PREDIGT ÜBER APOSTELGESCHICHTE 2,1-14
IM GOTTESDIENST AM SONNTAG, DEN 15. MAI 2016 (PFINGSTEN)
- MIT VERABSCHIEDUNG VON GEM.-DIAK. JÜRGEN SAMLENSKI -
IN DER PAULUSKIRCHE IN ETTLINGEN


Liebe Gemeinde!

Es ist gerade drei Wochen her. Ich halte eine Vorlesung zum Thema Kirchenjahr. Plötzlich meldet sich eine Studentin: „Sie erwähnen jetzt schon mehrfach den Begriff Pfingsten“, sagt sie. „Diesen Begriff habe ich noch nie gehört. Was muss ich mir unter Pfingsten vorstellen?“

Ich muss schlucken. Die Frage sitzt. Noch nie etwas von Pfingsten gehört? Ja, denke ich dann. Das werde ich lernen müssen. Und nicht nur ich. Vieles, was mir noch selbstverständlich gewesen ist, muss das für die nächste oder übernächste Generation nicht mehr sein. Immer mehr Menschen kennen sich in den Selbstverständlichkeiten des Christentums immer weniger oder überhaupt überhaupt nicht mehr aus.

Ich bin vorsichtig, das als religiösen Analphabetismus zu bezeichnen. Richtig ist vielmehr: Es gibt zunehmend mehr Menschen, die ihr Leben anders gründen. Die irgendwie anders religiös sind. Die andere religiöse Sprachen sprechen. Das muss nicht nur schlecht sein. Wir müssen nur schauen, ob es uns gelingt, uns gegenseitig verständlich zu machen.

Also muss ich auch Pfingsten immer wieder neu buchstabieren. Das Anliegen von Pfingsten in neue Sprachen übersetzen. Genau darum geht es ja an Pfingsten. Pfingsten ist das Fest der überwundenen Sprachbarrieren. Pfingsten ist das Fest der Grenzen überschreitenden Gemeinsamkeit. Pfingsten ist das Fest der überwältigenden Entdeckung: Ich bin nicht alleine mit meinen Fragen nach Gott. Und auch nicht bei meinen Antworten. Wenn ich bereit bin, mich auf die Vorstellungen und Denkmuster der anderen einzulassen. Wenn ich ihre Sprache spreche. Und sie die meine.

Der Islamwissenschaftler Navid Kermani hat vor einiger Zeit als Moslem ein Buch über das Christentum geschrieben. „Ungläubiges Staunen“ – so lautet der Titel des Buches. In diesem Buch deutet er, der Moselm, große Werke der christlichen Kunst für sich – und für uns! So einfühlsam, so kenntnisreich geschrieben, dass ich gedacht habe: Wäre mir das umgekehrt auch möglich? Könnte als Christ in dieser leidenschaftlichen Sprache ein Buch über den Islam schreiben. Und wenn ich es täte, wäre die Kritik, wäre die Beschimpfungen am Ende nicht größer als Zustimmung und Beifall? Über diese Frage könnte auch ich in ganz anderer Weise zum ungläubigen Staunen kommen.

Wenn ich Pfingsten verstehe als ein großes, alle einbeziehendes Kommunikations-Fest, dann ist diese atemberaubende Geschichte, die wir vorhin als Lesung gehört haben, nicht mehr ganz so absonderlich. Dann ist das keine Geschichte mehr, die nur von einem Sprachwunder berichtet. Von einem Schnellkurs in Fremdsprachen, die man vorher gar nicht gelernt hat. Also so eine Art geistlich-biblischer Nürnberger Sprach-Trichter. Dann ist es auch keine Geschichte mehr vom Staunen darüber, dass mich da einer in meiner Mutterprache anspricht, von dem ich das gar nicht gedacht habe.

Nein, Pfingsten ist kein Fest der Erinnerung nur an ein Sprachwunder. Pfingsten ist das Fest der Erinnerung an ein Kommunikationswunder im Großen. Ein Fest der zusammenstürzenden Barrieren, die Menschen voneinander trennen. Ein Fest der umwerfenden Erfahrung: Wir gehören zusammen! - ohne dass die Menschen das überhaupt angestrebt haben.

Wenn ich Pfingsten so verstehe – ja, dann wünsche ich mir, dieser Pfingstgeistwürde über uns hinwegfegen in diesen politisch so brisanten Tagen. Ich wünschte mir, dieser Geist würde uns erfassen und zum Brennen bringen – für mehr Gemeinsamkeit

Pfingsten wäre dann ein Fest für mehr Europa anstatt für weniger. Ein Fest für die überraschende Erkenntnis, dass die Menschen, die zu uns drängen, weil sie um Leib und Seele fürchten, auch nicht anders sind als wir. Dass sie auch eine verletzliche Seele haben. Dass sie lieben wie wir. Dass sie trauern wie wir. Dass sie lachen und weinen wie wir.

