PREDIGT ÜBER RÖMER 8,18-25
IM GOTTESDIENST ZUR VERABSCHIEDUNG VON
PFARRERIN MARTINA ADE
AM SONNTAG, DEN 13. NOVEMBER 2016
(VORLETZTER SONNTAG IM KIRCHENJAHR)
IN DER MARKUSKIRCHE IN WEINHEIM

EG 426,1+2: Es wird sein in den letzten Tagen

Liebe Gemeinde,
liebe Frau Ade!

Diese letzten Wochen im Kirchenjahr haben immer ihr ganz besonderes Gepräge. Sie markieren eine Phase des Übergangs. Des Übergangs vom Alten ins Neue. Und wenn dieser Übergang dann noch in die Tage fällt mit richtig herbstlicher Witterung, dann können diese Tage ganz leicht eher vom Alten als vom Neuen geprägt sein. Dann können sie leicht etwas Bedrohliches annehmen.

Das politische Erdbeben in den USA hat dann noch ein Übriges getan, um apokalyptische Ängste zu befeuern. Trotzdem: Was der Kalender und die Witterung nahelegen, muss nicht das letzte Wort über die Gegenwart sein. Und darum ist dieser Gottesdienst zur Verabschiedung von ihnen liebe Frau Ade, auch keiner, der unter apokalyptischen Vorzeichen steht.

Abschied und Neuanfang, im Beruf einer Pfarrerin gehört das am Ende zur professionellen Normalität. Selbst dann, wenn die Begleitumstände für alle Betroffenen bisweilen auch etwas Apokalyptisches an sich gehabt haben mögen.

Ein Lied von den letzten Tagen haben wir eben gesungen, aber eben ein tröstliches. Und am Ende jeder Strophe steht nicht die Aufforderung: Zieht euch zurück! Bringt euch in Sicherheit! Vielmehr enden die Strophen mit einer Aufforderung und einer Selbstverpflichtung: Auf, kommt herbei! Lasst uns wandeln im Lichte des Herrn!

Bei der Suche nach einem biblischen Motto für diesen Gottesdienst des Sich-Verabschiedens bin ich um den Predigttext für diesen vorletzte Sonntag im Kirchenjahr nicht herumgekommen. Er setzt ein mit der Situation einer Gemeinde, die sich sehr stark als Gemeinde im Übergang, als Gemeinde in apokalyptischen Zeiten versteht. Der Text lässt sich fruchtbar machen auch im Blick auf sie, liebe Frau Ade. Aber auch im Blick auf sie als Gemeinde. Da schreibt Paulus in seinem Brief nach Rom u.a. folgendes – und ich lese jetzt Verse aus dem 8 Kapitel des Römerbriefes:

Denn ich bin überzeugt, dass dieser Zeit Leiden nicht ins Gewicht fallen gegenüber der Herrlichkeit, die an uns offenbart werden soll. Denn das ängstliche Harren der Kreatur wartet darauf, dass die Kinder Gottes offenbar werden. Die Schöpfung ist ja unterworfen der Vergänglichkeit - doch auf Hoffnung. Denn wir wissen, dass die ganze Schöpfung bis zu diesem Augenblick mit uns seufzt und sich ängstet. Denn wir sind zwar gerettet - doch auf Hoffnung.

Die ganze Schöpfung seufzt und ängstet sich. Diesen Satz habe ich ehrlich gesagt lange nicht verstanden. Zumindest nicht in seiner Tragweite. Dass die Schöpfung bedroht ist und, wenn sie denn könnte, mit Ächzen und Seufzen auf sich und ihre belastete aufmerksam macht, das war mir schon lange klar. Aber das ist hier nicht wirklich gemeint. Zumindest nicht nur.

Aber es geht hier auch um mehr und um anderes als nur um unseren Umgang mit der Natur. Obwohl dieses Thema wichtig genug ist. Mit Schöpfung ist hier aber noch einmal etwas anderes gemeint. Schöpfung meint hier den ganzen Bereich der geschaffenen Welt. Meint unsere gesamt Lebenswirklichkeit – mit allem, was dazu gehört. Schöpfung, geschaffene Welt, das sind Europa und Amerika, das sind die badische Landeskirche und die evang. Kirche hier in der Weststadt in Weinheim.

Wenn diese Schöpfung ächzt und seufzt, geht’s weniger um akustische Lebensäußerungen. Es geht schlicht darum, dass diese Welt noch nicht so ist, wie sein soll. Und wie sie sein könnte. Paulus hat hier eben seine eigenen Sprachwelt geschaffen. Die kommt auch da zum Tragen, wo er Worte sucht für den Widerspruch, in dem wir uns wiederfinden. Einerseits bekennen wir, dass diese Welt in Gottes Händen liegt. Andererseits erleben wir jeden Tag am eigenen Leib, dass das meiste, was geschieht, nicht nach den Gesetzen des reiches Gottes abläuft. „Gerettet sein, aber auf Hoffnung“, so beschreibt Paulus diese Lücke zwischen geglaubten Anspruch und erlebter Wirklichkeit.

Es ist die Lücke, in der wir alle leben. Gerettet, aber auf Hoffnung. Die neue Wirklichkeit Gottes ist zwar angebrochen. Aber sie ist noch lange nicht einfach schon vorweggenommene Zukunft. Auf Hoffnung, das heißt, das Anbrechen von Gottes neuer Welt ist Gegenstand unseres Glaubens. Nicht Konsequenz aus dem erlebten und erfahrenen Zustand der Welt.

