PREDIGT
ÜBER OFFENBARUNG 4-8 (IN AUSWAHL)
AM SONNTAG, DEN 3. DEZEMBER 2017
(ERSTER SONNTAG IM ADVENT)
IM EVANGELISCHEN GEMEINDEZENTRUM
IN ETTLINGEN-BRUCHHAUSEN


Liebe Gemeinde!

Wer in die Kirche kommt, kommt nach Hause. Das trifft für den kleinen Maximilian zu, den wir eben getauft haben. Er gehört jetzt zur großen Familie Gottes in dieser Welt dazu.

Wer in die Kirche kommt, kommt nach Hause. Vielen wird’s heute so gehen. Vielen, die schon oft in dieses Evangelische Gemeindezentrum hier in Bruchhausen gekommen sind. Vielen, die hier schon gefeiert haben. Gottesdienste unterschiedlichster Art, die es hier seit 40 Jahren gibt. Taufen. Konfirmationen. Auch die eine oder andere Hochzeit, wenn die nicht in die Kleine Kirche gelockt hat. Gemeindefeste. Und vielen andere festwürdige Anlässe.

Wer in die Kirche kommt, kommt nach Hause. Das gilt auch für andere Weisen der Begegnung, die hier ihren Ort haben, hatten und haben werden. Feste und Feiern unterschiedlichster Art. Heimat für Gruppen. Sitzungen. Synoden. Veranstaltungern. Chorproben. Konzerte. Dieses Haus ist ja ein Multi-Talent. Es lädt ja ausdrücklich dazu ein, es in ganz verschiedener Weise zu nutzen.

Wer in die Kirche kommt, kommt nach Hause. Mir geht’s heute nicht anders. Vertraut und lieb ist mir dieses Gemeindezentrum geworden, in den knapp sieben Jahren, in denen ich hier Pfarrer war und nebenan mit meiner Frau und unseren fünf Kindern gewohnt und gelebt habe. Nach Hause komme ich in diesem Gottesdienstraum. Wenn ich mit dem Gottesdienst dran war, bin ich fast immer schon am Samstagabend, hierher gekommen, um noch einmal nach dem Rechten zu schauen. Habe manchmal noch die Stühle umgestellt. Den Altar verschoben. Irgendein Bild oder etwas anderes aufgehängt – während meine Frau den Verkaufsstand mit den Eine-Welt-Produkten aufgebaut hat. Dieser Raum ist wunderbar flexibel.

An keinem anderen Ambo bin ich öfter gestanden, um zu predigen, als an dem, der heute außer Dienst gestellt worden ist. An vieles denke ich heute. An vieles auch, das mich anrührt. Wie schön es war, wenn wir die Schiebetür öffnen mussten, weil der Platz nicht gereicht hat – so wie heute. An den Einbau der Pfeifenorgel denke ich. Wie wir sie in der Südstadt in Karlsruhe abgebaut und hierher transportiert und in drei Wochen mit dem Orgelbauer weder aufbaut haben. An den wunderbaren Moment denke ich immer wieder, als die vier Glocken zum ersten Mal zu hören waren.

Und die Geschichte der liebevollen Wertschätzung geht ja immer noch weiter. Die gestalteten Fenster, die dazu gekommen sind. Und vor allem: Neue Prinzipalstücke heute. Irgendetwas, denke ich, muss dieses Gemeindezentrum haben, dass die Menschen nicht locker lassen, ihm ihre gestaltende Zuwendung angedeihen zu lassen.

Nein, es ist kein barocker Prachtbau mit schönen Deckengemälden, dieses Gemeindezentrum. Keine romanische Kirche mit alten Fresken. Es ist eher zweckmäßig und pragmatisch gebaut. Es ist ein Gebäude, das es anderswo fast identisch gibt. Ich bin selber am Bodensee in der Schwesterkirche gewesen. Und doch: Kaum irgendwo anders ist man als Prediger den Menschen so nah. Sieht in die Gesichter. Kann sich nicht verstecken. Predigen „face to face“ und auf Augenhöhe – das kann man hier lernen wie kaum irgendwo anders.

