"BEST OF WEIHNACHTEN“
PREDIGT
GEHALTEN AM MONTAG, DEN 26. DEZEMBER 2016
(2. WEIHNACHTSTAG)
IN DER EVANGELISCHEN STADTKIRCHE
IN SCHWETZINGEN

Liebe Gemeinde!
Weihnachten 2016 – was bleibt? Was bleibt in Erinnerung? Einer der zahlreichen Weihnachtsgottesdienste? Ein weihnachtliches Konzert? Die häusliche Feier? Geschenke? Essen? Ein Besuch? Eine Weihnachtskarte? Oder der schreckliche Terrorakt auf dem Weihnachtsmarkt neben der Gedächtniskirche in Berlin? Vielleicht auch die Evakuierung von Aleppo. Oder die stille Weihnacht, der ich auch begegnet bin. Im Kontakt mit Menschen im Krankenhaus. In einem Gespräch unterwegs.

Weihnachten 2016 – was bleibt? Noch einmal haben heute alle ihren Auftritt – die Akteure des weihnachtlichen Geschehens. Gerade eben haben wir noch einmal auf das „Ehre sei Gott in der Höhe“ der Engel gehört. Und selber singend in deren Lobgesang eingestimmt. Noch einmal werden wir heute an die Hirten erinnert. Und vor allem an Maria und Joseph mit ihrem Kind, geboren in einem Stall. Zwischen Ochs und Esel. Auf Heu und auf Stroh.

Der 2. Weihnachtstag hat etwas von einem „Best of“ der Weihnacht. Weihnachten in Konzentration auf das, was wirklich von Bedeutung ist. Alle weihnachtliche Zutat ist plötzlich nur noch zweitrangig. Die Geschenke sind ausgepackt. Die Emotionen allmählich wieder auf Normaltemperatur. Das Essen darf immer noch schmecken. Aber es muss nicht mehr so besonders sein wie an Heiligabend.

Weihnachten 2016 – was bleibt? Natürlich die weihnachtlichen Berichte. In ihrer Vielfalt dürfen wir sie uns heute noch einmal in Erinnerung rufen lassen. Im Singen der weihnachtlichen Lieder. Im Hören auf weihnachtliche Musik. Und natürlich im Nachspüren der Botschaft. Hilfreich unterstützt durch zentrale Schlüsseltexte der Weihnacht.

Das Alte, Vertraute soll noch einmal ganz neu seine Wirkung entfalten. Mit den alten Texten, die in unsere Gegenwart hineingezogen werden. Mit einer alten Melodie, der ich aber einen neuen Text unterlegt habe. So finden das bleibend Alte der Weihnacht und das aufregend und wegweisend Neue hilfreich zusammen. Und die Antwort auf die Frage „Weihnachten 2016 – was bleibt?“ leuchtet auf wie der Stern und weist uns noch einmal den Weg zum Stall.

Ein „best of“ der Weihnachtsbotschaft aus fünf unterschiedlichen Perspektiven, mit fünf unterschiedlichen Texten, sei ihnen heute also noch einmal beschert. Und womöglich – oder hoffentlich! - wird es dann auch für sie heute noch einmal so richtig Weihnachten!

Teil 1
Alte Worte – mit neuem Sinn! Beginnen will ich mit Maria. Genauer gesagt mit ihrem Lobgesang, dem Magnificat:

Lukas 1,46.52+53: Meine Seele erhebt den Herrn, und mein Geist freut sich Gottes, meines Heilandes; denn er hat die Niedrigkeit seiner Magd angesehen. Er stößt die Gewaltigen vom Thron und erhebt die Niedrigen. Die Hungrigen füllt er mit Gütern und lässt die Reichen leer ausgehen.

Weihnachtsklänge! Tausend Lieder
angestimmt! Vielklang nimmt,
was mir immer wieder
meine Lebenslust will rauben,
aus dem Sinn, bringt mich hin,
weihnachtlich zu glauben.


Meditation 1: Den Engel wahrnehmen
Maria war bereit, weihnachtlich zu glauben. Bevor es überhaupt Weihnachten wurde. An uns wäre es, weihnachtlich zu glauben – auch noch 2000 Jahre nach dieser ersten heiligen Nacht. Weihnachtlich glauben, das heißt: mit der überraschenden Wendung zum Guten rechnen!

Wann immer Menschen derzeit nach vorne schauen, ins Jahr 2017, spüre ich zu allererst große Sorge. Die Erwartungen an das neue Jahr sind eher keine guten. Ich kann das gut verstehen. Soviel anders geht es mir auch nicht.

Maria hatte auch keinen Grund, ihre Zukunft sehr optimistisch in den Blick zu nehmen. Aber sie hat den Engel wahrgenommen, der eine Botschaft für an sie weiterzugeben hatte. Und sie hat sich von dieser Botschaft anstecken lassen. Und hat einen Lobgesang angestimmt. Und eben kein Klagelied.

Weihnachten heißt also: Meinen Engel wahrnehmen. Und mich verleiten lassen zum Singen.

