SCHÖPFUNG 2.0
PREDIGT ANLÄSSLICH DES GOTTESDIENSTES ZUM ABSCHLUSS DER AKADEMIETAGUNG
DAMIT ES WEITER BRUMMT UND SUMMT
AM SONNTAG, DEN 4.- MÄRZ 2018 (OCULI)
IN DER KAPELLE DES HAUSES DER KIRCHE IN BAD HERRENALB


Liebe Gemeinde!
Heute ist der Sonntag Oculi. Okuli, da kommen sie! Von meiner Mutter habe ich diesen Satz als Kind immer wieder gehört. Im Frühjahr, dann wenn sich der Sonntag Okuli im Kirchenjahr genaht hat. Die Zugvögel seien damit gemeint, so hat sie dem wissbegierig nachfragenden Knaben erklärt.

Ich weiß heute, dass es noch etwas anders ist. Okuli, da kommen sie - dieser Satz stammt aus der Welt der Jäger und bezieht sich auf die Schnepfen. Laetare, das ist das Wahre!, so geht diese Spruchweisheit weiter. Und an Judika sind sie auch noch da!

Um die Schnepfen ist es derzeit nicht mehr so gut bestellt wie damals, in der Mitte des 19. Jahrhunderts, als diese Jägersregel entstanden ist. Seit 2002 stehen die Schnep-fen auf der Vorwarnliste für die Roten Liste gefährdeter Tierarten, weil ihr Bestand rapi-de zurückgeht.

Vor allem den Insekten geht es noch deutlich schlechter als den Schnepfen. Viele sind ganz aus ihrer - und unserer - Lebenswelt verschwunden. Dazu haben sie viel gehört in diesen beiden Tagen. Und bei den Insekten braucht es nicht einmal die besondere Treffsicherheit der Jäger, um sie zum Verschwinden zu bringen. Da tragen wir alle auf unterschiedliche Weise selber ganz ordentlich mit bei.

Ei, wir tun dir nichts zuleide heißt es im Kinderlied über die Bienen Summ, summ, summ - das ist leider ein Satz, mit dessen Wahrheitsgehalt es nicht mehr weit her ist. Das Geschöpf Mensch befindet sich im Aufruhr. Und am Ende ist niemand mehr vor unserer Spezies sicher. Nicht einmal mehr die Gattung Mitmensch! Der Mensch ist dem Menschen ein Wolf! Und den Schnepfen und der ganzen Schöpfung dazu. Und wer weiß, womöglich längst auch dem lieben Gott.

Doch sang- und klanglos gibt Gott seine Schöpfung nicht dem Verderben preis. Ich will hinfort die Erde nicht mehr zerstören! So lautet das göttliche Bekenntnis am En-de der großen Flut. Jeder Regenbogen erinnert mich daran. Und so leistet Gott auch dem zerstörerischen Wirken seines Geschöpfs des sechsten Schöpfungstages, gegen-über uns Menschen also, Widerstand.

Doch nicht nur der Mensch befindet sich im Aufruhr. Der ganze Himmel dazu. Und Gott selber auch. So hat Gott keine Wahl - und beruft seinen himmlischen Krisenstab ein. Ich muss den Menschen Einhalt gebieten!, sagt er. Der Mensch hat kein Erbarmen mit der Schöpfung. Die Welt ist dabei, vor die Hunde zu gehen! - Nichts Neues unterm Himmel. Das hatten wir doch schon mal! Noah ergreift so das Wort. Stimmt!, entgegnet Gott, die Welt wäre damals auch fast im Chaos versunken. - Du hast sie dann halt im Wasser versinken lassen. Noch einmal redet Noah, dieses Mal etwas spöttisch. Das hat ganz schön vielen das Leben gekostet. Wenn ich nicht eingegriffen hätte, säßest du jetzt nicht hier!, fährt Gott fort. Aber die Lösung von damals geht heute nicht mehr. Ich stehe im Wort!

