Predigt über Jeremia 31,31-34 am Sonntag, den 13. Mai 2018 (Exaudi)
in der Heiliggeistkirche in Heidelberg


I.
Liebe Gemeinde! Elf Minuten und zehn Sekunden hat es gedauert. Elf Minuten und zehn Sekunden hat der Präsident der Vereinigten Staaten gebraucht, um in einer kurzen Ansprache seinen Ausstieg aus dem Atom-Abkommen mit dem Iran bekannt zu geben. Elf Minuten und zehn Sekunden - dann war eingetreten, was der Historiker Ulrich Herbert in die dürren Worte gefasst hat: Den Westen gibt es nicht mehr.

Abkommen sind immer mehr als nur eine rechtliche Regelung. Sie konstituieren die Form des Zusammenlebens. Sie sind ein Spiegelbild des Vertrauens oder des Misstrauens zwischen den Vertragspartnern. Verträge und Vereinbarungen schaffen Verlässlichkeit auf Zeit. Sie beschreiben den aktuellen Zustand, aber sie sind nie von Dauer. Kündigungsklauseln sind fast immer Bestandteil eines Vertrags. Das im Vertrag festgeschriebene Verhältnis endet. Oder es wird ein neuer Vertrag ausgehandelt.

II.
Der heutige Predigttext fügt sich wunderbar ein in die politisch einschneidendste Erfahrungen der vergangenen Woche. Thema ist ein Vertrag - genauer noch: Thema ist, dass einer der beiden Vertragspartner den Ausstieg aus dem bestehenden Vertrag ankündigt und einen neuen in Aussicht stellt. Doch was formal scheinbar ähnlich ist, unterscheidet sich am Ende in jeder Hinsicht. Doch hören sie selbst!

Ich lese aus Jeremia 31 die Verse 31 bis 34:

Siehe, es kommt die Zeit, spricht der Herr, da will ich mit dem Hause Israel und mit dem Hause Juda einen neuen Bund schließen, nicht wie der Bund gewesen ist, den ich mit ihren Vätern schloss, als ich sie bei der Hand nahm, um sie aus Ägyptenland zu führen, mein Bund, den sie gebrochen haben, ob ich gleich ihr Herr war, spricht der Herr.

Sondern das soll der Bund sein, den ich mit dem Hause Israel schließen will nach dieser Zeit, spricht der Herr: Ich will mein Gesetz in ihr Herz geben und in ihren Sinn schreiben, und sie sollen mein Volk sein, und ich will ihr Gott sein. Und es wird kein Bruder den andern noch eine Schwester die andere lehren und sagen: "Erkenne den Herrn", denn sie sollen mich alle erkennen, beide, klein und groß, spricht der Herr; denn ich will ihnen ihre Missetat vergeben und ihrer Sünde nimmermehr gedenken.


III.
"Das sind keine guten Aussichten für Pfarrerinnen und Pfarrer!" Ein Freund hat mir das geschrieben. Gestern. Und zwar genau im Blick auf diesen Text. "Wenn ein Bruder den anderen und eine Schwester die andere lehren wird. Und sie alle die Wahrheit Gottes erkennen und sie wissen was gut ist und böse, dann wird man euch nicht mehr brauchen."

Ich finde, das sind gute Aussichten, liebe Gemeinde! Denn Jeremia beschreibt hier eine Zukunft, die sich von der Gegenwart fundamental unterscheidet. Von seiner damals. Aber auch von der unsrigen. Denn nicht nur die Berufsgruppe der Pfarrerinnen und Pfarrer wäre in dieser neuen Welt Gottes nicht mehr nötig. Genauso wenig bräuchte es dann noch Armeen. Und sicher auch keine solchen Verträge mehr wie das Atomabkommen mit dem Iran.

Die Welt, die Jeremia vor Augen hat, ist politisch nicht weniger komplex als die unsere heute. Der nördliche Teil des Landes, das Haus Israel, gibt es schon mehr als hundert Jahre nicht mehr. Der südliche, das Haus Juda mit Jerusalem, ist seit 587 v. Chr. von der politischen Landkarte verschwunden. Eine realistische Aussicht auf bessere Zeiten gibt es nicht mehr. Visionen einer neuen und gar besseren Zukunft entbehren jeglicher Grundlage.

IV.
Wenn wir heute nicht wissen, wie sich die Zukunft gestaltet, setzen wir Think Tanks ein. Denkwerkstätten, die die möglichen Optionen prüfen. Zur Zeit Jeremias gibt es diesen Ausdruck zwar noch nicht. Aber was die Propheten anregen, ist davon nicht allzu sehr entfernt.

Welche Möglichkeiten bleiben den Menschen damals. Mindestens drei Varianten lassen sich beobachten.

Die erste Variante, das ist die der individuellen Zukunftssicherung. Ich suche mir meine eigene Überlebensstrategie. Ich arrangiere mich mit den neuen Verhältnissen. Ich versuche, nicht anzuecken. Bestenfalls schaffe mir meine eigene kleine Welt. Und ich mische mich in die politischen Machtspiele der Großen nicht mehr ein.