Teil 2
Alte Worte – mit neuem Sinn! Herodes – er ist ein König in Panik. Er hat Angst, seine Macht zu verlieren. Doch die Bedrohung geht nicht aus von einer anderen Metropole. Die Bedrohung kommt aus der Provinz:

Matthäus 2,5+6: Und die Hohenpriester und Schriftgelehrten sagten zu Herodes, der von ihnen wissen wollte, wo denn der neue König geboren würde: In Bethlehem in Judäa; denn so steht geschrieben durch den Propheten (Micha 5,1): Und du, Bethlehem im jüdischen Lande, bist keineswegs die kleinste unter den Städten in Juda; denn aus dir wird kommen der Fürst, der mein Volk Israel weiden soll.«

Weihnachtswunder! An den Rändern
fängt die Welt, lichterhellt,
an sich zu verändern.
Gott will in sein Licht mich heben,
mischt sich ein, macht sich klein.
Glanz fällt in mein Leben.


Meditation 2: Gott liebt die Provinz
Vom Glanz, der von Außen kommt, haben wir eben gesungen. An den Rändern fängt die Welt an, sich zu verändern. Nicht Jerusalem ist der Nabel der Welt. Nicht Rom. Auch nicht Berlin oder New York. Nein, der Wandel setzt ein in Bethlehem. In den Problemstatteilen unserer Großstädte – da liegt Bethlehem. In einer Landregion in Indien. In den Favelas irgendwo in Südamerika. Oder eben auch in Bethlehem in der Westbank. Durch eine 8 Meter hohe Betonmauer vom Staat Israel abgetrennt.

Gott liebt die Provinz. Gott liebt die kleinen Leute. Weil die weniger zu verlieren haben. Und ihre Lust größer ist, etwas zu verändern.

Die Mächtigen fangen schnell an zu zittern. Kerzen und Friedensgebete haben vor 26 Jahren einen Staat in sich zusammenfallen lassen. Lieder reichen manchmal aus. Oder eine Mahnwache.

Herodes treibt ein falsches Spiel. Seine Nachfrage heuchelt Interesse am neuen König. Doch er verfolgt ein anderes Ziel. Herodes will alles ausmerzen, was ihm gefährlich werden kann. Überall kann er nur Gegner wahrnehmen.

Diese Sicht hat heute wieder neu Konjunktur. Die eigene Nation wird heiliggesprochen. Was fremd ist, wirkt bedrohlich. Weihnachtlich wäre, der Veränderung zu trauen, die von den Rändern auf uns zukommt. Von den Menschen, die als Schutz Suchende bei uns leben. Den Glanz wahrnehmen, der der Gastfreundlichkeit entspringt. Die Hirten konnten darauf vertrauen. Die weisen Magier aus dem Osten, die heiligen drei Könige. Der Glanz von den Rändern hat den Stall hell gemacht.

Weihnachten feiern heißt, dem Licht von außen zu vertrauen. Und diesem Licht Raum zu geben im eigenen Leben. Bei offen Türen. Und Fenstern ohne Läden. Wo mir die Welt am dunkelsten vorkommt, kann Gottes Licht am hellsten scheinen.

Teil 3
Nur wer sich aufmacht, kommt ans Ziel. Weihnachten lässt die Hirten zu Prototypen erfolgreicher Lebenssucher werden.

Lukas 2,16: Und die Hirten kamen eilend und fanden beide, Maria und Josef, dazu das Kind in der Krippe liegen.

Weihnachtswege! Alte Zeiten
sind vorbei. Ich bin frei,
engen Pfad zu weiten.
Folg’ dem Stern zu jenem Orte
wo das Kind, das ich find’
wird zur Himmelspforte.



Meditation 3: Sich beflügeln lassen
Sie kamen eilend. Und sie fanden. Für die Hirten gilt das. Für die Könige. Für alle, die sich aufmachen. Fürchte dich nicht vor dem langsamen Vorwärtskommen. Fürchte dich vor dem Stehenbleiben – ein chinesisches Sprichwort sagt das.

Die Hirten sind durchaus ein Risiko eingegangen. Sie haben etwas gewagt. Sie haben ihre Herden zurückgelassen. Mehr als nur ein Krippenspiel rankt sich um diesen Ortswechsel. Und den damit verbundenen Gefahren. Sie kamen eilend. Und sie fanden.

Aufbrüche sind angesagt. Große und kleine. Aufbrüche aus vertrauten Gewohnheiten. Aufbrüche aus bornierten Sichtweisen. Aufbrüche aus der Verbarrikadierung hinter scheinbar unumstößlichen Sichtweisen. Und irrationalen Ängsten.

Die Hirten haben nicht abgewogen. Und die Risiken eingeschätzt. Sie haben nicht den Ansichten der Gegenwart vertraut. Sondern den Aussichten der Zukunft. Das hieße weihnachtlich leben: Sich nicht lähmen lassen von der Fülle der schlechten Nachrichten. Ich will nicht stehen bleiben bei dem Fragen nach dem, was ist. Sondern ich will mich beflügeln lassen von dem, was sein könnte. Was dennoch möglich wäre. Manchmal reichen schon ein Stall und eine Krippe, um das Paradies zu entdecken.


