"DAS PERFEKTE JUSTIZVERBRECHEN"
PREDIGT ÜBER 1. KÖNIGE 21
IM RAHMEN DER PREDIGTREIHE "KRIMINALGESCHICHTEN IN DER BIBEL"
AM SONNTAG, DEN 2. SEPTEMBER 2019
( 14.S.N..TR.)
IN DER HEILIGGEISTKIRCHE IN HEIDELBERG


Liebe Gemeinde!

Krimi-Freunde kommen in den Sommerferien bereits am Sonntagvormittag auf ihre Kosten: In der Heiliggeistkirche dreht sich in einer Predigtreihe alles um den "Tatort Bibel". So heißt es in der Vorankündigung der Predigtreihe, die sie jetzt schon einige Wochen begleitet.

Tatort Bibel! Können wir uns das überhaupt leisten angesichts der Ereignisse der Gegenwart. Liegt der Tatort Straße angesichts der Ereignisse der zurückliegenden Woche nicht viel näher? Ja und nein! Das immer wieder neu Überraschende an der Bibel: Die alten Geschichten sprechen mitten hinein in die Aktualität. Das lässt sich auch dem heutigen Fall abspüren.

Tatort Samaria also. Hauptstadt des Nordreiches Israel, erste Hälfte des 9. Jahrhunderts vor Christus. Fast 3000 Jahre ist es also her, dass sich diese Ereignisse abgespielt haben. Und trotzdem sind sie brandaktuell - im wahrsten Sinne des Wortes.

Wir sind nicht die ersten, die dieser Geschichte nachgehen. Die ersten, das waren diejenigen, denen wir die Überlieferung verdanken. In ihren Königsbüchern, in ihren Chroniken haben sie nicht nur festgehalten, was war. Sie haben Material gesammelt. Sie haben es ausgewertet. Sie sind zu Urteilen über ihre Herrschenden gekommen.

Nicht um Heldenverehrung ist es ihnen gegangen. Sondern um Geschichtsdeutung. Aus den Fehlern der Vergangenheit haben sie ihre Lehren gezogen. Und das, was gelungen war, haben sie ihren Mitmenschen als Vorbild empfohlen. Den Spuren dieser Sammler und Deuter möchte ich jetzt folgen.

"Nun also Ahab! Was wissen wir von ihm?" Eine Gruppe älterer Menschen sitzt im Kreis. Fast nur Männer. Eine Frau ist dabei. Sie ist die Schreiberin. Vor der Gruppe liegt eine Liste der Könige Israels und der Könige Judas. Wir befinden uns im sechsten Jahrhundert vor Christus. Es ist die Zeit der Verschleppung an die Flüsse Babylons.

Der Schriftführer liest vor:

"Im achtunddreißigsten Jahr Asas, des Königs von Juda, wurde Ahab, der Sohn Omris, König über Israel und regierte über Israel zu Samaria zweiundzwanzig Jahre".

"Was wissen wir denn eigentlich von ihm?" fragt einer der Männer? "Er ist militärisch erfolgreich. Hat den König von Damaskus besiegt. Hat den Konflikt mit Salmanassar III., dem König Assyriens nicht gescheut!" "Und ökonomisch?", fragt ein anderer aus dem Kreis. "Höchst erfolgreich! Blühende Wirtschaft. Handelsunion mit Phönizien. Heiratet sogar die Tochter des phönizischen Oligarchen Et-Baal, Isebel mit Namen. Und er hat gebaut. Paläste. Wohnungen. Heiligtümer.

"Heiligtümer? Für wen? Wie hielt er es überhaupt mit der Religion?", fragt der Schriftführer? Der Priester antwortet: "Mit welcher Religion? Er war für alle Religionen offen. Die Zahl der Heiligtümer explodiert. Unser Gott verliert seine Vorrangstellung. Religion wurde von Ahab verzweckt. Er nutzt sie, wenn sie ihm einen Vorteil verschafft. Militärisch. Oder ökonomisch. Elia hat seine liebe Müh mit ihm. Erinnert ihr euch an den Wettstreit der Priester? Der Test, bei wem das Feuer vom Himmel fällt. Da hat Ahab den Kürzeren gezogen." "Und Elia hat ganz schön gewütet", sagt die Schreiberin. "Hat Hunderte Priester hingerichtet! Kein Ruhmesblatt für unsere Religion!"

