Sieben Beiträge des Widerstehens im Sinne der Apokalypse (WeiterGehen vom 23.11.2025 - 29.11.2025
Mit Bildern und Worten apokalyptisch widerstehen
Das Lied vom fremden Gott
Fremd bis du mir, o Gott!
Soll‘n nicht nur Hohn und Spott
als Lohn mir bleiben,
muss mein Wort mutig sein.
Ich wehr‘ mit klarem Nein
dem bösen Treiben.
Nah bist du mir, o Gott,
reißt mich aus falschem Trott
hinein ins Leben.
Wo mich dein Geist durchweht,
mir neu vor Augen steht,
was du gegeben.
(Melodie EG 659: Die Erde ist des Herrn – Text Traugott Schächtele)
Ewigkeitssonntag / Totensonntag – Sonntag, 23. November
Offenbarung 1,19
Schreibe, was du gesehen hast und was ist und was geschehen soll danach.
Widerständige Mutmach-Videos
Meine Schülerinnen und Schüler in der Oberstufe haben die Offenbarung des Johannes geliebt. Kein anderes Buch der Bibel ist so prallvoll von einer teils bizarren, detailliert beschriebenen und auch Gewalt zur Darstellung bringenden Bilderwelt. Damit ist auch kein anderes biblisches Buch so nah dran an den Clips, Reels oder wie auch immer diese kleinen Filme heißen, von denen sich Jugendliche tagtäglich unzählige vor Augen führen. Bilder, die die Welt beschreiben – wie sie ist oder wie sie werden könnte. Johannes, der „Bild-Sekretär“ der Apokalypse tut nichts anderes. Er führt uns Bilder vor Augen, die die Gegenwart und die Zukunft meinen – aber in einer verschlüsselten Zeichensprache. Die fremde Staatsmacht soll nicht verstehen, welche Botschaften da kommuniziert werden. Die Apokalypsen – und es gab davon ja jede Menge – sind eine besondere Art von Widerstandsliteratur – harmlos, skurril und fremd für die, die sie nicht verstehen, aber eine „Offenbarung“ für die lesekundige Zielgruppe. Dem Seher Johannes blieb nichts anderes, als seine inneren Videos zu beschreiben – heute würde er, da bin ich sicher, kleine Clips drehend und sie in seinem Kanal täglich online stellen. Seine apokalyptischen Bilder beschreiben nur vordergründig Horrorszenarien. Eigentlich sind es Mutmach-Videos. Davon können wir auch heute nicht genug haben.
Montag, 25. November
Offenbarung 3,10
Weil du mein Wort von der Geduld bewahrt hast, will auch ich dich bewahren vor der Stunde der Versuchung, die kommen wird über den ganzen Weltkreis.
Himmlische Zeugnisausgabe
Wer im Beruf seine Stelle wechselt, möchte von seinem Arbeitgeber ein Zeugnis. Zeugnisse sind wie die Apokalypse in einer Sprache geschrieben, die deutungsbedürftig ist. Dass sich jemand „bemüht“ hat, ist eigentlich aller Anerkennung wert. In einem Zeugnis ist die Aussage vernichtend. Bei dem Bemühen kam wohl am Ende wenig heraus. Besser ist es allemal, wenn jemand „stets zur vollsten Zufriedenheit“ gearbeitet hat. Am Beginn der Apokalypse des Johannes stehen sieben Zeugnisse. In der kirchlichen Insidersprache ist von „Sendschreiben“ die Rede. Aber es sind knallharte Beurteilungen von sieben Gemeindetypen. Und dass sie ehrlich gemeint sind, sieht man daran, dass keines der Beurteilungsschreiben nur Lob enthält. Manche der Rückmeldungen sind vernichtend! Die eine Gemeinde ist „weder kalt noch warm“; eine andere Gemeinde ist schlicht „tot“. Die Gemeinde in Philadelphia kommt sehr gut weg. Sie wird nicht zuletzt wegen ihrer Geduld gelobt. Diese Tugend ist in unserer schnelllebigen Gesellschaft noch rarer geworden. Alles muss sich sofort rechnen. Muss möglichst noch heute über die Bühne gehen. Aber Reife braucht Zeit, Dass etwas wachsen und sich erst entwickeln muss, dass manchmal erst Umwege ans Ziel führen, ist eine wichtige Lebenserfahrung. Wenn man mir das irgendwann ins Zeugnis schreiben könnte, wäre ich froh und dankbar.
Dienstag, 25. November
Offenbarung 7,13
Und einer der Ältesten antwortete und sprach zu mir: Wer sind diese, die mit den weißen Kleidern angetan sind, und woher sind sie gekommen?
Die Farbe des Widerstands
Wenn es ums Ganze geht, ist die himmlische Farbe weiß. Die Grabtücher Jesu, die Gewänder der Engel, die Taufgewänder in den Anfangsjahrhunderten der Kirche – sie alle nehmen diese besondere Farbe auf. Der „weiße Sonntag“ erinnert an diese Tradition, ebenso die Altarfarbe in den Kirchen in der Weihnachts- und Osterzeit. Das bemerkenswerteste Weiß in der Bibel ist für mich noch einmal ein anderes. Mich elektrisiert jedesmal neu die weiße Farbe der Gewänder der Unzähligen, die sich nach den Bildern der Offenbarung im Himmel um den Thron Gottes versammeln. Es sind diejenigen, die zu Opfern der Willkür und Bosheit der Mächtigen geworden sind und ihr Eintreten für Recht und Gerechtigkeit und ihren Glauben nicht selten mit dem Leben bezahlen mussten. Das Weiß ihrer himmlischen Gewänder ist ein ins Bild gesetzter Hinweis, dass Gott die Opfer ins Recht setzt. Am Ende sind sie es, auf die es ankommt. Der heutige Internationale Gedenktag der Gewalt an Frauen und Mädchen erinnert an eine besondere Gruppe der Menschen, die bis heute in ihrem Lebensrecht und ihrer Lebenslust behindert und ausgegrenzt werden und Erfahrungen brutaler Gewalt machen müssen. Das Bild der weißen Kleider ist deshalb keines der Vertröstung, sondern eines, das ihren Mut und ihre Kraft zum Widerstehen aufnimmt.