Teil 4

Der Himmel bricht ein. In das Leben der Hirten. In unser Leben. Und er unterbricht den gewohnten Gang der Dinge. Auf einmal macht sich der Himmel auf der Erde breit

Lukas 2,13+14: Und alsbald war da bei dem Engel die Menge der himmlischen Heerscharen, die lobten Gott und sprachen: Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden bei den Menschen seines Wohlgefallens.

Weihnachtsstimmen! Himmlisch Raunen
füllt die Luft. Engelsduft
lässt mich dankbar staunen.
Neu wird was schon längst erstorben.
Angst verglüht, Zukunft blüht.
Gott hat mich geworben.


Meditation 4: Von Gott reden. Von Gott singen
Eigentlich kann jetzt nichts mehr kommen. Eigentlich ist jetzt alles gesagt. Und alles gesungen. In der Höhe: Ehre sei Gott! Auf der Erde: Frieden! Vom einen wie vom anderen sind wir Lichtjahre entfernt. Der Mensch: Er ist eher an seiner eigenen Ehre interessiert. Due Welt lässt sich schließlich auch ohne Gott verstehen.

Die Gottes-Idee – sie kommt dem Menschen in die Quere. Dass ich den Gang der Dinge nicht wirklich steuern kann. Dass ich mich verdanke. Dass mir das, was froh macht und gelingt, zufällt. Weil Gott es mir gelingen lassen will – für immer mehr Menschen ist das eine abstruse Idee.

Weihnachten feiern – im Jahre 2016 – das heißt: Von Gott reden. Von Gott singen. Mit Gott rechnen. Wahrnehmbar. Unüberhörbar. Die Welt ist mitnichten verloren. Weil Gott sie nicht verloren gibt. Weihnachten erlaubt mir einen Blick durchs Schlüsselloch des Himmels.

Selbst der Frieden auf Erden ist dann keine Utopie mehr. Schon jetzt planen Wissenschaftler und Politiker wie es weitergehen könnte mit Aleppo. Und wie Europa wieder mehr werden könnte als ein Club zur Mehrung wirtschaftlicher Interessen. Und in den himmlischen Chroniken wird für die AfD nur noch eine Fußnote übrig bleiben. Was bleibt – und was von Weihnachten ausgeht als neue Hoffnung, das ist der Gesang vom Frieden auf Erden. Und ich – und sie alle – wir sind dabei, weil Gott uns längst eingeplant hat in die Veränderung der Welt. Wenn wir nur mehr auf die Engel hören würden!

Teil 5
Um ein „best of“ der weihnachtlichen Ereignisse soll’s gehen in diesem Gottesdienst. Um eine Antwort zu finden auf die Frage: Weihnachten 2016 – was bleibt? Der Blick auf Weihnachten aus heutiger Sicht – er fällt doch kaum anders aus als vor 2000 Jahren. Damals hat ein Schüler des Apostels Paulus folgendes weihnachtliche Fazit gezogen:

Titus 2,11: Es ist erschienen die heilsame Gnade Gottes allen Menschen.

Weihnachtszeiten! Alle Jahre
zeigst du mir wie in dir
Raum wird für das wahre
Leben, das in neuem Klingen
Bösem wehrt, Hoffnung nährt.
Davon will ich singen!


Meditation 5: Gott ist längst da!
Weihnachten muss sein! Alle Jahre wieder! Als Gegenfest gegen alle Depression. Als vorweggenommenes Fest einer erfüllten Zukunft. Als Festival der Lieder einer besseren Zukunft. An Weihnachten hat die Sehnsucht nach einer anderen Welt Konjunktur. Da empfinde ich die schmerzliche Lücke zwischen Wunsch und Wirklichkeit. Da hat sich Weihnachten bei nicht wenigen auch zu einem Fest der Tränen verwandelt

Wir würden vergessen, was möglich ist, wenn wir nicht einmal im Jahr daran erinnert würden. Gott wird nicht kommen - irgendwann. Gott ist längst da. In diesem Kind. In jedem Versuch, dieser Welt ein menschlicheres Gesicht zu geben. In jedem Lied, mit dem wir gegen alle Bosheit und alle Unvernunft ansingen.

Alle Zäune reißt Gott ein. Und er bringt alle Mauern zum Einsturz. Weihnachten feiern heißt: Gottes gute Zukunft vorwegnehmen. In jedem Stall die Geburtsstätte einer der neuen Welt wahrnehmen. In jeder Krippe schon den Ort neuen Lebens entdecken. An Weihnachten feiern wir schon, was noch aussteht. Und wovon wir längst eine gute Ahnung haben.

Das bleibt von Weihnachten 2016: Es ist das Fest des Anfangs einer neuen Welt. Und einer besseren Zukunft. Es ist das Fest des Protestes gegen eine Welt, in der wir alles nur von uns selber erwarten. Weihnachten 2016 kann diese Hoffnung nicht außer Kraft setzen. Gott ist im Kommen. Mitten in dieser Welt. Mitten unter uns. Das bleibt. Weil es Weihnachten bleibt. Amen.

Traugott Schächtele

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