„EINMAL PARADIES UND ZURÜCK“
GOTTESDIENST
AM SAMSTAG, DEN 20. AUGUST 2016 IN NEUENDORF UND AM SONNTAG, DEN 21. AUGUST 2016 IN KLOSTER
INSEL HIDDENSEE

Liebe Gemeinde! Das Leben ist schön. Keine Frage. Wer weiß dies nicht. Aber Leben ist immer zugleich auch Müh und Arbeit.

Das Leben ist schön, wenn der Sommer schön ist! Urlaub ist schön, weil das Leben eben nicht immer nur schön ist. Weil wir uns nach Unterbrechung sehnen. Nach Entlastung. Nach Tagen und Wochen der Freiheit von Projekten und Terminplänen. Von Büroluft und Kollegen oder Kolleginnen. Sommertage sind schön, weil sie uns immer wieder den kleinen Ausstieg ermöglichen. Weil das Nein endlich zu seinem Recht kommt. Und das sonst oft verdrängte Ja.

In drei Gedankengängen will ich diesen Überlegungen nachgehen. Den ersten Gedankengang habe ich darum überschrieben: Exodus oder die große Unterbrechung.



Exodus oder die große Unterbrechung

Lesung 1
In den zehn großen Weisungen heißt es: Sechs Tage sollst du arbeiten und alle deine Werke tun. Aber am siebenten Tag ist der Sabbat des Herrn, deines Gottes. Da sollst du keine Arbeit tun. Da sollst du daran denken, dass du Knecht in Ägyptenland warst und dich nach der Freiheit von Mühsal und Plage gesehnt hast.

Lesung 2
Und Gott sprach: Weil Du von den Früchten des Baumes gegessen hast, von denen ich Dir gesagt habe, Du sollst nicht davon essen -, verflucht sei der Acker um deinetwillen! Mit Mühsal sollst du dich von ihm nähren dein Leben lang. Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen! Da vertrieb ihn Gott aus dem Paradies.

- den Text aufnehmende Klänge –

Verkündigung 1

Urlaub das ist manchmal der Exodus auf Zeit. Die Erweiterung unserer sonst oft von Sachzwängen begrenzten Möglichkeiten. Exodus - Auszug oder die große Unterbrechung. So habe ich diesen ersten Teil unseres Nachdenkens überschrieben.

Leben unter den Bedingungen unserer Wirklichkeit heißt, die Begrenzung unserer Möglichkeiten aushalten lernen. Und sie ins Positive zu wenden. Die Entscheidungsalternativen auf ein erträgliches Maß zu reduzieren. Ich kann mir nicht auf Dauer jede Tür offen halten. Kann nicht jedem Traum nachhängen. Weil ich Energie brauche, um die Wirklichkeit zu gestalten.

So schlecht leben wir doch meist gar nicht – auch nicht als solche, die aus dem Paradies vertrieben wurden. Wir haben uns Mitte genug geschaffen, um das Leben. Das Leben im Schweiße unseres Angesichtes haben wir auszuhalten gelernt. Nicht selten leben wir im Paradies vor dem Paradies. Haben uns Gestaltungsspielräume geschaffen. Können die Welt zum Guten hin verändern. Wir haben gelernt, unsere Möglichkeiten als Kooperationspartner Gottes ausnützen.

Wir können aussteigen. Unsere Möglichkeiten wieder weiten. Weil wir nicht nur reif sind für die Insel. Wir sind auch längst reif für’s Paradies. Unser Leben – hier auf der Insel – das könnte auch heißen: Wir nähern uns dem Paradies wieder an. Zumindest auf Zeit.

Dazu braucht es nicht einmal unbedingt den Ortswechsel. Die Reise über Hinderte oder gar Tausende von Kilometern. Auch wenn der manches leichter macht. Es reicht schon die Bereitschaft zum Perspektivwechsel. Die Fähigkeit, die alte, vertraute Lebenswelt mit anderen Augen zu sehen.

