ANSPRACHE
ANLÄSSLICH DES GOTTESDIENSTES MIT GRUPPEN-ORDINATION
AM SONNTAG, DEN 1. MAI 2016 (ROGATE)
IN DER LUTHERKIRCHE IN HEIDELBERG-BERGHEIM

Liebe Ordinandinnen: Frau Covolo, Frau Dangel, Frau Rensch, Frau Thiem!
Lieber Ordinand: Herr Ghiretti!
Liebe Fest-Gemeinde!

27. November des Jahres 1095 nach Christus: Auf der Synode von Clermont ruft Papst Urban II. zur Befreiung Jerusalems auf. Gott will es! Deus vult. Mit diesem folgenreichen Satz, aus tausenden Kehlen gemeinsam gerufen, stimmen die Menschen dem Aufruf zum ersten Kreuzzug zu. Gott will es!

Gott will es! Das ist das Totschlagargument. Manchmal im wirklichen Sinn des Wortes. Die Kreuzzüge sind der womöglich dunkelste Fleck auf dem Gewand der Kirche. Ich bin sicher: Gott hat sie nicht gewollt!

Gott will es! Das ist ein anscheinend schlagendes Argument durch die Jahrhunderte hindurch – bis heute. Das Gegenteil übrigens auch. Gott will es nicht! Gerade nach der Tagung der Landessynode in der vergangene Woche mit ihrem Beschluss zur Segnung von Menschen, die in einer eingetragenen Lebenspartnerschaft leben, habe ich das ein ums andere Mal gehört. Gott will es nicht, was da beschlossen wurde.

Gott will es! Und: Gott will es nicht! Woher wissen die Menschen das immer so genau? In den meisten Fällen heißt dieser Satz doch einfach: Ich will es! Oder ich will es nicht! Und dann nehme ich einfach den lieben Gott für mich in Anspruch. Zur Verstärkung nicht ausreichender Argumente.

Gott will es! Das ist auch der Einstieg in den Predigttext für diese Ordinationsgottesdienst. Es ist der zweite Teil des für diesen Sonntag Rogate ohnedies vorgeschlagenen Predigttextes, nach hinten aber noch um einen Vers erweitert. Hören sie also auf Worte aus dem 2. Kapitel des 1. Briefes an Timotheus. Dort lesen wir in den Versen 4-7:

Gott will! Gott will, dass allen Menschen geholfen werde und sie zur Erkenntnis der Wahrheit kommen. Denn es ist ein Gott und ein Mittler zwischen Gott und den Menschen, nämlich der Mensch Christus Jesus, der sich selbst gegeben hat für alle zur Erlösung, dass dies zu seiner Zeit gepredigt werde. Dazu bin ich eingesetzt als Prediger und Apostel – ich sage die Wahrheit und lüge nicht –, als Lehrer der Heiden im Glauben und in der Wahrheit.

Zunächst: Gut, dass wir bei der Abgrenzung dieses Textes mit dem 7. Vers aufgehört haben. Wenige Verse weiter, im 12. Vers heißt es nämlich: „Einer Frau gestatte ich nicht, dass sie lehre!“ Und wenn wir den Briefschreiber gefragt hätten, wie er dazu kommt – ich bin sicher, seine Antwort wäre gewesen: Gott will es so!

Wenn das aber stimmen würde, was er sagt oder besser schreibt, dann ständen die heutigen Ordinationen zum großen Teil im Widerspruch zu Gottes WiIlen. Schließlich sind vier von ihnen fünf Frauen! Ich bin sicher: Es ist nicht Gottes Wille, dass sie schweigen sollen. Schließlich waren Frauen auch schon die ersten Botinnen des leeren Grabes am Ostermorgen. Nicht vorzustellen, die Frauen hätten in der Kirche das Schweigen gewahrt!

Aber ohne den Verweis auf Gottes Willen kommt auch der Predigttext nicht aus: „Gott will, dass allen Menschen geholfen werde und sie zur Erkenntnis der Wahrheit kommen.“ Also auch hier: Gott will! Aber eher zur Beschreibung der Rahmenbedingungen des Glaubens. Weniger zur Verfolgung persönlicher Interessenlagen.

Drei Botschaften, die zentral sind für Ihre Ordination und den Beruf als Pfarrerin oder als Pfarrer – drei solcher Botschaften springen mir bei diesem Text geradezu ins Auge. Zunächst – gleich im ersten Satz: Die doppelten Rahmenbedingungen des Kirche-Seins: Hilfe für allen Menschen und Erkenntnis der Wahrheit. Weil Gott es will – so zumindest, wenn wir dem Text recht geben.

„Gott will – dass allen Menschen geholfen werde ...“ Das griechische Wort für helfen oder auch retten meint in seiner ursprüngliche Bedeutung nicht die geistliche Rettung. Es geht um Bewahrung und um leibliches Wohlergehen. Es geht um sichere Heimkehr von einer Reise und um körperliche Unversehrtheit. Knapp gesagt, es geht um das, was heute die Anliegen der Diakonie sind.

Der Text selber entfaltet diesen Gedanken aber nicht. Die „Erkenntnis der Wahrheit“ ist ihm das größere Anliegen. Er spricht von der Beziehung zwischen Gott und Mensch. Er spricht von Erlösung und von der Bedeutung des Mittlers. Theologie oder besser Lehre – so scheint es – geht vor Diakonie.