"Sei still!", fällt ihr da der Priester ins Wort. "Dieses Urteil steht dir nicht zu!" "Ich bleibe bei meiner Meinung", entgegnet die Schreiberin. "Gott hat kein Interesse am Tod derer, die nicht nach ihm fragen!"

"Klärt das ein ander Mal", sagt da einer, der bisher geschwiegen hat. Einer, den sie den Wetterforscher nennen. "Da gab es nämlich noch etwas. Da gab es eine große Klimakatastrophe. Mehrere Jahre ohne Regen. Ahab hat Elia und seinen Gott dafür verantwortlich gemacht. Wolle Elia deshalb auch umbringen."

"Also kein vorbildlicher König! Mal sehen, was wir da als Urteil in unsere Chronik aufnehmen", sagt der Schriftführer.

"Halt. Urteilt nicht vorschnell. Da ist noch ein Bündel mit Unterlagen über ihn", sagt der Archivar. "Da haben wir noch gar nicht hineingeschaut. Ich öffne mal den Riemen." Eine ganze Sammlung von Dokumenten kommt zum Vorschein.

"Lies vor! Was steht da? Ist das von Bedeutung?" Alle reden durcheinander. Der Archivar ordnet die Dokumente.

"Tagebucheintrag Ahabs, des Königs", steht da.

"Heute den Weinberg neben meinen Gärten besichtigt. Ein fruchtbares Stück Land. Ideal, um Gemüse anzubauen. Muss diesen Weinberg unbedingt haben. Werde mit dem Besitzer reden. Gebe ihm ein anderes Grundstück. Oder zahle mit Gold und Edelsteinen."

"Was hast du noch?", fragen die anderen weiter. "Einen Brief habe ich hier. Ich lese ihn euch vor.

"Hochverehrter König Ahab. Vielen Dank für euer Angebot, mir meinen Weinberg abzukaufen. Es ist außerordentlich großzügig. Aber ich kann es nicht annehmen. Den Weinberg befindet sich seit Generationen im Familienbesitz. Hier sind die Gräber meiner Vorfahren. Hier ist unsere Sippe verwurzelt. Das wäre eine Gotteslästerung, ihn aufzugeben. Ich bitte sehr um euer königliches Verständnis. Nabot, Bürger Israels und Winzer."

"Hier hat er wohl auf Granit gebissen", sagt der Priester. "Naboth hat recht. Nie hätte er verkaufen dürfen."

"Ich habe noch etliche weitere Dokumente", sagt der Archivar. "Jetzt kommt eine Art Gutachten des Leibarztes von König Ahab. Hört zu:

"Am gestrigen Tag habe ich unseren König Ahab in seinen königlichen Gemächern aufgesucht. Seine Frau Isebel hatte mir diesen Auftrag erteilt. Der König befindet sich in einem beklagenswerten Zustand. Er kann nur noch liegen. Seine Amtsgeschäfte nimmt er nicht wahr. Er kann die Zukunft nicht in den Blick nehmen. Ich habe einen heftigen Fall von Schwermut diagnostiziert. Ursache ist wohl ein gescheitertes Grundstücksgeschäft. Medikamente, um diese Krankheit zu heilen, gibt es keine. Ich habe der Königin Isebel darum den Rat gegeben, sich selber um dieses Geschäft zu kümmern. Anders wird der König seine Schwermut sicher nicht mehr loswerden. Baruch, königlicher Leibarzt."

Der Archivar legt das Dokument auf den Stoß und nimmt das nächste in die Hand. Alle sind gespannt, was er nun vorliest. "Eine streng geheime königliche Anordnung - aber von der Königin unterschrieben. Dazu hatte sie gar kein Recht. Hört, was hier steht:

"An die Ältesten und Vornehmen der Stadt! Lasst ein Fasten ausrufen und setzt Nabot an den obersten Platz. Dann stellt ihm zwei bezahlte Männer gegenüber, die ihr zu einer Falschaussage nötigt. Ihr werdet wissen, wie das geht. Diese Männer sollen Nabot mit folgendem Vorwurf konfrontieren: Du hast Gott und den König gelästert! Danach führt ihn hinaus und steinigt ihn. Er darf nicht überleben."