Genau das war über Jahrhunderte die Aufgabe der Religion. In Festen unterschiedlichster Art, in Prozessionen, in heiligen Spielen und sakralem Tanz wurde die Grenze der Wirklichkeit überschritten. Heute hat das Reisen manche dieser Funktionen übernommen. Das Heraustreten aus dem Alltag. Der Bruch mit der Vorfindlichkeit. All dies macht unseren Ortswechsel zu einer modernen Form der Pilgerreise. Der Mythos des Paradieses aus uralter Zeit – die Hoffnung auf die Erneuerung der Schöpfung – auf einen neuen Himmel und eine neue Erde - sie wird von neuem ins Leben gezogen.

- Das Lied vom anderen Leben – Strophe 1 -

Thema-Teil 2

Das Wunder der Heilung durch das Heilige

Lesung 1
Da sprach der HERR zu Mose: Mache dir eine Schlange aus Metall und richte sie an einer Stange hoch auf. Wer gebissen ist und sieht sie an, der soll leben. Da machte Mose eine solche Schlange und richtete sie hoch auf. Und wenn jemanden eine Schlange biss, so sah er die eherne Schlange an und blieb leben.

Lesung 2
Als die Frau von Jesus hörte, kam sie in der Menge von hinten heran und berührte sein Gewand. Und Jesus wandte sich um in der Menge und sprach: Wer hat meine Kleider berührt? Die Frau aber fürchtete sich und zitterte, denn sie wusste, was an ihr geschehen war; sie kam und fiel vor ihm nieder und sagte ihm die ganze Wahrheit. Er aber sprach zu ihr: Frau, dein Glaube hat dich gesund gemacht!

- den Text aufnehmende Klänge –

Verkündigung 2

Der Kontakt mit dem Heiligen kann gesund machen. Heilige Orte. Heilige Berge. Heilige Bilder. Ja, auch heilige Menschen. Heilig ist manchmal fast gleichbedeutend mit heilend. Daher habe ich diesen Teil „Das Wunder der Heilung durch das Heilige“ überschrieben. Unser Verreisen gleicht immer mehr den Wallfahrten zum Heiligen.

Was das für uns jeweils Heilige ist, das hängt von den individuellen Prägungen und Vorlieben ab. Ausstellungen haben lange Wartezeiten. Manche Ausstellung hat inzwischen rund um die Uhr geöffnet. Und es ist erstaunlich, mit welcher Disziplin viele über Stunden in Warteschlangen ausharren, um dem für sie Heiligen zu begegnen.

Nicht auf Detail-Kenntnis kommt es aber am Ende an. Sondern auf den Kontakt mit der Echtheit. Der Authentizität. Etwas mit eigenen Augen gesehen haben. Sagen zu können: Ich war dabei. Oder ich war dort. An diesem besonderen Ort. Auf dieser besonderen Insel.

Es kommt nicht allein auf die Dauern an, wenn ich den heiligen Ort betrete. Weniger als eine Stunde verweilt ein Besucher durchschnittlich in Uffizien in Florenz. An anderen heiligen Orten der Kunst wird es kaum anders sein. Letztendlich ist die Echtheit nicht das Wesentliche.

Ich war schon öfters in Jerusalem. War dort auch an den heiligen Orten auch des Christentums. Ich könnte mich dort immer fragen: Ist das Gartengrab wirklich das Grab Jesu? Oder hat am Ende doch die Tradition der Grabeskirche recht? Am Ende ist es der Mythos, der wirkt. Dein Glaube hat Dir geholfen, sagt Jesus. Nicht etwa Dein Verstand. Oder dein Wissen.

Das heiligen Wasser auf der Haut gespürt zu haben. Dem Bild aus den Händen eines Großen der Kunst Auge in Augen gegenüber. Das entfaltet Wirkung. Das entlastet. Das befreit.

Und es ist jenem anderen heilenden Mythos vergleichbar. Dem, der sich ausdrückt in der Sehnsucht nach der angeblich unberührten Natur. So ganz anders ist sie als die zu Hause. Die herrlichen, Strände. Der prächtige Sternenhimmel. Die glücklichen, braungegerbten Gesichter des Ostseefischischers. Oder des Weinbergbesitzers in der Toskana. Also doch einfach zurück zur Natur. Aber nicht andauernd hinter die Kulissen schauen. Damit der Zauber wirkt.

