EINE KLEINE THEOLOGIE DER FERIEN
ANDACHT
AM BEGINN DER SITZUNG DES LANDESKIRCHENRATS
AM DONNERSTAG, DEN 20. JULI 2017

Heute (20. Juli 2017) in einer Woche beginnen die Schulsommerferien. Das ist zunächst kein Thema, das irgendwie geistlich zu reflektieren wäre. Aber Achtung – eben nur zunächst. In sieben Zugängen zum Thema Sommerferien lässt sich womöglich so etwas wie eine kleine Theologie der Ferien anbahnen und skizzieren. Ich will einfach einmal den Versuch wagen.

Zugang 1: Als Prälat könnte ich den Jahreskalender nach der Kurve der Konfliktmeldungen und Gesprächswünsche beschreiben. Würde ich diese beiden Marker auf einer Jahres-Linie eintragen, hätte diese zwei Spitzen. Einen ganz großen Ausreißer nach oben zwischen Ende November bis Mitte Dezember. Und eine nur wenig niedrigere Spitze im Juli. Fast könnte man sagen: Unter dem Gesichtspunkt der Konfliktanfälligkeit ist der Juli der „kleine Advent“.

Dahinter steckt die Zunahme der Beanspruchungen in diesem Zeitraum. Aber es hat auch etwas mit dem Stichtagsphänomen zu tun. „Am liebsten noch vor den Sommerferien!“ Das ist der Satz, den ich zur Zeit am häufigsten zu hören bekomme. Insofern ist der Juli dem Dezember mit dem bevorstehenden Jahresende durchaus verwandt. Auch der Juli ist eine Zeit des Wartens und der Sehnsucht. Der Sehnsucht, es möge alle Dinge wieder etwas niedriger gehängt werden. Und manches möge auch sein Ende haben. Ganz unadventlich ist das sicher nicht.

Zugang 2: Die Juli-Dichte betrifft aber wahrhaftig nicht nur die Konfliktanfälligkeit. Mein Eindruck ist: Jedes Gremium, das etwas auf sich hält, muss im Juli noch einmal tagen. Schließlich geht das dann frühestens im September wieder. In den Schulen stehen die Gottesdienste zum Schuljahrsende an. Viele Gemeinden laden zu Gemeindefesten ein. Die säkularen Vereine zum Sommerhock. Dieser Brief muss noch geschrieben, jene Anfrage noch beantwortet werden. Und dann, fast hätt’ ich’s vergessen, ist da auch noch das Gedenken an 500 Jahre Reformation!

Kein Wunder, dass sich vieles drängt und der Kalender sich füllt. Es ist die Aussicht auf die Generalpause danach, die uns dies in der Mehrzahl der Fälle doch ganz gelassen ertragen lässt. Irgendwann ist dann auch für das Volk Gottes noch eine „Ruh vorhanden!“ Und für die anderen auch.

Zugang 3: Die sechseinhalb Wochen, in denen die Schule mit ihren Unterrichtsangeboten pausiert, markieren die große Pause, die große Unterbrechung des Jahres – auch für andere Institutionen und Einrichtungen. Sogar im Kollegium des Evangelischen Oberkirchenrates halbiert sich die Sitzungsdauer. Und irgendjemand ist auch da immer im Urlaub.

In den meisten Gemeinden orientiert sich die Jahresplanung an den Sommerferien. Gut, der Konfi-Unterricht fängt inzwischen längst vielfach schon vorher an. Aber das ist eher die Ausnahme. Im Denken läuft das Jahresprogramm vom September des einen bis zum Juli des nachfolgenden Jahres. Kein Wunder – die Sommerpause ist die längste Unterbrechung – da ist es geradezu eine logische Folge, nach deren Ende einen Neustart wahrzunehmen. Dem Neuanfang wohnt schließlich immer auch ein Zauber inne. Und ich bin sicher, in den meisten Fällen liegt auch ein Segen darin, immer wieder neu anfangen zu können.

Zugang 4: Manchmal habe ich den Eindruck, der Schulferienrhythmus hat überhaupt das Kirchenjahr abgelöst. Viele Menschen, vor allem die mit schulpflichtigen Kindern, leben von Ferien zu Ferien. Sommerferien, Herbstferien, Weihnachtsferien, Fastnachtsferien, dazu noch Oster- und Pfingstferien.

Wenn ich aber genauer hinschaue, dann fällt mir sofort ins Auge: Die meisten dieser Ferien verdanken sich einem kirchlichen Feiertag. Die Ferien sind also sehr wohl kirchenjahrsbezogen. Insofern ist der Name Ferien Programm. „Feriae“ – das waren schon bei den Römern Festtage. Und die Ferien sind dann also eine besondere, säkulare Weise, dieses Festes zu gedenken und das Leben zum Fest zu machen.

