ANSPRACHE
IM RAHMEN DER MORGENANDACHT
BEI DER 5. TAGUNG DER 12. LANDESSYNODE AM 18. OKTOBER 2016

Liebe Schwestern und Brüder hier bei der Landessynode!

„Ihr seid meine Zeugen!“ Das ist die Tageslosung für heute. In der Lesung haben wir eben den größeren Zusammenhang gehört. Und dass das „Ihr seid meine Zeuginnen!“ noch dazugesagt werden muss, ist hoffentlich eine schiere Selbstverständlichkeit.

„Ihr seid meine Zeuginnen und Zeugen!“ – angesprochen ist damit nicht irgend eine Art von Zeugnis. Vielmehr geht’s um die Öffentlichmachung dessen, wovon wir leben und worauf wir uns gründen. Dieses besondere Zeuginnen- und Zeugenamt lässt sich sehr unterschiedlich wahrnehmen.

Manchmal durch eine mutige Rede, ja bisweilen auch durch mutigen Widerspruch. Schließlich sind wir doch Protestantinnen und Protestanten!

Zeugin und Zeuge sind wir auch – und womöglich noch mehr als im bloßen Reden – in unserem Handeln. Unserem rechten Handeln.

Ein Zeuge der ganz besonderen Art steht häufig im Mittelpunkt unseres Gedenkens an 500 Jahre Reformation. Die Woge dieses Gedenkens rollt jetzt endgültig auf uns zu. Keine Chance mehr, ihr zu entgehen. Da ist es womöglich besser, sich mutig in sie hineinzuwerfen und mit ihr durch dieses vor uns liegende Gedenk-, Fest- und Jubiläumsjahr zu schwimmen als sich ihr entgegenzustellen oder sich gar vor ihr in Sicherheit bringen zu wollen!

Der besondere Zeuge, von dem ich jetzt spreche, übt sein Zeugenamt bereits seit zweieinhalb Jahren aus. Weit mehr als 400.000 mal verkauft. Schon jetzt die erfolgreichste Playmo-Figur aller Zeit. Um den Playmo-Zeugen Martin Luther soll’s heute morgen gehen. Und manche unter ihnen werden sich womöglich fragen: Ist denn zu diesem Playmo-Luther nicht schon alles gesagt? Schließlich hat er sich nicht nur in unserer Landeskirche, sondern auch in unzähligen säkularen Nischen unserer Gesellschaft längst inflationär verbreitet.

Dem mag so sein – wenn da nicht Dr. Martinus selber auch noch etwas anzumerken hätte. Und wie wir ihn kennen, ist das nicht seiner Playmobil-Eitelkeit geschuldet, sondern seiner theologischen Leidenschaft.

„Schaut her“ – jetzt beginnt er selber zu reden – „so stellt ihr euch mich also vor. So hättet ihr mich zumindest gern. Handzahm und aufs rechte Maß zurechtgestutzt. Ihr nehmt mich aus der kleinen Box, schön in Einzel-Teile portioniert und steckt mich dann hübsch zusammen. Haare, Barrett, Bibel und Feder – ein Punkt, Punkt, Komma, Strich – Fertig-Luther. Freundlich, harmlos und fürs Büffet geeignet. Und dann seid ihr ganz aus dem Häuschen, wenn euch statt meiner Feder so manches Sätzlein aus meinen Schriften so ins Herz und Hirn sticht, dass es wehtut.

Merkt, ihr lieben Synodalen, das ist euer erster Irrtum.

Und als geistlicher Rat sei euch dazu gesagt: Nehmt die Menschen wie sie sind, mit ihren Ecken und Kanten, und nicht so, wie ihr sie gerne hättet. Sie sind dann meist nicht so handzahm. Aber viel interessanter, weil Gott sie so gemacht hat.

Und euer zweiter Irrtum sei gleich hinzugefügt. Wenn ich mich so sehe, dann bin ich mir meiner selbst nicht mehr gewiss. Da übermannt mich eher ein Schwindel. Wer bin ich, frage ich mich da? Ein Schreiber, schließlich habt ihr mir eine Feder in die Hand gegeben. Ein gelehrter Professor? Der Talar deutet darauf hin. Oder habt ihr nicht sogar doch schon einen eurer Pfarrer aus mir gemacht? Wie im Ausgehfrack habt ihr mich auf jeden Fall herausgeputzt. Dabei konnte ich mir oft jahrelang kein neues Dienstgewand leisten. Katharina hat mehr als einmal darüber gejammert.