Der Urlaub verträgt keine Entmythologisierung. Weil er Wunder wirken soll. Er entfaltet mehr Kraft zur Gleichmachung der Ungleichen als jedes politische Programm. Die wenigen Fetzen Stoff, mit denen man sich am Strand noch umhüllt – oder auf die man ganz verzichtet – sie berauben uns aller Statussymbole. Vor dem Sprung ins Wasser sind alle gleich.

Tatsächlich bringt uns die Unterbrechung des Alltäglich – der Urlaub - der Gleichheit näher. Ob an fernen Stränden. Oder zu Hause. Wo das Heilige uns heilt, wächst die Ahnung und die Sehnsucht danach auf’s Neue. Die Sommerwochen – das könnte die Zeit werden, um sich auf das Wesentliche zu besinnen. Das eigene Licht unter dem Scheffel hervorzuholen. Den eigenen Wert erkennen und zum Leuchten zu bringen. Sich daran erinnern zu lassen, dass wir geschaffen sind nach Gottes Bild. Alle. Ohne Ausnahme!

Die Begegnung mit uns selbst, die Begegnung mit dem Heiligen bringt uns der Erlösung näher. Der Erlösung von belastenden Zwängen. Der Erlösung von der resignativen Einsicht, es bliebe doch sowieso immer alles beim Alten. Der Erlösung von allem, was uns den Blick in die Zukunft verbaut. „Geh’ in Frieden und sei gesund!“ Einen besseren Urlaubswunsch kann es eigentlich gar nicht geben.

- Das Lied vom anderen Leben – Strophe 2 -

Themen-Teil 3

Das Wunder der Verwandlung

Lesung 1
Da stieg Naaman ab und tauchte unter im Jordan siebenmal, wie der Mann Gottes geboten hatte. Und seine Haut wurde wieder heil wie die Haut eines Kindes, und er wurde rein. Und er kehrte geheilt zurück zu dem Mann Gottes mit allen seinen Leuten.

Lesung 2
Darum: Ist jemand in Christus, so ist er eine neue Schöpfung; das Alte ist vergangen, siehe, Neues ist geworden.

- den Text aufnehmende Klänge –

Verkündigung 3

Manchmal wachen wir morgens auf wie verwandelt. Mag die Sonne über unserem Zorn untergegangen sein – sie geht nicht mehr über ihm auf. Eine Nacht darüber geschlafen – und die Dinge sehen oft ganz anders aus.

Ganz könnte es in diesen Sommerwochen sein. Sie werden zur Zeit, die Wunden zu heilen vermag. Zur Zeit, die den neuen Blick ermöglicht. Zur Zeit, die zwar nicht alles wieder ins Lot bringt, aber allem die rechte Dimension zuweist.

Diese Wochen des Sommers hier auf der Insel: Warum nicht darauf vertrauen, dass sie den Neuanfang möglich machen. Das Meer, das zum Wasser der Verwandlung wird – sein Nass bleibt nicht ohne Nachwirkung. Das Wasser – wie die Berge übrigens auch – sie sind schon in der Bibel der Ort der Gottesbegegnung. Die Ferienzeit – die Gelegenheit der Erfahrung der Neu-Schöpfung. Der kleinen, aber nachhaltigen Verwandlung.

Erfahrener kommen wir zurück – nicht selten im doppelten Sinn des Wortes. Erholt. Verwandelt. Am Ende dieser Tage muss nicht der Rückfall in die alten Gewohnheiten, die alten Verstrickungen stehen. Am Ende erwartet uns die Möglichkeit des Neuanfangs unter den Bedingungen des neugewonnenen Abstandes. Und des Blicks, der alles verändert.