Suchet der Stadt Bestes, in die ihr deportiert worden seid! Das ist vielleicht der bekannteste Satz des Jeremia überhaupt. Er schreibt ihn an die nach Babylon Verschleppten. Wenn ihr euch einbringt vor Ort, habt ihr die besten Chancen zumindest auf etwas Zukunft.

Was in vielen Begegnungen zwischen Staat und Kirche bis in die Gegenwart als Programmatik einer ausbalancierten Koexistenz beschworen und gefeiert wird - es war wohl so etwas wie eine individuelle und pragmatische Weise des Umgangs mit einer fremdbestimmten Gegenwart!

Bei der zweiten Variante des Umgangs ist Jeremia schon deutlich zurückhaltender - zumindest in öffentlichen Äußerungen. Obwohl er ein ums andere Mal politische Zeichenhandlungen organisiert. Mit einem Joch herumläuft. Einen getöpferten Krug zerbricht. Landkäufe ohne Perspektive tätigt. Es ist die politische Variante. Jeremia vermittelt hochsensible politische Inhalte. Und kritisiert die Mächtigen. Zerschlagen werdet ihr wie der Krug. Unterjocht werdet ihr - wie ich mit dem Joch, das ihr an meinem Hals seht.

Nach der politischen Katastrophe werden die Töne leiser. Organisiert euch, und seis heimlich. Bildet Strukturen. Haltet die Kommunikation zwischen den Verschleppten und denen im Lande aufrecht. Verliert auch Ägypten nicht aus dem Blick. Und alle eure Landsleute, die schon lange nicht mehr im Lande wohnen.

Diese Variante war auf Dauer erfolgreich. Mit ihr hat das Judentum überlebt. Und ist seit 70 Jahren auch wieder mit einem Staatswesen verbunden. Hoch konfliktreich bis in die Gegenwart. Aber aufs Ganze gesehen doch auch hochgradig erfolgreich.

Dass es zugleich auch riskant sein kann, diese Variante zu überreizen, das ist das politische Thema der Gegenwart im Nahen Osten.

V.
Bleibt die dritte Variante, die theologische. Das ist die des heutigen Predigttextes. Das ist die, die den weitesten Horizont hat. Aber der zugleich noch der Ort fehlt. Das ist darum die, die nur als utopisch beschrieben werden kann. Die aber zugleich den längsten Atem vermittelt.

Es ist die Variante, die Gott ins Spiel bringt. Die sich aus den guten Erfahrungen der Vergangenheit speist. Und die das Beste dennoch von der Zukunft erwartet.

Jeremia beschreibt das Verhältnis der Menschen mit Gott im Bild eines geschlossenen Bundes. Eines Bundes, dessen Vertragspartner auf der einen Seite Gott ist und auf der anderen der Mensch.

Ein Bund, wie Jeremia ihn versteht, ist das Gegenteil eines deals. Ein Deal ist eine Vereinbarung, in der zwei Partner sich auf ein gemeinsames Geschäft verständigen. In der sie sich eine win-win-Situation verschaffen. Das ist an sich nicht verwerflich - wenn der deal in der Regel nicht auf Kosten eines Dritten geht - oder auf Kosten vieler Dritter oder gar Vierter.

Politik im Stile eines deals macht derzeit viel von sich reden. Und oft scheint es, dass einer der Vertragspartner überseiht, dass der andere ihn über den Tisch zieht. Weil er sein Ego befriedigen und sein "First" zelebrieren will.

VI.
Auch der Bund, von dem Jeremia spricht, ist einer zwischen ungleichen Partnern. Es ist kein deal. Und auch kein Geschäft. Es ist die bleibende Selbstbindung des einen, in diesem Falle Gott, zugunsten eines anderen. Gott bindet sich an den Menschen. Bleibend. Ohne Vorbedingungen. Aber nicht ohne klare Erwartungen. Der Bund beschreibt keinen Status quo. Der Bund beschreibt einen Prozess.

Es ist ein lebenslanges, besser noch ein Generationen-Projekt, dass der Mensch seinen Teil dieses Bundes wirklich erfüllt. Wo immer der Mensch hinter seinen Möglichkeiten zurückbleibt, bleibt Gott nicht stumm - davon ist Jeremia überzeugt. Aber Gott steigt aus dem Bund nicht aus. Die Geschichte Gottes mit den Menschen steht nicht zur Disposition.

"Wenn jeder macht, worauf er Lust hat, ist das eine schlechte Nachricht für die Welt!" Auch das ist ein Satz aus der vergangenen Woche. Die Bundeskanzlerin hat ihn gesagt, beim Katholikentag in Münster. Was im Blick auf das Iranabkommen richtig ist, es gilt in weitaus größerem Maße für Gottes Bund mit den Menschen.

VII.
Für Jeremia ist das bittere Realität. Er sieht die Mängel, denen der Mensch als Bündnispartner offenkundig unterliegt. Und ihn beschleicht eine Ahnung, die politische Katastrophe könnte damit zusammenhängen. Nein, nicht im Sinne einer Strafmaßnahme. Sondern als Folge dessen, was der Bund meint.