"Für diese Tat hätte man sie bestrafen müssen", sagt der Schriftführer. "Das ist ja kriminell. Das ist ein Justizmord!"

"Und hier habe ich auch die Todesnachricht!", fährt der Archivar fort. Ein Schreiben der Obersten in der Stadt Samaria. Nur eine Woche nach dem Schreiben der Königin.

"Geliebte Königin Isebel! Wir haben die traurige Pflicht, euch vom plötzlichen Tod eures Nachbarn, des Weinnbergbesitzers Nabot Kenntnis zu geben. Er hat sich als Gotteslästerer und Königsverächter erwiesen. Niemand hätte ihm das zugetraut. Aber es gab zwei übereinstimmende Zeugen. Wir haben das Urteil sofort vollzogen. Nabot hat aber auch im Sterben nicht widerrufen. Lange haben wir ihn geschätzt. Und sind jetzt doch trotz seiner Verfehlung voller Trauer. Euch, verehrte Königin Isebel, wird es gewiss nicht anders gehen!"

"Wie scheinheilig!", entsetzt sich die Schreiberin. Lügenmärchen! Nichts als Lügenmärchen!"

Der Archivar meldet sich wieder zu Wort. Hier habe ich das Übertragungs-Protokoll des königlichen Thronrates:

"Nach dem Tod des Bürgers und Winzers Nabot haben wir die Erblage geprüft. Es gibt bisher keine rechtmäßigen Nachkommen. Der Weinberg des Nabot fällt deshalb ab sofort in den Besitz des königlichen Hauses."

"Das Protokoll verfehlt seine Wirkung nicht", fährt der Archivar fort. Jetzt folgt noch einmal ein Tagebucheintrag des Königs. Hört, was er schreibt:

"Ich war sehr krank! Mein Geist war müde und ohne Antrieb. Nur wegen dieses verbohrten Weinbergbesitzers. Gottseidank hat sich dieses Problem von selber erledigt. Da es keine Erben gibt, gehört das Grundstück nun mir. Es geht mir gleich schon viel besser."

"Unglaublich! Ein Skandal. Justizmissbrauch!" Die Männer, die im Kreis sitzen, sind empört. "Wie tilgen seinen Namen aus der Liste der Könige Israels" - der Schriftführer macht diesen Vorschlag. "Das geht nicht", sagt der Priester. "Wir müssen in der Geschichte der Könige Israels und Judas alle auflisten. Und Ahab ist ja nicht der erste Skandalkönig!" "Da stimmt!" Der Schriftführer resigniert. "Aber was machen wir jetzt?"

"Ich habe noch ein Dokument", sagt plötzlich der Priester. "Ich habs bisher unter Verschluss gehalten. Ich konnte es auch nicht richtig zuordnen. Seht, es ist ein Redeentwurf. Es steht kein Name darunter. Ich nehme jetzt aber an, dass es sich um ein Dokument Elias handelt. Ja, es muss von Elia sein!" "Du hast einen Redeentwurf von Elia?", fragt der Schriftführer ganz aufgeregt." Und wir wissen bis heute nichts davon!"

"Ja, wir haben den ganzen Nachlass. Elisa hat ihn einem meiner Vorgänger übergeben. Und inzwischen liegt er bei uns im Heiligtum unter Verschluss. Ich kann es nur kaum entziffern."

"Ich kenne diese Schrift", sagt die Schreiberin. "Sie ist etwas aus der Mode gekommen. Nicht nur Wörter. Auch Zeichen. Ich versuche, euch den ganzen Text vorzulesen. Also:

"Höre, König Ahab. Hört alle, die ihr jetzt dabei seid. Du meinst, ich könne dich nicht finden. Oder ich verberge mich vor dir. Nur aus Angst. Ich habe keine Angst. Du müsstest welche haben. Du hast keine Scheu, dich in dem Weinberg zu ergehen, der dir unrechtmäßig zugekommen ist - nein, den du dir mit Gewalt angeeignet hast.