Du meinst deine Zusage: Ich will die Erde nie mehr zerstören! - Ja, genau! Sie müssen alle davonkommen, dieses Mal! - Dann ist es höchste Zeit, um zu handeln! Albert Schweizer hat jetzt das Wort ergriffen. Keine Ehrfurcht mehr haben sie vor dem Leben! Dabei ist jeder kleine Moskito ein Beleg für dich als Schöpfer. Was hast du vor? Gott überlegt. Dann sagt er: Wir haben keine Wahl. Wir brauchen eine Art Relaunch der ganzen Schöpfung.-
Du meinst so etwas wie Schöpfung 2.0?! - Es ist Steve Jobs, der sich jetzt einmischt. Ich bin dabei. Du musst kleine kreative Zellen gründen. Thinktanks. Workshops. Es sind viele hier, die sich auskennen. - Aber wir dürfen den biblischen Schöpfungsbericht nicht außer Kraft setzen. - Raschi, ein jüdischer Theologe aus dem Mittelalter mischt sich jetzt mit diesen Worten ein. Die Reihenfolge deiner Schöpfungstage ist uns heilig!

Dann musst du sieben kleine Thinktanks einsetzen! - Noch einmal mischt sich Steve Jobs ein. Gott lächelt. - Sechs sind genug! Am siebten Tag habe ich doch geruht. Das solltest auch du wissen. Aber deine Idee ist gut. Wir stellen meine Schöpfung auf den Prüfstand. Schöpfung 2.0 Alle an die Arbeit. Ich komme dann bei euch allen vorbei. Schließlich ist es meine Schöpfung!

Und Gott sprach: Es werde Licht! Und es ward Licht. Da schied Gott das Licht von der Finsternis

Die Gruppe Tag 1 - Licht und Finsternis ist die erste. Alle sind dabei, für die das ein Thema ist. Was ist euer Beitrag zur Erneuerung der Schöpfung? Gott fragt ganz di-rekt. Meine Erfindung war ein Fehlschlag, gibt Edison zu bedenken. Dass aus einer Glühbirne ein Lichter-Tsunami wird, das habe ich nicht gewusst. Und auch nicht gewollt. Du musst die Lichtbelästigung reduzieren. Sie macht Menschen krank! - Und sie haben das Gefühl für den Rhythmus des Lebens verloren, gibt ein tibetischer Weisheitslehrer zu bedenken. - Also will ich die Menschen von neuem die Gabe der heilsamen Unterscheidung lehren!, sagt Gott. Und macht sich auf den Weg zur nächs-ten Gruppe.

Wir singen derweil EG 515,1

Da machte Gott die Feste und schied das Wasser unter der Feste von dem Wasser über der Feste.

Im Workshop der Gruppe Tag 2 - Meer und Festland werden Landkarten stu-diert. Gott, Schöpfer, ganze Landstriche werden vom Meer überrollt. Und viele Inseln werden verschwinden. Die Heimat meiner Vorfahren versinkt bald im Wasser! - mit diesen Worten klagt eine Frau aus den Fidschi-Inseln. Das Klima ist für viele Menschen überhaupt kein Thema. Ob der Wasserspiegel der Meere steigt, ob die Arktis schmilzt, das kümmert sie nicht. Sie setzen auf ihren Götzen Wachstum!

Gott nimmt sie in den Arm. - Du hast recht. Die Menschen müssen neu lernen, ihre Grenzen zu akzeptieren. Nicht alles, was möglich ist, muss auch wirklich werden. - Das ist mir fast zu philosophisch, entgegnet Chief Seattle, der Indianerhäuptling. Die Men-schen müssen aufhören, soviel Gift in die Luft zu pusten. Sie müssen mit der Natur die Friedenspfeife rauchen! - Das hast du schön gesagt, entgegnet Gott. Sie sollen meine Schöpfung nicht nur für ihre Zwecke nutzen. Sondern immer wieder neu einfach stau-nen. Und das Lob der Schöpfung singen.

Während Gott weitergeht, um nach dem dritten Thinktank zu schauen, singen zumindest wir: EG 515,3

Und Gott sprach: Es lasse die Erde aufgehen Gras und Kraut, das Samen bringe, und fruchtbare Bäume, die ein jeder nach seiner Art Früchte tragen.

Bei der Gruppe Tag 3 - Einkleidung der Erde ist die Stimmung nicht gerade be-sonders. Von wegen: Das Erdreich decket seinen Staub mit einem grünen Klei-de! Paul Gerhardt zitiert aus seinem eigenen Lied. Ganze Erdstriche sind nur noch Staub.- Und Jörg Zink fährt fort: Sie versteppen. Und werden zu Wüsten! Und große Flächen werden mit Monokultur überzogen. Leiden unter Überdüngung und einseitiger Bodennutzung. Das ist kein Kleid mehr. Das ist eine Zwangsjacke für die Erde! -

Und Carl Friedrich von Weizsäcker ergänzt: Die Bedrohung durch Atomwaffen und die atomare Energiegewinnung könnte jede weitere Überlegung zur Zukunft deiner Schöp-fung ohnedies überflüssig machen. Ich bewundere deine Langmut mit den Menschen!

