Rede zum 190. Todestag von Johann Peter Hebel

ANSPRACHE AM HEBELGRAB
17. SEPTEMBER 2016 - SCHWETZINGEN


Wenn wir in diesen Tagen des 190. Todestages von Johann Peter Hebel gedenken, dann steht dieses Gedenken unter besonderen Vorzeichen. Dieses Jahr ist kein Jahr wie die unzähligen anderen zuvor. Diese Aussage gilt an sich immer. Kein Jahr gleicht dem anderen. Ich meine aber noch einmal etwas anderes.

Die Welt – so scheint’s – gerät aus den Fugen. Sie gerät in Gefahr, ihre tragende Balance zu verlieren – jene Balance, der wir Jahrzehnte des Friedens, des sozialen Ausgleichs und des erträglichen Miteinanders verdanken. Gegenüber unserem Gedenken an derselben Stelle vor zwei Jahren haben sich die lokalen und die globalen Rahmenbedingungen grundlegend verändert. „Die Zukunft ist wieder offen!“ – so hat es ein Publizist vor einigen Wochen in der Zeit beschrieben.

Gleichwohl gibt es Konstanten in aller Dynamik des Wandels. Eine durchaus aussagekräftige Konstante besteht darin, dass wir auch heute wieder an dieser Stelle – vor dem Grab Johann Peter Hebels – stehen. Wir sind – gottseidank! - weitdavon entfernt, „dass ein Gespräch über“ Johann Peter Hebel „schon ein Verbrechen ist“ – um einen Satz des Dichters Bertolt Brecht zu variieren. Im Gegenteil. Die Tatsache, dass wir uns heute auch 190 Jahre nach dem Todes Hebels hier versammeln, sendet ein anderes Signal. Menschen, deren Gedenken auch nach so langer Zeit in so vitaler Weise begangen wird, haben sich wohl bleibend verdient gemacht. Wir hatten und haben Menschen wie Johann Peter Hebel nötig. Und heute eher noch mehr als zu Hebels Lebzeiten. Weil die Konfliktklagen komplexer geworden sind.

Was können wir von Hebel lernen, das wir fruchtbar einbringen könnten in die Unübersichtlichkeiten der Gegenwart? Auf ein Dreifaches will ich hinweisen.

Zunächst: Für Hebel galt in herausragender Weise, was für den früheren Bundespräsident Johannes Rau das politische Leitmotiv war: „Versöhnen statt Spalten“. Exemplarisch wurde das in seiner Vita an seinem Beitrag zur badischen Kirchenunion im Jahre 1821. Lutheraner und Reformierte standen damals teilweise in weitaus heftigerem Gegensatz als die Konfessionen heute. Hebel hat hier in kluger und politisch erfolgreicher Weise ausgleichend und verbindend gewirkt. Dem europäischen Projekt wäre heute ein solcher Pfadfinder auf den Wegen zu neuer Gemeinsamkeit zu wünschen. Hebel würde dafür werben, dass der Geist von Bratislava, den die 27 gestern meinten ausgemacht zu haben, keine Eintagsfliege oder gar Mogelpackung bleibt. – Ich wäre froh, wir hätten heute mehr Menschen, die seinen Spuren folgten. Einer wie Hebel – der fehlt uns heute!

Ein zweites: Für Hebel galt in ähnlich bedeutsamer Weise das Motto „Erziehen und Bilden statt Indoktrinieren“. Hebel war ein Volkserzieher im besten Sinn des Wortes. Seine Kalendergeschichten, die Sammlung seiner Biblischen Geschichten, sein Katechismus, seine Mitwirkung in der schulischen Bildung – sie alle zeugen von seinem aufklärerischen Vertrauen in die menschliche Vernunft. Die Menschen sollten die Welt selber verstehen und im Vertrauen auf die eigene Vernunft und nicht gegen sie – zum Glauben fähig sein. Falsche Ideologisierung auf der Basis von Unwahrheiten, die mittlerweile bei uns Einzug gehalten hat – Hebel hätte ihr freundlich, aber klar und vehement widersprochen. Ich wäre froh, wir hätten heute mehr Menschen, die seinen Spuren folgten. Einer wie Hebel – der fehlt uns heute!

Ein drittes Motto für uns heutige lässt sich aus dem Leben Hebels ableiten, das ich mit den Worten umschreiben möchte: „Verantwortungsübernahme statt Rückzugsdenken“. Kein Zweifel: Hebel war ein Zauderer. Aber wenn es zum Schwur kam, hat er sich der Verantwortung gestellt. Er war nicht wirklich ein leidenschaftlicher Politiker. Aber als Prälat hat er die Aufgabe seines Sitzes in der Ersten Kammer des Badischen Landtags dennoch ernstgenommen. Die Verfassung vom August 1818 wurde mit seiner Stimme verabschiedet. Bei der Grundsteinlegung des Ständehauses in Karlsruhe hat er die Festrede gehalten. Und den zögerlichen Großherzog das recht des Interessen des Volkes mutig ans Herz gelegt. Seinen Traum vom Rückzug auf eine schöne Gemeindepfarrstelle hat er ein ums andere Mal zurückgestellt und am Ende ganz geopfert, weil seine Kirche ihn immer wieder mit anderer Verantwortung betraut und belastet hat. Ein Zauderer war er, ja das stimmt. Aber ein Egoist im Interesse der eigenen Innerlichkeit war er nicht. Ich wäre froh, wir hätten heute mehr Menschen, die seinen Spuren folgten. Einer wie Hebel – der fehlt uns heute!

Wir stehen heute nicht ohne Grund gedenkend an diesem Grab eines Großen. Und wir haben allemal die Chance, der aus den Fugen geratenen Welt zu neuer Balance zu verhelfen. Wenn wir uns aufmachen, „ein bisschen Hebel“ zu sein – der Welt würde es nicht schaden. Und die offene Zukunft, von der ich gesprochen habe, erwiese sich als Chance für einen Neubeginn. Johann Peter Hebel hätten wir dabei allemal auf unserer Seite. Seiner gedenken wir heute darum zu Recht!


Traugott Schächtele

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