Predigt über Lukas 6,36-42 am Samstag, den 12. Juli 2025 in Neuendorf und am Sonntag, den 13. Juli 2025 (4. Sonntag nach Trinitatis) in Kloster auf der Insel Hiddensee -
Ein Mutmach-Bekenntnis
Ich glaube,
dass die Schöpfung uns hinweist auf die Kraft, die vor allem Anfang gewesen ist,
als das All sich geformt hat
und Wasser die Quelle allen Lebens war.
Die Sonne erwärmt den Tag
und lässt die Pflanzen gedeihen.
Der Mond bestimmt Ebbe und Flut.
Die Jahreszeiten bringen Struktur
in den Lauf der Natur.
Hinter allem ist Gott am Werk.
Ihn bekenne ich als den Schöpfer
des Urgrundes allen Lebens.
Ich glaube,
dass wahres Menschsein
immer noch möglich ist.
Barmherzigkeit und Güte sind keine leeren Worte.
Vergebung und Neuanfang lassen mich
mein Leben angstfrei gestalten.
Ich bin nicht zum Scheitern verurteilt.
Jesus wurde für mich zum Vorbild
eines Lebens, wie Gott es von uns haben will. Aus seinem Antlitz
und durch sein Wirken hindurch
erlebe ich Gottes befreiende Gegenwart.
Ich glaube,
dass ich geisterfüllt leben kann und soll.
In der Verbindung mit allen Menschen guten Willens
helfe ich mit,
der Welt ein neues Gesicht zu geben.
Im Zeichen der Taufe verbünde ich mich
mit allen, für die Gott keine leere Formel,
sondern lebendige Wirklichkeit ist.
Gottes guter Geist durchweht seine Kirche.
Er ermöglicht mir, im Kleinen vorwegzunehmen, was im Großen erst noch aussteht:
Die Erfahrung gelingenden Lebens in Fülle,
das im Tod nicht seine Grenze sieht,
sondern den Durchgang zu Leben für immer bei Gott.
Ich glaube,
dass ich nicht für immer
hinter dem zurückbleiben muss,
was Gott als Möglichkeit
in mich hineingelegt hat.
Das lässt mich leben.
Gottseidank und Amen!
Das Lied vom guten Tun
(M: EG 445: Gott des Himmels und der Erden)
1. Unser Leben auf der Erde
fordert täglich unsre Kraft,
dass zuletzt ein Ganzes werde
aus dem, was mit Müh’ geschafft
jeder Mensch mit seinem Mut.
Dir zu trauen, Gott, tut gut.
2. Regeln, Hilfe, gute Worte
brauchen wir bei unserm Tun.
Weit entfernt die Himmelspforte,
wenn wir mit der Suche ruhn,
dich zu finden, Gott: ein Traum!
Fröhlich blüht dein Lebensbaum.
Liebe Gemeinde!
Ehrlich gesagt! Ich hatte mir das ganz anders vorgestellt. Die Menschheit, so hatte ich gedacht, ist doch auf einem ganz guten Weg, zumindest in ihrer Mehrheit. Viele Einsichten aus unserer christlichen Tradition waren dabei, sich durchzusetzen. Aus der Aufforderung Jesu zur Feindesliebe war die intelligente Feindesliebe geworden. Carl Friedrich von Weizsäcker hatte dieses Konzept in die politische Debatte eingebracht. Intelligente Feindesliebe, das meint: All mein Handeln versuche ich immer auch aus der Perspektive meiner Gegner zu sehen.
Die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte der Vereinten Nationen hatte viele Gedanken aus der jüdisch-christlichen Ethik aufgenommen. Gerechtigkeit, Schutz der Schwachen, offene Grenzen, ja auch Frieden – sie schienen der Mehrheit der Menschen so wichtig, dass man internationale Institutionen geschaffen hat. Europa auf dem Weg zu immer mehr Miteinander, Internationale Gerichtshöfe. Schon 1949: Die „Verantwortung vor Gott und den Menschen“ schon in der Präambel des Grundgesetzes erwähnt. Die „Würde des Menschen“ gleich im 1. Artikel.