Dabei kommt dir besondere Verantwortung zu. Als König hättest du in besonderer Weise Vorbild sein müssen. Stattdessen reagierst du wie ein beleidigtes Kind, als du den Weinberg nicht gleich bekommen hast. Legst dich ins Bett und mimst den Kranken. Dabei weißt du genau, dass Nabot recht hatte. Er hätte dir nie verkaufen dürfen.

Aber eure Unrechtsgeschichte geht ja noch weiter. Isebel hat in deinem Namen einen Mord in Auftrag gegeben. Einen Justizmord aus niedrigen Motiven.

Hört, was Gott euch zu sagen hat: Niemand auf dem Königsthron war schlimmer als du. Wie Nabot, so solls auch dir ergehen. Du wirst keines natürlichen Todes sterben. Und deine Familie wird das Königtum verlieren! So wahr Gott lebt, wird es so kommen!"

"Ahab hat versucht, sein Schicksal noch zu wenden", berichtet der Priester. "Er hat sich einem Buß-Fasten unterzogen. Viel genützt hat es ihm am Ende nicht." "Es kam tatsächlich so, wie Elia es vorausgesagt hat." Der Schriftführer meldet sich so zu Wort. "Ahab stirbt in einem weiteren Kampf gegen die Aramäer. Wird überraschend von einem Pfeil tödlich getroffen. - Und was schreiben wir jetzt als Urteil über ihn in unsere Chronik?"

"Ich hab den Bogen schon ausgefüllt", sagt die Schreiberin.

"Ahab tat, was dem Herrn missfiel, mehr als alle, die vor ihm gewesen sind. Gott ließ ihn sterben. Und sein Sohn Ahasja wurde König an seiner statt. Er hatte keinen Sohn. Und das Königtum fiel weg von seiner Familie."

Einblick haben wir genommen in die Entstehung des 21. Kapitels des 1. Buches der Könige. Natürlich fiktiv. Aber so ganz anders wird es sicher nicht gewesen sein.

Eine alte Geschichte, wie es scheint. Und doch eine Geschichte auch von heute. Maßlose Selbstüberschätzung vieler, die die Macht haben. Falsche Nachrichten, alternative Fakten, mit denen sie die Wahrheit in ihrem Sinne umbiegen und deuten. Eine Meute, die an die Stelle der Justiz treten und sich ihr Recht selber schaffen will.

Gebeugtes Recht und verdrehte Wahrheit - sie sind die ersten Anzeichen, dass ein Gemeinwesen Schaden leidet. Auch über uns und unsere Zeit werden andere einmal ihr Urteil fällen. Was werden sie sagen? Dass wir blind waren oder zumindest träge - und dem aufkeimenden Unrecht nicht widerstanden haben? Oder dass wir dem Unrecht das Recht entgegengehalten haben! Dass wir den Götzen den Abschied und Gott die Ehre gegeben haben. Und Recht und Demokratie gestärkt aus den Jahre der plötzlichen Gefährdung hervorgegangen sind.

Nein, die Geschichte von Nabots Weinberg ist kein Krimi. Zumindest nicht nur. Es ist eine Beispielgeschichte. Eine Geschichte, die lehrt, wohin es führen kann, wenn Macht nicht wirksam kontrolliert wird. Wenn die Gier einzelner den Gang der Dinge bestimmt. Wenn der Staat kein Gemeinwesen mehr ist, sondern ein Mittel zum Zweck der eigenen Bereicherung einer kleinen Clique.

Noch scheint alles offen. Noch ist alle möglich: Um es mit Bert Brecht zu sagen: "Liebe Gemeinde, nun such dir selbst den Schluss. Es muss ein guter da sein. Muss. Muss. Muss!"

Der gute Schluss ist möglich! Daran glauben wir. Darauf hoffen wir. Dies lehrt uns die 3000jährige Geschichte des Gottesglaubens. Nicht nur des unsrigen. Sondern des Glaubens derjenigen, die überall auf der Welt mit uns im Glauben verbunden sind. Auch die Geschichte derer, die vor uns gehofft, geliebt und geglaubt haben.

Mag meine Predigt am Ende sein - wir sind es noch lange nicht. Das lässt mich leben. Das lässt uns leben. Und fröhlich glauben. Heute. Auch morgen noch. Gottseidank! Amen.


Traugott Schächtele

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