Jetzt schaut auch Gott sehr ernst: Vor der Bedrohung durch die Kernspaltung fürchte ich mich auch. Und derzeit sieht es so aus, als würden einige auf der Erde gerne ein-mal so richtig zündeln. Doch wenn ich die Erde nicht mehr zerstören will, dann soll es den Menschen erst recht verweht werden. Ich werde ihnen Einhalt gebieten. Und ich bin gespannt, was sich die Gruppe 4 überlegt.

Und während Gott sich zur Gruppe 4 auf den Weg macht, singen wir: EG 515,4

Und Gott machte zwei große Lichter: ein großes Licht, das den Tag regiere, und ein kleines Licht, das die Nacht regiere, dazu auch die Sterne.

Wunderschöne Sphärenklänge weisen den Weg zum Workshop der Gruppe 4 - Sonne und Mond. Die Menschen dort bewegen sich in einem Modell des Himmels hin und her, das an ein Planetarium erinnert. Nur viel komplizierter. Und größer. Albert Einstein meldet sich als erster zu Wort: Wir haben dein System immer noch nicht wirk-lich verstanden, du Schöpfer des Weltalls. Ich hatte einst gedacht, ich hätte dich durch-schaut. Aber alle Erkenntnis ist relativ. Das habe ich erst hier begriffen!

Und Neil Armstrong, der erste Mensch auf dem Mond, ergänzt: Das Weltall ist vor den Menschen zumindest noch einigermaßen sicher. Da reicht ihr Geist wohl nicht aus! - Aber die Atmosphäre hat schon gewaltige Löcher, weil zu viel CO2 in die Luft geblasen wird. Ein ehemaliger Umweltpolitiker meldet sich so zu Wort: Mir hat das damals aber keiner glauben wollen!

Gott lächelt. Dann sagt er: Das Weltall ist der letzte Ort, der vor den Menschen einiger-maßen sicher ist. Und an dem ich vor den Menschen einigermaßen sicher bin. Aber wer weiß, wie lange noch. Aber meine Erde ist immer noch der schönste Planet, den sie im ganzen Universum für sich finden können. Und der Rhythmus des Alls gibt allem Leben seinen Rhythmus. Die Tage, die Monate, die Jahre - alles bildet sich im Lauf der Gestirne ab. Und aus ihrem Licht könnten sie mehr Energie gewinnen, als sie überhaupt je brauchen.

Aber irgendwie sind die Menschen in der Vorzeit stehen geblieben. Sie lieben es, Feu-er zu machen und Dinge zu verbrennen. Früher war das nur Holze. Heute sind das Kohle. Und Öl. Fossile Brennstoffe, die die Luft über Gebühr belasten. Die Menschen denken nicht daran, dass dieses Verbrennen ihnen buchstäblich die Luft zum Atmen nimmt.

Dabei könnte sie die rechte Ethik und der gestirnte Himmel über ihnen lehren, Ehr-furcht vor dir zu haben! Immanuel Kant mischt sich plötzlich in das Gespräch ein: Du hast recht, erwidert Gott. Nirgends ist meine Handschrift besser zu erkennen als in der Weite des Alls! Aber ich muss weiter.

Wir nutzen dies, um wieder zu singen: EG 515,2

Und Gott sprach: Es wimmle das Wasser von lebendigem Getier, und Vögel sollen fliegen auf Erden unter der Feste des Himmels. Die Erde bringe hervor Vieh, Gewürm und Tiere des Feldes, ein jedes nach seiner Art.

Im Workshop Tag 5 und Tag 6 - Entstehung des Lebens gibt es ein Stelldichein aller Biologen und Tierforscher. Karl von Frisch, Konrad Lorenz, Alfred Grzimek und viele andere. Landwirte sind da, Wissenschaftler aller Couleur. Deutlich ist zu spüren: Hier herrscht höchste Alarmstufe. Die Sätze sind in ihrem Durcheinander kaum zu ver-stehen. Deine Schöpfung, Gott, verschwindet. Jedes Jahr sterben bis zu 60.000 Tierar-ten aus: Insekten, Käfer, Vögel, seltene Urwaldtiere. Fadenwürmer, Fledermäuse. In-sekten fallen als Bestäuber weg. Fast ein Drittel aller Tierarten ist vom Aussterben be-droht. - Jetzt erstmal Ruhe! sagt Gott. Hektik rettet keine einzige Art. Wir müssen über-legen, wie wir diese Entwicklung stoppen. Eine erste Gegenbewegung ist schon im Gang. Viele Menschen sind aufgewacht. Wissenschaftler, Politiker, Menschen in den Kirchen. Sie machen sich sogar in Akademietagungen Gedanken.