Auch ohne dass alle Menschen religiös sein müssten, schienen die wesentlichen Themen einer menschenfreundlichen Ethik Allgemeingut. Religion war wieder ein Thema fürs Jenseits. Das Diesseits, so glaubten viele, haben wir gut im Griff.
Und nun: Vieles, zum Glück nicht alles, in Scherben. Illusionen - zerplatzt wie ein Luftballon. Und plötzlich – so scheint‘s – wird die Ethik wieder wichtig. Plötzlich hat der Bergprediger neue Konjunktur. Die Menschen suchen nach Regeln eines gelingenden Zusammenlebens. Um einige dieser Regeln solls gehen in der heutigen Predigt. Denn vorgeschlagen sind Verse aus dem Lukas-Evangelium. – Keine leichte Kost, so scheints, mitten im Urlaub. Aber am Ende womöglich doch. Und Horizont erweiternd und Mut machend dazu.
Die Bergpredigt Jesu wird gleich in zwei Evangelien überliefert. Bei Matthäus – eben unter dem Namen Bergpredigt. Und bei Lukas unter der Überschrift Feldrede. Der unterschiedliche Name ist kein Zufall. Beim Evangelisten Matthäus ist der Berg immer ein heiliger Ort. Es ist der Ort der Gottesbegegnung. Wie schon bei Mose, dem Gott auf dem Berg die Zehn Gebote übergibt. Bergpredigt - das meint: Wir sind schon halb im Himmel, wenn wir uns an ihren Forderungen orientieren.
Eine Feldrede, wie Lukas diese Rede Jesu überschreibt, ist mitten in der Welt verortet. Auf dem weiten Feld unserer Lebensgestaltung. Was Jesus dann an Hinweisen formuliert, das sind also nicht einfach himmlischen Weisungen. Das sind lebenspraktische Sätze. Sätze, die helfen können, dass Menschen gut miteinander zusammenleben können.
Jesus erweist sich hier als Lehrer der Kunst eines gelingenden, ich könnte auch sagen eines gottgefälligen Lebens. Hört also, wie Jesus die wesentlichen Bestimmungen eines solchen Lebens zusammenfasst.
Jesus ging mit ihnen hinab und trat auf ein ebenes Feld, er und eine große Schar seiner Anhängerinnen und Anhänger und eine große Menge des Volkes. Und er schaute sie an und sprach:
· Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist.
· Und richtet nicht, so werdet ihr auch nicht gerichtet.
· Verdammt nicht, so werdet ihr nicht verdammt. Vergebt, so wird euch vergeben.
· Gebt, so wird euch gegeben. Ein volles, gedrücktes, gerütteltes und überfließendes Maß wird man in euren Schoß geben; denn eben mit dem Maß, mit dem ihr messt, wird man euch zumessen.
Die Ethik Jesu in vier knappen Sätzen!
„Seid barmherzig! Richtet nicht! Verdammt nicht! Gebt und zwar ein volles Maß!“ Man kann diese vier Sätze am Ende sogar auf zwei reduzieren. „Seid barmherzig und gebt großzügig!“ Und: „Richtet nicht und verdammt nicht!“ Es geht jeweils um eine Haltung und um ein Tun.
Die Haltung: „Seid barmherzig!“ Das Tun: „Gebt großzügig!“ Die Barmherzigkeit kommt grad gewaltig unter die Räder. Barmherzigkeit, das meint: Ich tue etwas zugunsten eines anderes, ohne dass es sich rechnet. Ohne dass ich eine Gegenleistung erwarten kann. Kein „Do ut des“ wie die alten Römer. Also kein: „Ich gebe dir, damit du mir wieder etwas zurückgibst.“ Kein Deal, wie es der große Deal-Maker auf der anderen Seite des Atlantiks propagiert. „Ich helfe dir! Aber du wirst dafür ordentlich bezahlen!“
Ich meine jetzt nicht die Hilfeleistungen, die abgerechnet werden können oder die versichert sind. Ich denke an die Menschen, die bleibend auf unsere Hilfe, auf die Hilfe der Allgemeinheit angewiesen sind. Und eben auf unsere Barmherzigkeit.