Ihr konntet euch nicht entscheiden, als was ihr mich denn haben wollt. Daher mein zweiter geistlicher Rat. Wenn ihr einen Menschen vor euch habt, dann seid ehrlich zu euch selber. Fragt euch, als was - oder als wen - ihr ihn anseht. Dann werdet ihr nachher auch nicht so enttäuscht sein, wenn er oder sie sich als plötzlich ganz anderer Mensch entpuppt.

Und der dritte Irrtum sei gleich daneben gestellt. Ich weiß nicht, wer euch da Modell gestanden hat. Ich war’s sicherlich nicht. Sehe ich denn in euren Augen so aus? Habt ihr denn nie ein Bild von mir aus der Hand von Meister Cranach angeschaut? Wie einen Maler habt ihr mich selber aussehen lassen. Mit einem harmlos-freundlichen Blick ins Ungefähre. Ein Sinnbild ewiger Jugend.

Ja, ich sei ein hurtiger und fröhlicher Gesell gewesen, das hat man mir nachgesagt. Aber das war, bevor ich ins Kloster gegangen bin. Als Mönch ist von meinen Haaren ja nicht so viel übrig geblieben. Und was danach wieder gewachsen ist, war eher die Haartracht eines älter werdenden Mannes. Ich bin zeitlebens ein Gezeichneter geblieben. Immerhin ein von Gott und meinem Mönchtum gezeichneter. Wenn ich nur so gesund ausgesehen hätte, wie diese Figur, in der ihr mich zu entdecken meint.

Drum sei mein dritter geistlicher Rat der: Macht euch nicht einfach ein geschöntes Bild von euren Mitmenschen, sondern ein ehrliches. Und da lasst vor allem Platz für Falten und Runzeln. Und die ehrlich-geschundene Haut zieht der aalglatten Oberfläche allemal vor.

Ich bin mit den Irrtümern noch nicht zu Ende. Der vierte folgt auf dem Fuß. Wie einen Helden habt ihr mich da hingestellt. Die Feder in der Hand führend wie ein Schwert. Wie ein Schwert des Geistes - vielleicht. Aber da stehe ich wie einer, der einsam und allein von seinem Gott steht. „Hier stehe ich und kann nicht anders!“ Ja, dieses Sätzlein will euch nicht aus dem Kopf gehen, wenn ihr an mich denkt. Dabei weiß ich nicht einmal, ob ich’s so überhaupt gesagt habe. Und allein, das war ich nicht einmal in Worms.

Ich habe immer Mitstreiter gehabt, ohne die ich ein unwürdiger Nichtsnutz geblieben wäre. Die Bibel-Übersetzung, für die ihr mich rühmt und die ihr dieser Figur, die ihr für mich haltet, zuschreibt, ich hätte sie mir alleine nie zugetraut. Und ich hatte mehr Helfer als das Alphabet Buchstaben hat. Und überhaupt: Wer an mich denkt, der denkt doch auch an meinen lieben Philipp Schwarzerd, an meinen Justus Jonas, an meinen Spaladin, an Johannes Agricola, an Bugenhagen – ihr kennt sie doch alle. Und weil ihr sie kennt, seid gewiss: Ich war zeitlebens das, was ihr in eurem britannischen Dialekt einen Teamer nennt. Ohne die anderen hätte ich gar nicht sein wollen.

Bleibt mir also, euch einen vierten geistlichen Rat zu geben: Was ihr euch etwas traut, dann traut euch zusammen mit denen etwas zu, die euch ehrlichen Rat geben und euch nicht im Stich lassen. Lasst euch gewarnt sein: Im Himmel spätestens gibt’s keine Einzelzimmer. Ja mehr noch: Der Himmel ist vor allem da, wo einer oder eine nicht alleine die Feder nach oben streckt.