Die Lücke, in der wir alle leben, das ist die Lücke, in der auch unsere Kirche ihren Ort hat. Das ist die Lücke, in der sie hier als Gemeinde leben. Das ist die Lücke, in der sie, liebe Frau Ade, hier als Pfarrerin gearbeitet haben. Sie haben geglaubt und gearbeitet - auf Hoffnung hin.

Wenn nun manche Entwicklungen anders gekommen sind als sich viele das gedacht oder gar gewünscht haben, haben die Hoffnungen nicht einfach getrogen. Dann ist das einfach ein Indiz für diese Lücke zwischen Himmlischem und Irdischem, in der wir unser Leben gestalten. Persönlich wie Beruflich. Und es ist vor allem kein Anlass für Schuldzuweisungen.

Dass die Schöpfung seufzt und ächzt, das ist Teil ihrer Verfasstheit. Ihre eben so Seins. Dass uns konfliktreiche Situationen bisweilen alles abfordern, bis an die Grenzen unserer Möglichkeiten, das ist bei all dem, was das an Kräften kostet, Ausdruck von Vitalität. Beziehungen, an denen niemand mehr arbeiten muss, sind vermutlich tot.

Dass alles auch anders hätte kommen können, dass sich viele manches anders gewünscht hätten, das sind Signale dieses Wiederspruchs zwischen Wunsch und Wirklichkeit, das ist bisweilen auch vernehmlich Hörbares Ächzen und Seufzen der Schöpfung. Da kann es sich dann auch einmal als ein Segen erweisen, dass manche Lebenswege irgendwann auseinandergehen. Im Persönlichen ist das so. Aber es kann auch in einer Kirchengemeinde so sein. Gemeinden verändern sich. Pfarrer und Pfarrerinnen kommen und gehen!

Dass alles auch anders hätte kommen können, ist zugleich auch ein Zeichen unseres Glaubens. Gott hat noch etwas mit uns vor. Gott hat auch noch etwas mit ihnen vor. Mit ihnen, liebe Gemeinde hier in der Weststadt. Und vor allem auch mit ihnen, liebe Frau Ade. Das ist der Inhalt unseres Glaubens. Und der Ausdruck unserer Hoffnung. Und wenn Wege auseinandergehen, kann das nicht minder Ausdruck und Zeichen des Segens Gottes sein. Wir leben im Glauben, nicht im Schauen, um noch einmal Paulus zu zitieren! Und dieser Glaube möge sie alle nicht verlassen. Nicht sie, die sie hier bleiben. Und vor allem auch nicht sie, liebe Frau Ade.

Sie waren Pfarrerin hier in Weinheim in wahrhaft unruhigen und bewegten Zeiten. Was ist ihnen nicht alles vor die Füße gelegt worden. Und manchmal auch auf die Füße gefallen. Die Abgabe der Lukaskirche. Die Umsetzung der Fusion. Die Abstimmung unterschiedlichster Wünsche und Prozesse mit vielen Haupt- und Ehrenamtlichen, die alle eigene Vorstellungen davon hatten, wie das alles vor sich gehen könnte. Wer etwas vom Ächzen und Stöhnen der Schöpfung hätte hören wollen, sie hätten ihm oder ihr die Orte zeigen können.

Mehr Jahre haben sie hier als Pfarrerin gewirkt. Haben viel bewegt. Und sie haben in dieser Zeit nicht zuletzt mit der ihnen so wichtigen Schwerpunkten ihrer Arbeit ihre eigenen Spuren hinterlassen. Ob das die vielfältigen „Gottesdienste in anderer Form“ waren, ihr Engagement in den Schule, der ökumenische und interreligiöse Dialog, die Arbeit mit den Menschen, die als Flüchtende bei uns Schutz suchen – all das hat dazu geführt, dass sie sich sicher sein können: Sie werden aus dem Gedächtnis dieser Gemeinde nicht so schnell entlassen. Und umgekehrt gilt sicherlich dasselbe. Aber es wird aus heutiger Sicht sicher hilfreich sein, das Wandeln im Lichte des Herrn, von der das Lied singt, auf unterschiedlichen Wegen fortzusetzen.

Ich wünsche ihnen, dass sie – um die dritte Strophe des Liedes aufzugreifen, die wir gleich singen werden – ich wünsche ihnen, dass sie den Blick auf die „Gottesstadt, leuchtend und weit“, künftig wieder etwas unverstellter nach vorn richten können. Und vielen hier in der Gemeinde, wünsche ich das auf andere Weise auch. Wenn ich etwas beitragen kann, um hier weiter zu kommen, lassen sie mich das wissen.

Jetzt aber mache ich ihnen Mut, ihren Hoffnungen zu vertrauen und ihren Glauben zu leben – mitten im Seufze und Ächzen der Schöpfung und unserer Lebenswelt. Der beste Weg, das auch einmal zu überhören, ist immer noch das gemeinsame Singen. Darum „Auf, kommt, herbei, lasst uns wandeln im Lichte des Herrn!“ Und singen in seinem Licht dazu. Amen.


Traugott Schächtele

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