Und darum feiern wir heute auch. Und ich feiere gerne mit. Der 40. Geburtstag dieses Gemeindezentrums ist heute der Anlass. Und Geschenke in Form neuer Prinzipalstücke gibt’s ja dazu obendrein. Aber zu Feiern gibt’s heute ja noch viel mehr. Eben auch den ersten Advent und den Beginn des neuen Kirchenjahrs. Die Eröffnung der 59. Aktion Brot für die Welt.

Beim Feiern ist das Singen unverzichtbar. Darum lade ich sie ein, jetzt den ersten Vers des Liedes zu singen, das ich für diesen Tag geschrieben habe:

Mit festlich-frohen Klängen
beginnt das Kirchenjahr!
Als ob die Engel sängen,
ist uns. Und heut wird wahr,
worauf wir unser Hoffen
schon lange ausgericht.
Der Himmel steht uns offen:
adventlich scheint das Licht!


Wer in die Kirche kommt, kommt nach Hause. Kommt an den Ort, an dem Himmel und Erde sich berühren. Kommt dahin, wo mein Leben mit all seinen Herausforderungen heilsam unterbrochen wird. Kommt dahin, wo meine Fragen nach dem Sinn meines Lebens und nach dem Grund meines Seins eine Antwort erfahren. Wenn ich hierher komme, bin ich nicht länger festgelegt auf das, was meinen Alltag ausmacht. Hier kann ich Gemeinschaft erleben. Hier kann ich mitten in meinem Leben Gott selber begegnen. Wer in die Kirche kommt, kommt eben nach Hause.

Auch der Predigttext für diesen ersten Advent berichtet von einem, der nach Hause kommt. Johannes nennt er sich. Nicht wirklich nach Hause kommt er, denn er ist Gefangener auf der Insel Patmos. Aber in Gedanken kommt er nach Hause. Die Gedanken sind frei. Die Träume auch. Darum berichtet die Offenbarung von den Visionen, die dieser Johannes hat. Von seiner inneren Bilderschau, die dieser Mensch in sich aufsteigen und ihre Kraft entfalten sieht.

Wir hören Verse aus dieser Offenbarung des Johannes, Verse aus Kapitel 5 sowie wenigen Versen davor und danach. Johannes schreibt:

Alsbald wurde ich vom Geist ergriffen. Und siehe, ein Thron stand im Himmel und auf dem Thron saß einer. Und um den Thron waren vierundzwanzig Throne und auf den Thronen saßen vierundzwanzig Älteste mit weißen Kleidern. Auf ihren Häuptern trugen sie goldene Kronen.
Und ich sah in der rechten Hand dessen, der auf dem Thron saß, ein Buch, beschrieben innen und außen, versiegelt mit sieben Siegeln. Und ich sah einen starken Engel, der rief mit großer Stimme: Wer ist würdig, das Buch aufzutun und seine Siegel zu brechen? Und niemand, weder im Himmel noch auf Erden noch unter der Erde, konnte das Buch auftun noch in ihm lesen. Und ich weinte sehr, weil niemand für würdig befunden wurde, das Buch aufzutun und hineinzusehen.
Und einer von den Ältesten spricht zu mir: Weine nicht! Siehe, es hat überwunden der Löwe aus dem Stamm Juda, die Wurzel Davids, aufzutun das Buch und seine sieben Siegel. Und ich sah, und ich hörte eine Stimme vieler Engel um den Thron, die sprachen mit großer Stimme: Das Lamm, das geschlachtet ist, ist würdig, zu nehmen Kraft und Reichtum und Weisheit und Stärke und Ehre und Preis und Lob. Und als das Lamm das siebente Siegel auftat, entstand eine Stille im Himmel etwa eine halbe Stunde lang.


Orgel (Anfang von G.F. Händels „Würdig ist das Lamm...“) – bricht dann plötzlich ab!

Stille! Stille im Himmel! Eine halbe Stunde lang. Manchmal sehne ich mich nach einer solchen halben Stunde. Doch Stille – auch im Himmel? Stille, wovon? frage ich mich. Habe ich denn im Himmel auch noch Stille nötig? Bin ich da nicht umgeben von Klängen, die mir guttun. Klängen, die zu Herzen gehen. Klängen, die ich gar nicht unterbrochen haben möchte.