Und dass die allermeisten unter ihnen ihren Gottesglauben mitbringen: ihre leidenschaftliche Überzeugung, dass Leben noch viel mehr ist als zu essen und ein Dach über dem Kopf zu haben. Und die unter ihnen, die das in einer anderen religiösen Sprache tun als wir, brennen vielfach noch mehr als wir Christinnen und Christen es tun. Und die Christinnen und Christen unter ihnen kommen aus Kirchen, die viel älter sind als die unsere. Und viele sind noch viel stärker verwurzelt in der Erfahrung dieses ersten Pfingstfestes in Jerusalem als wir es sind. Schließlich hat auch unsere Kirche an diesem ersten Pfingsten ihren Ursprung. Und nicht erst im Oktober 1517 in Wittenberg

Es ist also höchste Zeit, dieses Pfingstfest wieder richtig feiern zu lernen. Das Pfingstfest ist doch eigentlich viel zu schade, um mich aufzuregen über die Frage der Studentin. Was hat es eigentlich auf sich mit diesem Pfingsten? Eigentlich – und sicherlich ohne sich dessen bewusst zu sein – hat sie die richtige Frage gestellt. Pfingsten ist viel zu wichtig, um es im Kirchenjahreskalender einfach verstauben zu lassen. Denn Pfingsten – wenn es denn wirklich Pfingsten ist – ist kein Fest, bei dem ich mich im Vorübergehen entscheide, ob ich dazu Lust habe. Pfingsten, das wissen sie alle – ist auch kein Fest, das sich heute noch von selbst erklärt und feiert. Aber Pfingsten ist ein Fest mit Konsequenzen. Mit heftigen Konsequenzen.

Wie geht das also richtig: Pfingsten? Antworten auf diese Fragen finde ich im Bericht aus der Apostelgeschichte, den wir vorhin als Lesung gehört haben. Im Bericht also über den Ursprung von Pfingsten. Ich mache mich mit ihnen also ein klein wenig auf die pfingstliche Spurensuche! Zumindest im Gedankenexperiment.

Ein Dreifaches ist es, was mir auffällt, wenn ich mich als Suchender und Lernender in Sachen Pfingsten mit ihnen auf den Weg mache.

Das erste, was ich entdecke: Da mag noch so viel Feuer vom Himmel fallen - Pfingsten setzt nicht den Verstand außer Kraft. Im Gegenteil. Deshalb wehrt sich Petrus auch, als manche meinen: Die sind betrunken. Stattdessen setzt er auf die Kraft des Wortes. Stattdessen argumentiert er. Nicht auf die Macht der aufbrechenden Emotion allein setzt er. Sondern auf die überzeugenden Möglichkeiten der Vernunft. Am Ende kann auch die Vernunft kann nicht verhindern, dass Menschen entbrennen.

Und Petrus erzählt. Petrus erzählt, was er und die anderen Jünger mit diesem Jesus erlebt haben. Wie sie mit ihm durch Galiäa gezogen sind. Und nach Jerusalem.

Und Petrus erläutert. Er macht klar, was es mit diesem Jesus auf sich hat. Mit seinem Tod. Mit seiner Auferstehung.

Und: Petrus predigt. Wer eine Predigt hört, kann den Verstand nicht einfach abschalten. Glauben hat mit Verstehen zu tun. Und der Geist der Pfingsten, der Heilige Geist, er setzt den Verstand nicht außer Kraft. Er erleuchtet ihn vielmehr.

Das zweite, was uns der Bericht aus der Apostelgeschichte über Pfingsten lehrt: Der Geist der Pfingsten – er kann auch verunsichern. „Was sollen wir tun?“ So fragen die Menschen, die die Predigt des Petrus gehört haben. „Liebe Leute! Was sollen wir denn jetzt tun?“

Als Prediger werde ich da richtig neidisch. Das hätte ich auch gerne. Dass Sie nachher auf mich zustürmen. Und auf Frau Busch-Wagner und Herrn Samlenski. Und dass sie uns mit der Frage bestürmen, was denn jetzt dran ist. Dass sie uns bedrängen und fragen: „Liebe Leute! Was sollen wir denn jetzt tun?“

Manchmal, liebe Gemeinde, manchmal ist das auch so. Gerade bei einer Predigt. Da trifft ein Satz einen Menschen mitten ins Herz. Und er fragt mich hinterher: „Wieso haben Sie genau von dem geredet, was mich im Moment umtreibt. Das können Sie doch gar nicht wissen.“

Und da bin ich mir jedes Mal sicher: Da hat der Geist Gottes die Finger im Spiel gehabt. Und darüber kann ich mich dann richtig freuen.

Es gibt ein Drittes, das der Pfingstbericht uns lehrt. Der Geist der Pfingsten schafft Kirche. Der Geist von Pfingsten trägt Kirche. Nicht ohne Grund wird Pfingsten oft als Geburtstag der Kirche bezeichnet. Das ist gar nicht so abwegig. Obwohl es am ersten Pfingsten noch keine Kirche gibt.