Barmherzigkeit beruht auf Selbstlosigkeit. Sie beruht auf der Erfahrung, dass Gott sich den Menschen in Liebe zuwendet. Ohne dass wir dafür aufkommen könnten. Ohne dass wir eine angemessene Gegenleistung erbringen könnten. Es geht um eine Barmherzigkeit in Gottes Namen. In Diakonie und Caritas können wir davon noch etwas spüren. Und im selbstlosen Engagement einzelner. Nicht nur bei denen, die wir alle kennen. Bei Albert Schweitzer und Mutter Theresa. Auch bei den vielen kleinen, unbekannten Botinnen und Boten der Barmherzigkeit, die mitten unter uns leben.
Dafür, dass diese Kultur der Barmherzigkeit erhalten bleibt, müssen wir schon etwas tun. Das hat uns der Feldprediger deutlich ins Stammbuch geschrieben. Und ins Gewissen geredet.
3. Kümmert euch mit wacher Seele,
um die Menschen, die in Not,
dass das Nötigste nicht fehle:
Freundlichkeit, das täglich Brot.
Füllt die Welt mit neuem Geist,
Traut den Wegen, die Gott weist.
Der zweite Satz: „Richtet nicht!“ – das ist die Haltung. Nicht ständig den lieben Gott als Richter vertreten wollen. Das Tun: „Verdammt nicht!“ Keine Vorverurteilung anderer von unserem eigenen hohen Ross herab. Dazu gibt der Feldprediger gleich noch nähere Erläuterungen. Ich lese noch einmal aus Lukas 6: Da heißt es:
Was siehst du den Splitter in deines Bruders Auge, aber den Balken im eigenen Auge nimmst du nicht wahr? Wie kannst du sagen zu deinem Bruder: Halt still, Bruder, ich will dir den Splitter aus deinem Auge ziehen, und du siehst selbst nicht den Balken in deinem Auge? Du Heuchler, zieh zuerst den Balken aus deinem Auge, danach kannst du sehen und den Splitter aus deines Bruders Auge ziehen.
Das Gleichnis vom Splitter und vom Balken. Den Splitter entdecken wir meist messerscharf in den Augen der anderen. „Hat der doch …!“ „Die meint doch wirklich, dass …!“ „Die sind alle auf dem Holzweg! Zum Glück verstehe ich mehr davon …!“ Aus den Splittern der Kritik und der Bösartigkeit, die wir in den Augen der anderen entdecken, könnten wir problemlos ganze Berge errichten. Und Kraftwerke betreiben.
Aber der Feldprediger erinnert an unsere eigenen Augen. Und an die Balken, die sich dort befinden. Die Balken der Borniertheit und der Selbstsicherheit. Die Balken der Überheblichkeit und der Selbstüberschätzung. Eine lebenstaugliche, irdische Analyse ist das. Und zugleich eine, die uns Demut lehrt. Die Demut, dass die Summe der Fehler und Irrtümer auf allen Seiten am Ende gleich groß ist.
Natürlich muss auch das gesagt werden; Es gibt nicht nur ein mehr und ein weniger an Wahrheit. Es gibt auch Wahrheit und Irrtum. Nicht einmal die Kirche ist davor gefeit, dem Irrtum zu verfallen. Dann ist das Bekennen gefragt. Und das Widerstehen.
Aber auch das kann nur in Demut geschehen. Und mit der Einsicht, dass das Richten am Ende Gottes Sache ist. Gottseidank, möchte ich dazufügen.
4. Schaut auf euer eig‘nes Handeln.
Richtet nicht, die um euch sind.