Ich war noch nie im Himmel. Aber diese Stille, diese halbe Stunde Stille – die markiert wohl schon einen besonderen Augenblick. Auch die himmlischen Routinen müssen wohl manchmal unterbrochen werden. Auch im Himmel wird nicht immer Halleluja gesungen und frohlockt, wie wir das aus dem „Münchner im Himmel“ kennen. Auch im Himmel wird Wichtiges von weniger Wichtigem unterschieden.

Es ist eine zentrale, elementare Unterbrechung, die hier beschrieben wird. Diese halbe Stunde Stille. Und wer dieses atemberaubende Buch des Johannes liest, diese Offenbarung, der ahnt, dass es jetzt ums Ganze geht. Ums Ganze der Welt. Um ihre Bedrohtheit und ihre Zerbrechlichkeit. Um ihr Sein und Nichtsein. Es bleibt spannend, auch als das siebte Siegel geöffnet wird. Vorher singen wir aber eine weitere Strophe des angefangenen Liedes:

Wir bau’n auf Gottes Treue
im Wandel dieser Zeit.
Adventslicht strahlt aufs Neue
in unsre Dunkelheit,
lässt uns vom Morgen singen
den Gott uns heut verspricht,
Wo Gottes Töne klingen,
wird diese Welt ganz licht!


Die Offenbarung des Johannes ist ein Trostbuch. Geschrieben mitten in den 90er Jahren des ersten Jahrhunderts nach Christus. Geschrieben unter der Gewaltherrschaft des römischen Kaisers Domitian. Den Menschen ist die Durchhaltekraft verloren gegangen. Die Liste der ihres Glauben wegen Ermordeten wird immer länger. Das Böse hat, so schien es von Tag zu Tag offensichtlicher, über das Gute gesiegt.

Da taucht mit einem Mal dieses subversive, alle Macht der Römer untergrabend Buch auf. In atemberaubenden Bildern beschreibt es ein himmlisches Drama, das für das Chaos in der Welt verantwortlich ist. Wie mit einer Geheimsprache, die die römischen Leser nicht verstehen, nutzt es die biblischen Bilder. Und der Sinn all dessen wird erschlossen, was den Menschen nur wie eine einzige Ungerechtigkeit und Ungeheuerlichkeit vorkommen musste. Das Leben – es kommt ihnen vor wie ein Buch mit sieben Siegeln.

Doch die Wende hin zum Guten – sie wird im Himmel schon vorbereitet. Das Lamm, so lesen wir, öffnet das Siegel. Das Lamm, das ist in der von der Bibel geprägten Sprache der Offenbarung der Name für den, der wie ein Lamm hatte leiden und sterben müssen: Christus! In dieser Erfahrung von Gewalt und Tod fühlen sich die Menschen diesem Christus verbunden. Er ist für sie der Schlüssel zu einem besseren Leben. Er ist der, der die Wende bringt. Die sieben Siegel über ihr Leben werden sich lösen, das wollen sie gerne glauben. Die Wende hin zum Guten – sie nimmt ihren Anfang in dieser halben Stunde der Stille im Himmel.

Wie ein Video-Clip der Gegenwart liest sich, was dieser Johannes auf Patmos in seinem Inneren aufsteigen sieht. Ein inneres Trost-Video, das zum Durchhalten ermutigt. Die Wende zum Guten, so lautet seine Botschaft, sie hat längst begonnen! Mitten im Alten wächst längst Neues.

Es ist bald aus und vorbei mit der himmlischen Stille. Als das siebte Siegel geöffnet wird, sind sieben Posaunen zu hören. Ein unglaubliches Getön für den Kampf Gut gegen Böse. Die Bilder des Johannes sind jetzt kaum zu ertragen. Aber ihre Botschaft hat ein eindeutiges Gefälle. Der himmlischen Ruhe wird dann auch die irdische folgen. Leid und Gewalt, irgendwann haben sie ausgedient. Dann, wenn Gottes neue Welt beginnt.

Davon lasst uns singen mit der dritten Strophe.

Ins Dunkel dieser Zeiten
bricht Gottes Licht herein,
umgibt von allen Seiten
die Welt mit neuem Schein.
Macht groß, was uns erscheinet
gering und ohne Wert.
Und wer grad noch geweinet,
ist jetzt bei Gott geehrt!