Erstaunen muss uns das nicht. Wenn die Kirche in Krisen gerät, hat die Lehre meistens Vorrang. Anderes fällt dann allzu leicht hinten runter. Das kann man auch im Reformationsjahrhundert sehen. Im Augsburger Bekenntnis etwa. „Kirche ist “, so lesen wir da, „wo das Wort Gottes rein verkündigt und die Sakramente recht verwaltet werden.“ Für den tätigen Einsatz keine Silbe. Werke!?

Als Pfarrerin und Pfarrer sind sie Menschen mit Herz und Hand! Meine Bitte darum an Sie an ihrem heutigen Ordinationstag: Halten sie beides immer eng zusammen. Verkündigung geschieht immer in Wort und Tat. Kirche ist ohne Diakonie nicht zu denken. Der Kirche ist es geradezu ins Stammbuch geschrieben, der Armut, der Ungerechtigkeit, dem Ausgeschlossensein zu widersprechen. Denn „Gott will, dass allen Menschen geholfen werde.“

Sie sollen aber auch zur „Erkenntnis der Wahrheit kommen.“ Der Markt der Wahrheiten ist bunt in diesen Tagen. Wer hat recht? Religionen stehen in Konkurrenz zueinander. Welche ist die richtige? Wissenschaft und Bibel beschreiben die Welt und den Menschen sehr unterschiedlich. Welcher Anschauung sollen wir folgen?

Als Pfarrerin und Pfarrer sollen sie Schneisen schlagen. Auf den Wegen der Wahrheitssuche Orientierung bieten. Rede und Antwort stehen, wenn Menschen von ihnen Klärendes und Erhellendes hören wollen.

Als Pfarrerin und Pfarrer sind sie Menschen mit Herz und Verstand! Meine Bitte darum an Sie an ihrem heutigen Ordinationstag: Halten sie beides immer eng zusammen. Scheuen die das mutige und aufdeckende Wort nicht. Sagen sie offen, wie sie die Dinge sehen. Aber in der Regel ohne den Zusatz: Gott will es so. Gott hat eigene Wege, den Menschen seinen Willen kundzutun.

Bleibt ein Drittes, was diesen Text für mich lohnend, ja faszinierend macht. Meines Erachtens das Schönste. Lehrer und Lehrerin des Glaubens und der Wahrheit sollen sie sein. Nicht für die Eingeweihten allein. Nicht nur für die hoch mit der Kirche Verbundenen. Nein: für die Heiden steht da. Für diejenigen also, die auf der Suche sind. Für diejenigen, die auch mit anderen Wahrheiten gut leben. Aber auch für die Skeptiker, die keiner Wahrheit mehr trauen. Diejenigen, die mit leeren Händen da stehen.

Als Pfarrerin und Pfarrer sind sie Menschen mit einem weiten Herz. Menschen, die bis an die Grenzen gehen. Manchmal auch darüber hinaus. Meine Bitte darum an Sie an ihrem heutigen Ordinationstag: Halten sie eng zusammen, worauf sie diesseits und jenseits dieser Grenzen stoßen. Auch wenn sie den Ausgangspunkt ihrer Wege mitten aus der Kirche heraus nehmen - lassen sie die Welt nicht aus den Augen. Bringen sie beide immer wieder fruchtbar zusammen.

Lehrerin und Lehrer zu sein für die, die draußen sind, das ist fast das Spannendste, was ihnen vor die Füße gelegt wird. Sprachfähig werden im Glauben. Und anderen zur Sprachfähigkeit verhelfen.. Menschen neugierig machen auf Theologie. Das Gottes-Thema in der Welt im Schwange halten. Unaufdringlich. Aber zugleich auch unüberhörbar – das ist die Königsdisziplin im Pfarrberuf.

Und darüber hinaus, liebe Gemeinde! Was ich eben gesagt habe im Blick auf diese Fünf – eigentlich gilt es für uns alle. „Denn“ – um Martin Luther zu Wort kommen zu lassen, „was aus der Taufe gekrochen ist, das kann sich rühmen, es sei schon zum Priester, Bischof und Papst geweiht.“ Die Taufe also macht’s am Ende. Durch die Taufe sind wir alle begabt. Aufgefordert, Kirche und Welt mitzugestalten. Und ich wage jetzt doch hinzuzufügen: Gott will es so. In der Taufe bringt Gott seinen guten Willen für uns Menschen zur Anschauung. „Denn Gott will, das allen Menschen geholfen werde und sie zur Erkenntnis der Wahrheit kommen.“

Mit dieser Aufgabe werden wir für erste nicht fertig. Ob ordiniert oder nicht. Aber das ist kein Grund, nicht kräftig einzusteigen in dieses Geschäft. Mit aller Energie, die wir haben. Mit allen Gaben, die in uns gelegt sind. Wenn es wirklich Gott ist, der das will, wird Gott es an seinem guten Geist nicht fehlen lassen. Für uns alle gilt das. Und heute vor allem für sie, die sie hier ordiniert werden. Das vor allem lasst uns heute feiern. Amen.

Traugott Schächtele

zurück