit, wenn sonst alles wegbricht. Weil Gott sich nicht heraushält aus der immer wieder aufbrechenden Trostlosigkeit.

Gut, wenn es so ist. Viel besser noch, dass es bislang gar nicht so weit gekommen ist. Weil andere auch noch ein Wort haben und etwas sagen. Auch außerhalb der Kirchenmauern. Und es sind immer noch viele. Sehr viele. Gottseidank!

Wenn die Tröster nicht schweigen, werden wir an Träumern keinen Mangel haben. Siehe, ich breite aus über Jerusalem den Frieden wie einen Strom und den Reichtum der Völker wie einen überströmenden Bach. Ihre Kinder sollen auf dem Arme getragen werden, und auf den Knien wird man sie liebkosen.

Trösten und liebkosen. Den Frieden ausbreiten wie einen Strom und Lebensgrundlagen wie einen überströmenden Bach. Davon sollten wir sprechen. Gerade angesichts von Köln. Gerade angesichts von Istanbul.

Die Vorkommnisse von Köln in der Neujahrsnacht – so menschenverachtend und schrecklich sie gewesen sind - sie sind nicht der Maßstab, den wir nun an die Flüchtlinge aus Afrika anlegen.

Das Attentat in Istanbul – es darf nicht dazu führen, am Ende diejenigen bei uns dafür mit verantwortlich zu machen, die gerade vor dieser Form von Gewalt zu uns geflohen sind.

Die täglichen Angriffe in Jerusalem – sie dürfen nicht zum Anlass werden, uns aus dem Engagement für einen gerechten Frieden im Mittleren Osten resigniert zurückzuziehen.

Getröstet – von Gott getröstet - da ist die Beschreibung der Wirklichkeit dann nicht das Letzte, was wir über diese Welt sagen können. Jede Veränderung der Gegenwart hat viele Anfänge. Und einer dieser Anfänge liegt ganz sicher auch hier. In Leimen. In den anderen Gemeinden der Südlichen Kurpfalz. Im Beraten und im Wählen ihrer Bezirkssynode.

Nein, wir müssen nicht sprachlos bleiben! Darum sagen wir auch etwas. Immer dann, wenn unser Wort gefragt ist. Weil Gott sein Wort über diese Welt längst gesprochen hat. In dem einen, in dem er sich eingelassen hat auf diese Welt. Auch in die Welt der Worte der Gewalt und der Attentate. Aber diesen dann nicht das letzte Wort überlassen hat.

Sag doch was, Gott! – mögen wir beten. Und müssten doch nur hören, was Gott sagt. Durch uns. Überfließender, weitergegebener Trost. Durch uns. Auch heute Abend. Zu schweigen, das wäre doch das Letzte. Amen.


Traugott Schächtele

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