Die Herkunft der Sommerferien ist noch etwas archaischer. Hier stehen die Jahreszeiten Pate, konkret der Sommer. Die Feier der Jahreszeiten und der Ernte beschreibt die älteste Form, Feste zu datieren und zu feiern. Die meisten unserer kirchlichen Feste haben in der Ahnenreihe ihre Entstehung am Anfang ein Natur- oder Erntefest. Insofern bestätigen die Sommerferien als Fest einer Jahreszeit die Regel der Bezugnahme auf etwas, das eine schon sehr lange und nicht selten auch eine biblisch aufleuchtende und nachzuzeichnende Tradition hat.

Zugang 5: Ich habe vorhin davon gesprochen habe, dass die Sommerferien die große Generalpause, dass eine große Unterbrechung markieren. Dies ist nur die eine Hälfte der Wahrheit. Und dies ist auch nur aus dem Blickwinkel der Arbeit heraus beschrieben. Zugleich beginnt mit den Ferien eine Zeit intensivster Aktivität. Nicht selten ist diese auch mit einem Ortswechsel verbunden. Viele von uns Menschen verreisen.

Längst haben sich auch die Tourismusforscher unserer Urlaubsrituale angenommen. Sie versuchen, unserer Reisesehnsucht noch einen tieferen Sinn abzugewinnen. Menschliches Leben, so sagen sie, bedeutet in der Normalsituation eine Einschränkung unserer Lebensmöglichkeiten. Wir sehnen uns aber danach, dass das uns das dabei Ausgeschlossene, das Nicht-Alltägliche, das gar Verbotene und Unterdrückte, trotzdem zugänglich bleibt.

In diesem Sinn trage unsere Lust zu reisen geradezu religiöse Züge an sich. Ja, unsere bisweilen heftige Reiselust sei eine moderne Form des Pilgerns. Der Tourismusforscher Christoph Hennig formuliert es noch zugespitzter: „Unser Reisen“, so sagt er, „dient dem Ziel der großen Verwandlung. Alles Leben ist auf dieses Ziel der Verwandlung hin ausgerichtet. In den Ferienwochen kommen wir diesem Ziel näher als in jeder anderen Zeit des Jahres.“

Zugang 6: Nach den großer Unterbrechung, nach der Rückkehr von der Pilgerreise machen wir nicht einfach weiter wie vorher. Wir starten als Menschen, die irgendwie neugeworden sind.

Vor dem Neuanfang aber steht der Abschied. Auch der Abschied verändert. Wir lassen etwas los. Das wird heute ja auch besonders sinnfällig, wenn wir nachher die Ver-Abschied-ung von Oberkirchenrat Stefan Werner feiern. Der Sommer ist auch ein beliebter Wechseltermin. Das kann man auch bei den Wechseln von einer Pfarrstelle in eine andere wahrnehmen. Häufig hängt das auch mit den Schulwechseln der Kinder zusammen. Aber es legt sich eben auch nahe, eben auch beruflich etwas abzuschließen, wenn doch sowieso eine Unterbrechung ansteht.

Und zuletzt Zugang 7: Die bevorstehende Sommerferienzeit – sie ist in gewisser Hinsicht auch ein Gleichnis. Ein Gleichnis dafür, dass uns alle am Ende nicht das gänzliche Aus erwartet, sondern die große Unterbrechung, der große Abbruch dessen, was ein Leben oft auch mühsam und anstrengend macht. Die Ferien sind ein Vorkosten der Feriae, der großen Feier des Lebens bei Gott. Ich habe daran gedacht, als ich die Losung und den Lehrtext für diesen 20. Juli angeschaut habe. „Bei dir finden die Verwaisten Erbarmen!“, heißt es da. Und: „Ich kenne deine Bedrängnis!“

Der Bedrängnis haftet etwas Vorläufiges an. Muss etwas Vorläufiges anhaften. Schließlich steht in unser aller Leben noch etwas aus: Diesseits unseres Todes und jenseits. Die mutigen Menschen, die am 20. Juli vor 73 Jahren ihr Leben riskiert haben, um der Bedrängnis der Herrschaft Hitlers ein Ende zu machen, hat diese Hoffnung entscheidend getragen, dass nämlich der Bedrängnis etwas Vorläufiges anhaftet. Sie haben für ihre Hoffnung mit ihrem Leben bezahlt. Aber ihr Handeln strahlt aus. Bis in die Gegenwart.

Die vielen kleinen Bedrängnisse unseres Lebens, und seien sie nur terminlicher und konditioneller Natur, haben demnächst hoffentlich erst einmal Pause. Und wir können etwas von der Freiheit wohltuender Ferien-Tage kosten.

Ich wünsche ihnen von Herzen, dass auch Tage dabei sind, an denen Gott ihnen in den heilsamen Lücken des Lebens entgegen- und nahekommt. Amen.

Traugott Schächtele

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