Aber an Pfingsten und seit Pfingsten weitet sich die Menge derer, die sich von Ostern anstecken lassen. Am Anfang, da steht ein kleines Häuflein für sich allein. „Wir haben den Herrn gesehen“; erzählen sie. „Er lebt. Er ist auferstanden!“

Ein paar gab es, die waren wie elektrisiert. Ein paar gibt es, für die wird es Pfingsten noch vor Pfingsten. Ein paar gibt es, die entbrennen wirklich. Die Frauen etwa, denen Jesus erscheint. Und die Jünger, denen sich Jesus zeigt. Aber diese kleine Schar, die hätte keine so große Bewegung in Gang gesetzt. Wäre es nicht auch noch Pfingsten geworden.

Die Worte des Petrus, die treffen die Menschen - bis ins Mark. 3000 sollen sich an diesem Tag der Gemeinde angeschlossen haben. Auf einmal gibt es Bewegung. Große Zahlen tun gut. Gut besuchte Gottesdienste stecken an. Manchmal trösten wir uns zu Unrecht, ja sogar fahrlässig mit der Erwähnung der zwei oder drei. Wachsen gegen den Trend – mir ist dieses Motto lieber als die fahrlässige Rede vom Gesundschrumpfen der Kirche. Nur dass Wachsen nicht immer nur die Zahlen meint. Und Schrumpfen nicht immer gesund ist.

Mit den 3000 hatte es schon damals nicht sein Bewenden. „Der Herr fügte täglich zur Gemeinde hinzu, die gerettet wurden.“ Noch einmal könnten wir fast neidisch werden. Jeden Tag kehren Menschen der Kirche den Rücken, das hören wir immer wieder. Das darf uns nicht gleichgültig sein. Aber jeden Tag kommen auch neue Menschen zur Kirche hinzu. Auch heute noch.

Weltweit gesehen wächst die Kirche enorm. Aber viel stärker als bei uns in Afrika und in Asien. Die Kirche wächst da am schnellsten, wo Menschen dem Geist Gottes noch etwas zutrauen. Und wo sie mit ihm rechnen. Es lohnt sich also auch, Pfingsten zu feiern.

Eine wachsende Kirche ist aber zugleich immer eine Kirche, die nach Strukturen sucht. Die geleitet werden muss. In der es Gebäude und Ämter gibt. Kirche ist nicht Chaos um Gottes Willen. Vielmehr ist Kirche Struktur um der Menschen willen. Aber die Struktur gehört nicht zum unverzichtbaren geistlichen Bestand. Sie gehört ehe in den Raum der Regeln, die Bestand und Stabilität ermöglichen.

Beim ersten Pfingstfest in Jerusalem – da gab es weder Kirche noch Struktur. Da brach einfach etwas auf. Der Kirche versuchen wir Struktur und Stabilität zu geben, damit sie Bestand hat. Pfingsten jedoch lässt sich nicht auf Dauer stellen. Pfingsten bricht über die Menschen herein.

Deshalb brauchen wir in der Kirche beides: Spontanes Aufbrechen der Geistesgaben Gottes. Und nachhaltige Strukturen der Kirche – im Einsatz dieser Geistesgaben. Diese Strukturen sind so vielfältig wie die Kirchen selber. Und das Amt des Gemeindediakons, das Herr Samlenski so viele Jahrzehnte ausgeübt hat. Insofern ist der Pfingstsonntag ein guter Termin, die Verabschiedung zu feiern. Gerade auch im Leben mit einem kirchlichen Amt fallen Pfingsten einst und die immer neue Erinnerung an den Geist der Pfingsten in eins zusammen.

Wir sind nur für das zweite verantwortlich. Für die Gestaltung der Kirche. Durch die Bereitstellung Häusern, um sich zu treffen. Durch klare Strukturen, die Kirche erkennbar und lebbar machen. Durch die Unterstützung von Menschen, die haupt- und ehrenamtlich in der Kirche arbeiten.

Dass Gottes guter Geist dazukommt, das liegt nicht in unserer Macht. Das ist Gegenstand unseres Glaubens. Und niemand von uns ist davor gefeit, dass der Geist von Pfingsten ihn oder sie ergreift. Und in Verantwortung für die Kirche stellt. Geistlos ist die Kirche nie gewesen. Auch wenn sich immer wieder auch böser Ungeist dazwischen gemengt und gedrängt hat.

Deshalb bleibt es in der Kirche allemal spannend. Deshalb müssen wir auf die Frage der Studentin immer wieder neu antworten. Und die Antworten in immer neue Kommunikationsformen übersetzen. Deshalb ist Pfingsten unverzichtbar. Und wird völlig zurecht gefeiert. Amen.



Prälat Dr. Traugott Schächtele – Kurfürstenstraße 17 – 68723 Schwetzingen

traugott.schaechtele@ekiba.de


Traugott Schächtele

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