Dass wir uns sehnen nach dieser neuen Welt Gottes – das ist das Thema des Advent. Um nichts anderes geht es. Der Ruhe im Himmel wird die Ruhe auf Erden folgen. Nicht sofort. Und nicht so, dass wir diese neue Welt anknipsen könnten wie das Licht mit einem Schalter. Die Welt des Vorletzten gibt sich nicht so leicht geschlagen.

Unser Leben ist und bleibt ein gezeichnetes Leben. Mühsam werden die kleinen Siege errungen. Und mit Tränen die kleinen Niederlagen ertragen. Manchmal kommen wir über mühsame Sondierungen des Neuen nicht hinaus. Und müssen uns wieder mit dem Alten arrangieren. Vieles, wovon wir träumen, bleibt uns verwehrt. Liebe, die nur eine endliche Dauer hat. Krankheit, die mit Macht in unser Leben einbricht. Der Tod, der sich uns ein ums andere Mal unübersehbar entgegenstellt.

Aber unser Hoffen ist nicht ohne Aussicht. Weil uns auch das Gelingen zur Möglichkeit wird. Weil im Kleinen beginnt, was im Großen noch aussteht. Unsere Erfahrung ist das. Und auch schon die Botschaft des Johannes der Offenbarung.

Ganz am Ende findet der Seher Johannes Worte, die davon sprechen, wie es einmal sein wird. Unglaubliche Worte. Unglaublich tröstende Worte! Am Ende schreibt er: Gott wird abwischen alle Tränen von unseren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein; denn das Erste ist vergangen. Und der auf dem Thron saß, spricht: Siehe, ich mache alles neu!

Was für ein Fest des Neuen! Einen Ort braucht dieses Fest. Nein, viele Orte braucht es. Und viele Gelegenheiten, es zu feiern. Viele Gelegenheiten, die den Anbruch der neuen Welt Gottes ankündigen und feiern: das Ende von Krieg und Gewalt. Das Ende von Flucht und Vertreibung. Die neue Gemeinschaft der Menschen untereinander, ohne Ansehen der Person, der Hautfarbe, des Geschlechts, der Herkunft, der Religion.

Alle, die in die Kirche kommen, kommen nach Hause. Jede Kirche ist ein solcher Ort der Heimat im Angesicht Gottes. Auch dieses Evangelische Gemeindezentrum. Seit vierzig Jahren ist es das. Ein Ort für eine Stunde Stille am Sonntagvormittag. Ein Ort der hilfreichen Begegnung. Ein Ort der tröstenden Worte. Ein Ort himmlischer Klänge. Ein Ort, der uns ahnen lässt, was da alles noch aussteht in meinem Leben.

Advent heißt, dieser Ahnung der neuen Welt Gottes Raum geben. Raum geben in meinem alltäglichen Leben. Raum geben, im Sinne des Wortes, in den Räumen, in denen wir die neue Welt Gottes erfahren und erleben wie vorweggenommen. Wer hierher kommt, kommt nach Hause. Weil Gott uns bei sich Heimstatt geben will. Hier. Und an jedem Ort, an dem wir uns auf Gottes Gegenwart einlassen.

Manchmal reicht dafür schon eine Absteige. Manchmal reicht dafür schon ein Stall. Manchmal reicht schon ein Kind, um Gott in dieser Welt zu entdecken. Darauf lassen wir uns ein in diesen Wochen des Advent. Das lasst uns feiern heute. Davon lasst uns singen! Amen!

Gott, du kommst uns entgegen
auf unserm Weg zum Stall,
verwandelst Schmach in Segen
und lässt uns überall
die Spuren deiner Güte,
die für uns Menschen brennt,
entdecken. Uns behüte
dein Engel im Advent!

Wer bricht das siebte Siegel,
enthüllt der Welten Lauf?
Wer öffnet uns den Riegel,
tut uns die Türen auf
zur neuen Stadt auf Erden,
wo jeder Heimat findt’.
Neu soll die Schöpfung werden.
Zu Gott weist uns ein Kind!



Traugott Schächtele

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