Ja, ich hab euch noch einen fünften Irrtum nachzuweisen – und der ist gewaltig. Schaut mal die Bibel an, die ihr mir in die Hand gegeben habt. Beim Neuen Testament habt ihr auf meine Übersetzung hingewiesen. Beim Alten steht nichts davon. Ich habe doch nicht nur als Junker Jörg auf der Wartburg übersetzt. Mit dem Neuen Testament habe ich nur einen Anfang gemacht. Aber meinem Volk wollte ich doch die ganze Bibel – das Neue und das Alte Testament - in die Hand uns ins Herz geben. Und die Schriften, die ihr Apogryphen nennt, dazu. Ja, es geht gar nicht anders.

Und deshalb geb’ ich euch einen weiteren geistlichen Rat: Wer nicht beide Teile der Bibel kosten und schmecken will, dem wird der biblische Wein allemal sauer aufstoßen. Und wo immer Menschen das versucht haben, den ersten Teil der Bibel einzusparen, auch bei euch – so lange ist’s gar nicht her! - da hat ganz schnell der Teufel die Macht an sich gezogen.

Und der sechste Irrtum folgt auf dem Fuß. „Ende“ habt ihr unter das Alte Testament in meiner Hand geschrieben. Aus. Vorbei! Jetzt sind neue Zeiten angebrochen. Nach der düsteren Vorahnung haben wir jetzt das Licht der Wissenden! Und wie ihr euch irrt! Dieses Buch ist nicht am Ende. Ich habe täglich einen neuen Anfang mit ihm gemacht. Und was ich da gelesen habe von David und Salomo, von Susanna und Daniel, von Hohen Liebeslied der Liebe - das hat mir meine Sinne mehr betört als die stroherne Epistel des Jakobus. Aber das wisst ihr ja.

Folgt mein sechster geistlicher Rat: Hütet euch davor, so ganz schnell ein Ende unter eine Sache zu setzten. Schaut lieber, ob ihr sie richtig angefangen und ob ihr ausreichend kühn Hand angelegt habt. Und schreibt lieber „Neu anfangen“ darunter!

Und damit komme ich zu meinem siebten und letzten Irrtum. Martini am letzten gewissermaßen. Das mit dem „Hier stehe ich ...“ – das habt ihr allzu wörtlich genommen. Ich bin nicht viel gestanden. Höchstens auf der Kanzel und am Katheder. Gesessen bin oft ich am Tisch mit einem gut wittenbergischen Bier, das uns meine Käthe gebraut hat. Und wir haben Gott und die Welt bewegt. Vor allem bin ich viel gelaufen. Bin viel mit der Kutsche gefahren. War immer unterwegs. Und auf einer Reise bin ich auch gestorben. Das mit dem wandernden Gottesvolk – das war mein Leben.

Übrigens auch in meinem Glauben. Und in meiner Theologia. Wäre ich bei der Sturheit stehen geblieben, die mich ins Kloster gebracht hat, nur weil ein Blitz vor mir in den Boden eingeschlagen ist – ich wäre zeitlebens ein kleines Mönchlein geblieben.

Aber Gott hat den Himmel immer wieder verlassen – für mich. Hat mich gepackt. Gezogen. Hingestellt und wieder auf Reisen geschickt. Selbst in die römischen Vorhöllen. Und hat mir immer wieder ins Ohr geraunt: Mein lieber Martin, nicht stehen bleiben, dafür hast Du am Ende deiner Tage noch genug Zeit. Jetzt ist die Zeit aufzubrechen! Das Leben aufs Neue zu wagen. Rede von mir, dass es den Leuten auf dem Markt in den Ohren juckt. Und sie aufhorchen und sagen: Was ist das für eine gute, neue Mär? Singen und sagen sollen sie davon. Sei du mein Zeuge, lieber Martinus!

Und das will ich euch als siebten geistlichen Rat ins Herz schreiben: Seid seine Zeuginnen und Zeugen! Auf euch kommt’s an, wenn meine Wort im Schwange bleiben soll.

Das ist allemal mehr, als wenn sie euch ausstopfen wie mich. Und einen Hanswurst aus Plastik oder auch eine Grete aus euch machen. – Auch wenn ich doch schon etwas stolz darauf bin. Aber meine Eitelkeit, die kriege ich auch noch in Griff. 500 Jahre ist dafür doch noch keine Zeit. – Euer Martinus.

Und alsdann flugs hinzugefügt: Amen.

Traugott Schächtele

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