Jeremia steht die Übergabe des Zehnwortes am Berg Sinai vor Augen. Nicht nur für ihn ist das der große Bund Gottes mit den Menschen. Gott übergibt ihnen die zehn Worte der Wegweisung. In Stein gemeißelt. Und von Anfang an vor dem Zerbrechen nicht geschützt.

Die Gebote auf den Tafeln aus Stein - sie sind für die Menschen ein Angebot. Sie beschreiben eine Möglichkeit des rechten Verhaltens. Doch sie sind genauso ein Spiegel der eigenen Überforderung. Der Mensch hat die Wahl. Und weil er sie hat, kann er auch die falsche Wahl treffen.

Jeremia hofft auf einen anderen Bund. Jeremia hofft, dass Gott diesen Bund der steinernen Tafeln kündigt. Dass Gott aussteigt. Aber nicht um eine schlechtere Situation zu schaffen, wie wirs in der vergangenen Woche erlebt haben.

Wen Gott seinen Bund kündigt, dann nur, um den alten Bund zu übertreffen. Das rechte Verhalten, es steht nicht einfach nur zur Wahl. Es wird den Menschen ins Herz geschrieben. Es macht aus dem steinernen Herz eines aus Fleisch. Und erfüllt den Menschen mit Gottes Geist - so beschreibt zeitgleich eine andere Denkwerkstatt, nämlich die des Propheten Hesekiel diese kühne Hoffnung.

Das rechte Verhalten, die rechte Gottesbeziehung - den Menschen einfach ins Herz geschrieben - das wäre der Anfang von etwas wirklich Neuem. Das wäre der Anfang zugleich des Endes. Denn wenn die Gerechtigkeit dem Menschen in Fleisch und Blut übergegangen ist - wenn der Geist des Menschen zum Platzhalter des Geistes Gottes geworden ist - dann kommt ans Ende, was bis heute die Realität unseres Lebens bestimmt.

Was für eine kühne Hoffnung! Was für eine großartige Vision! Aber sie hat noch keinen Ort! Und wo Menschen diesen Ort zu entdecken meinten, war die Katastrophe nicht weit.

VIII.
Paulus, der Jude aus Tarsus, knüpft an das Bild des Jeremia an. In Christus, so schreibt er nach Korinth, ist vorabgebildet, wie der Mensch zu dem werden kann, was er nach Gottes Willen sein soll. In der Erinnerung an seinen Tod und an seine Auferstehung steht uns der neue Bund sichtbar vor Augen. "Das ist der neue Bund in meinem Blut" - wir werden das auch heute im Abendmahl wieder hören und feiern.

Doch die Theologie nach Paulus ließ sich auf Irrwege verlocken. Der alte Bund sei aufgelöst und am Ende. Und der neuen Bund auf neue, andere Menschen übergegangen. Wir wissen nur zu gut, was am Ende dieses Denkens gestanden ist. Und für manche immer noch steht - Gott seis geklagt. Gottes Bund ist nicht außer Kraft. Er ging nicht an andere über. Richtig ist: Im Sinne der Worte des Jeremia ist der Bund Gottes erneuert und ausgeweitet.

Und es ist das Lebensthema dieses Paulus gewesen, diesen Bund zu universalisieren. Seinen Kreis weiter zu ziehen. Aber nie und nimmer ihn von denen zu nehmen, denen wir das Wissen um diesen Bund verdanken.

IX.
Gottes Geist, der unser Herz erweicht und erneuert - hat seinen Ort gefunden. In den Menschen, die sich von diesem Geist beflügeln und verändern lassen. Durch Thora und Bergpredigt. Durch rechtes Verhalten und gerechtere Strukturen. Durch politische Klugheit und durch den Glauben, der Menschen verwandelt.

Nicht erst heute in einer Woche, mit den Geisttrunkenen von Pfingsten, lasst uns das feiern. Sondern auch schon heute mit denen, denen die Thora, die Weisung Gottes, das Herz verwandelt.

Der Weg des Bundes ist ein Prozess - darauf habe ich vorhin schon hingewiesen. Und die deal-Macher der Gegenwart können ihn nicht aufhalten. Was sind 11 Minuten und 10 Sekunden im Angesicht dessen, für den Tausend Jahre wie ein Tag sind: ein Hauch sind sie, der vorübergeht!

X.

Drei Varianten des Umgangs hat Jeremia die Menschen gelehrt. Mit individueller Zuversicht können wir uns auf den Weg in die Zukunft machen. Politische Klugheit wird gefragt und unverzichtbar bleiben. Wer sie gering achtet, begibt sich in große Gefahr.

Aber die große Hoffnung des Jeremia auf den erneuerten Bund hat ihren Ort - mitten unter uns. In dem, der sie auch für uns zur Lebensmöglichkeit gemacht hat. In uns allen hat sie ihren Ort! Wenn wir geschwisterlich miteinander unterwegs sind. Wenn wir uns gegenseitig von den großen Möglichkeiten Gottes erzählen. Wenn wir das Leben in seiner Fülle jetzt schon feiern - mitten auf dem Weg. Amen.


Traugott Schächtele

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