Das Wunder der Verwandlung habe ich diesen dritten Teil des Nachdenkens überschrieben. Sich verwandeln lassen. Als Verwandelte zurückkommen. Als Neugewordene wieder in den Alltag eintauchen. Reisen als Spiegelbild dessen, was wir uns von Religion erhoffen. Reisen als intensive Form des Glaubens. Glauben mit der ganzen Person. Gerade der, die auf Erholung und Entlastung angewiesen ist. Pilgerbrauchtum am Beginn des 21. Jahrhunderts. Alte Weisheit in neuen Formen. Aus neuen Quellen das kostbare Wasser der Weisheit genießen.

Doch die Quelle wird nur dann zur Lebensquelle, wenn wir aus ihr trinken. Warum also nicht nach diesen Quellen suchen. Formen des eigenen Glaubens einüben. Kirchen nicht nur aus kunsthistorischem Interesse aufsuchen, sondern einfach, um dort mitfeiern.

Sich Zeit nehmen! Für sich selber. Lesen und von den Erfahrungen anderer profitieren. Anteil nehmen an dem, was andere trägt und worauf sie ihre Hoffnungen gründen. Gewinn ziehen aus deren Erfahrungen. Ruhig Gott ins Spiel des Lebens bringen. Und ins Spiel kommen lassen. Raum geben für die Einsicht, dass uns das Wesentliche im Leben als Geschenk wiederfährt. Gratis. Aber eben nicht beliebig ersetzbar oder austauschbar.

- Das Lied vom anderen Leben – Strophe 3 -

Wir können eine neuen Ahnung davon gewinnen, was mit dem Paradies gemeint ist. Nur sesshaft werden – sesshaft werden können wir dort nicht. Wir bleiben unterwegs. Als Pilgerin und als Pilger des Lebens.

Wie in jener Geschichte, die von zwei Wanderern erzählt, die sich nachts in der Wüste verirren. Am Ende finden sie in einem Kloster Unterschlupf. Karg sind die Zellen eingerichtet. Und sie fragen den Abt, warum man im Kloster auch auf das scheinbar Allernötigste verzichtet. „Ihr habt doch auch nichts dabei als nur das Allernötigste“, entgegnet der Abt. „Wir sind doch auch auf der Durchreise“, sagt einer der Wanderer. „Wir auch!“ entgegnet der Abt.

Leben ist immer Leben in Vorläufigkeit. Leben ist Leben unterwegs. Wir sind alle auf der Durchreise. Und wir sind dankbar, den an unserer Seite zu wissen, dem sich alles Leben verdankt. Damit wir nicht nur in den Sommerwochen leben. Und damit unser Leben immer nach Ferien und nach Fest schmeckt. Nach Unterwegssein und nach Ursprünglichkeit.

Wir können uns vom Leben verwandeln lassen. Und unsere Wege unter Gottes Segen gehen. Leben in der Fülle der Möglichkeiten, die uns zugedacht sind. Das ist Leben pur.

Dahin lasst uns aufbrechen. Amen.

Lied (A77-755,1-7) Lasst uns gehn ...

Das Lied vom anderen Leben (TS Hiddensee 2016)
Ich will dem Leben, das mir gegeben,
mit Herz und Sinnen nachspür’n; beginnen
dem, was in mir liegt, ganz fest zu vertrau’n.
Ich will neu sehen, die Schritte jetzt gehen
auf deinen Wegen und unter dem Segen,
der mich begleitet. Auf dich will ich bau’n

Wo ich geschunden, will ich gesunden
an Leib und Seele, dass mir nichts fehle,
was meinem Leben fest Halt gibt und Grund.
Ich will jetzt fragen, will mutiger wagen,
neu zu gestalten, wo Kräfte noch walten,
die nur vertrauen vergangener Stund’.

Vom Paradiese träum ich und fließe
in neues Werden. Mitten auf Erden,
schafft deine Schöpfung im Wandel sich Raum.
Grenzen zu schieben, den Nächsten zu lieben,
bin ich berufen, und steig’ meine Stufen,
zu neuen Höhen und leb’ meinen Traum!

Traugott Schächtele

zurück