Das Denken allein hilft aber auch nicht weiter!, wirft Karl Marx ein. Die Wissenschaft liefert nur kluge Analysen. Und du, Gott, nimmst, so gütig wie du bist, die Welt einfach wie sie ist. Es kommt aber darauf an, sie zu verändern! - Du musst mich nicht belehren, fällt Gott ihm ins Wort. Deswegen sind wir doch da. Gute Programme zur Bewahrung meiner Schöpfung sind gefragt! Und eine Erneuerung des Denkens bei den Menschen. Höchste Zeit, dass ich den sechsten Think-Tank aufsuche. - Das ist der wichtigste! Aus dem Hintergrund lässt Martin Luther von sich hören: Immerhin bist du ja selber Mensch geworden!

Heute muss ich wohl bei euch in die Schule gehen, gibt Gott zur Antwort. Meinst du, du sagst mir da etwas Neues? Und ob die sechste Arbeitsgruppe die wichtigste ist, das weiß ich noch nicht. Schauen wir mal!

Wir singen bis dahin erst einmal: EG 515,5

Und Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn; und schuf sie als Mann und Frau.

Beim Thinktank Tag 6 - Erschaffung des Menschen ist zunächst niemand zu sehen. Die sind wohl alle in den anderen fünf Denk-Zentren. Sie ahnen gar nicht, was das alles mit ihnen zu tun hat - leise spricht Gott mit sich selber. Doch halt, einer tritt ihm aus dem Hintergrund entgegen. Jesus aus Nazareth. Dich bekennen sie doch als neue Schöpfung. Oder als neuen Adam. Es ist Paulus aus Tarsus, der sich so an Jesus wendet. Gott von Gott, Licht von Licht haben sie dich genannt. Dir gleich, nicht nur ähn-lich. Aber wenn's drauf ankommt, fragen sie nicht einmal nach dir.

Paulus ist außer sich: Bei mir hätten sie doch alles nachlesen können. Ich hab' doch von der Schöpfung geschrieben, die seufzt und ächzt - und die sich nach Erlösung sehnt. - Vielleicht war das doch etwas zu theologisch formuliert!, wirft Jesus aus Naza-reth ein. Ja, du hättest viel drastischer formulieren müssen, nimmt Gott den Faden auf. Die Schöpfung schafft sich selber ab! Das hätten sie verstanden. - Aber nicht geglaubt wirft Paulus ein. Sie vertrauen deinem Satz: Ich will hinfort die Erde nicht mehr zerstö-ren!

Wenn das so ist - mich soll es freuen! - jetzt ist es wieder Gott, der spricht. Dann will ich sie unterstützen. Will ihnen gute Gedanken geben. Ideen, die helfen. Und vor allem den nötigen langen Atem. Höchste Zeit, dass sie den Wert des Sabbats wieder neu entdecken. Wenn sie zur Ruhe kommen, werden sie stark sein. Und wenn sie erken-nen, dass weniger mehr ist. Dann will ich ihnen Zukunft und Hoffnung geben! Meine Schöpfung - ich will ich nie mehr zerstören. Meine Schöpfung bleibt! Auch als Schöp-fung 2.0. Dafür sollen sie arbeiten. Daran sollen sie glauben. Und deshalb sollen sie feiern.

Wir singen noch einmal: EG 515,6+7

Okuli, da kommen sie! - damit hat diese Predigt begonnen. Und damit soll sie auch schließen. Aber kommen sollen nicht nur immer wieder neu die Schnepfen. Son-dern auch die Einsicht. Die guten Gedanken. Und die Bereitschaft, umzukehren von Wegen, sie sich als gefährliche Irrwege erwiesen haben. Okuli, da kommen sie! - unsere Hoffnungen, dass du, Gott, das Ruder herumreist. Und deine Schöpfung Be-stand hat. In dir. Und für uns! Amen.

EG 515,9


Traugott Schächtele

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