Fröhlich kann die Welt sich wandeln,
wenn wir sehen und nicht blind
nur nach alte Plänen baun.
Gottes Zukunft will ich traun.
5. Ich will nach mir selber schauen,
nicht der andren Richter sein.
Gottes Güte will ich trauen,
nicht mich sonnen in dem Schein,
dass ich ohne Fehler sei.
Durch Vergebung bin ich frei.
Bleibt ein letztes aus der Feldrede Jesu. Wie gelangen wir denn zu der Einsicht, was rechtes Handeln ist. Die Antwort Jesu ist klar. Hier spricht er wie ein Lehrer göttlicher Lebensweisheit. Hört:
Er sagte ihnen aber auch ein Gleichnis: Kann denn ein Blinder einem Blinden den Weg weisen? Werden sie nicht alle beide in die Grube fallen? Ein Jünger steht nicht über dem Meister; wer aber alles gelernt hat, der ist wie sein Meister.
Üben und Lernen – darum geht’s am Ende. Rechtes Verhalten, rechte Haltung - sie fallen nicht einfach vom Himmel. Sie müssen gewagt und geübt werden. Damit uns die Augen aufgehen. Zwei Blinde, so sagts der Feldprediger Jesus, führen einander in die Irre. Und in den Abgrund.
Glauben und Tun, Lehre und Ethik, sie gehören zusammen. Und beide müssen Sie vermittelt und weitergegeben werden. Vom Meister an seine Jüngerinnen und Jüngerinnen und Jünger. In einem geistlichen und zugleich lebenspraktischen Bildungsprogramm. Jesus mahnt unsere Gottes-Bildung an. Gottes Ebenbild sind wir. Aber wir müssen lernen, diesen Anspruch auch in unser Leben zu ziehen. Bildung meint, dem Ebenbild Gottes zu entsprechen suchen.
Kein Aspekt, kein Winkel, kein Bereich unseres Lebens bleibt hier außen vor. Familie und Nachbarschaft. Beruf und Freundeskreis. Politik vor Ort und weltweit. Wer meint, mit der Bergpredigt oder gar der Feldrede Jesu könne man keine Politik machen, der hat die Welt eigentlich schon aufgegeben. Oder überlässt sie anderen Mächten und Gewalten. Oder gar den Mächten des Bösen-
Die Regeln des Feldpredigers beherzigen und ins Leben ziehen - das müssen wir wieder neu lernen. Das muss auch ich immer wieder neu lernen. Da hatte auch ich lange mit anderen Hoffnungen geklebt. Hatte der Vernunft der Menschen vertraut. Und auf eine Entwicklung hin zum Guten gesetzt.
Nein! Es ist nie zu spät, hier zu lernen. Und sich auf neue Wege aufzumachen. Weil es Gott mit uns nicht zu spät ist. Weil Gott uns erinnert, an den Bergprediger und den Feldprediger. Weil Gott uns an sein Lernprogramm erinnert und es uns ans Herz legt. In der Feldrede Jesu. In unserem Predigen und Lehren. In unserem Glauben.
Fort mit allen Splittern und Balken. Öffnet eure Herzen und vertraut Gottes Geist! Und ihr werdet Wunder erleben. Wunder des Glaubens mitten in unserem Leben.
Denn der Friede Gottes, der alle Möglichkeiten unserer Vernunft übersteigt, ist mit uns allen – immer und immer wieder. Amen.
6. Frieden sucht auf allen Wegen,
übt zu lieben ohne Macht.
Offen geht dem Feind entgegen,
Licht macht hell des Bösen Nacht.
Wagt Vertrauen ohne Scheu,
probt die Umkehr täglich neu.
7. Rechte Weisung lässt mich träumen,
von den Wundern, die Gott tut,
lässt mich aus dem Wege räumen,
was verdunkelt meinen Mut,
mutig auch zu widerstehn.
Neu will ich mit dir, Gott, geh‘n.