Mittwoch, 26. November
Offenbarung 8,1
Und als das Lamm das siebente Siegel auftat, entstand eine Stille im Himmel etwa eine halbe Stunde lang.
Das siebte Siegel
Die innere Dramatik der Offenbarung ist nicht zu überbieten. Ich muss beim Lesen jedesmal den Atem anhalten, wenn auch keine halbe Stunde! Die Rätsel des Lebens, aufgezeichnet im Buch mit den sieben Siegeln, werden gelöst. Für die römischen Besatzer muss die innere Kraftquelle der Menschen ein Buch mit sieben Siegeln sein. Sie verstehen nicht, was sich hinter all den Bildern verbirgt. Im Himmel aber werden die Siegel gebrochen und das Buch geöffnet. Der Himmel ist hier aber gerade nicht als zukünftige Welt der Vertröstung zu verstehen. Eher könnte man ihn als die verborgene Welt Gottes beschreiben. Sie ist allemal so real wie die Welt, die die Menschen vor Augen haben und erleiden. Aber sie ist gewissermaßen hinter den Kulissen des sichtbaren Lebens verborgen. Mit dem Öffnen des siebten Siegels kommt die Enthüllungszeremonie zu ihrem Höhepunkt. Aber auch der wird nicht überstürzt. Nach und nach ertönen Posaunen. Denn das, was enthüllt werden soll, hat kosmische Bedeutung. Am Ende sitzt Gott an den Schalthebeln der Macht und nicht die irdischen Machthaber. Die desolate Gegenwart kann nicht darüber hinwegtäuschen. Das ist mehr als nur Rückenwind für die Menschen, denen andere das Leben vorenthalten wollen. Die Botschaft des siebten Siegels ist eine, die den Herrschenden nicht schmeckt. Das macht sie brisant und hochgefährlich. Bis heute!
Donnerstag, 27. November
Offenbarung 12,7
Und es entbrannte ein Kampf im Himmel: Michael und seine Engel kämpften gegen den Drachen.
Kein guter Ort für Drachen
Von wegen Friede, Freude, Eierkuchen im Himmel! Die Handlanger des Bösen, die die Macht an sich reißen wollen, machen nicht einmal vor dem Himmel Halt. Und nicht nur ein einziger Name fällt mir ein von Herrschern der Gegenwart, denen ich das sofort zutrauen würde, wenn sie nur die Möglichkeit dazu hätten. Der Himmel ist hier also nichts anderes als die Beschreibung der Gegenwart unter Berücksichtigung der Einflussmöglichkeiten Gottes. Der Himmel als eine alternative Weise der Wahrnehmung der Wirklichkeit. Im Himmel, so liest es sich in der Apokalypse weiter, zieht der Drache darum auch den Kürzeren. Er wird dann aber erst einmal auf die Erde geworfen und kann da weiter sein zerstörerisches Tun entfalten. Den römischen Unterdrücklern mit ihrem gottgleichen Kaiser hätten die Ohren klingeln müssen bei dem Spiegel, den ihnen dieser Text vor Augen hält. Ihr Wirken ist allemal vorüber gehender Natur. Und wenn ich mir den Lauf der Geschichte in Erinnerung rufe, war jedes Weltreich nur von begrenzter Dauer. Wenn man mittendrin steckt in der Geschichte des Elends und des Unrechts kann einem das womöglich nicht unbedingt trösten. Aber es stärkt die Kraft zum Durchhalten und Widerstehen. Denn nicht einmal dem Drachen bleibt seine Macht auf Dauer. Und am Ende fallen Himmel und Erde zusammen und dem Bösen wird der Garaus gemacht.
Freitag, 28. November
Offenbarung 20,12
Und die Toten wurden gerichtet nach dem, was in den Büchern geschrieben steht, nach ihren Werken.
Die Festplatte Gottes
Auch die Apokalypse des Johannes kommt nicht aus ohne das Bild vom letzten, „jüngsten“ Gericht. Diese Vorstellung entspringt wohl einer inneren Sehnsucht nach Gerechtigkeit. Es muss doch einen Ort geben, an dem die Täterinnen und Täter ihrer Verbrechen überführt und die Opfer wieder ins Recht gesetzt werden. Und die Tradition kennt kaum Einhalt, wenn sie die drastischen Strafen ausmalt, die denen winken, die im Gericht nicht bestehen können. Für mich bleibt beim Bild des Jüngsten Gerichts, das die Taten wiegt, immer ein schaler Nachgeschmack. Am Ende gilt es nie nur den anderen, sondern auch mir. In der Apokalypse werden nur die vor Gericht gestellt, die nicht schon mit weißen Gewändern um den Thron Gottes herum stehen. Diese Vorstellung aber führt zu einer gefährlichen Zweiteilung der Menschheit. Und ich muss hoffen, dass ich am Ende auf der richtigen Seite stehe. Mir ist wohler, wenn ich mit dem inneren Bild lebe, dass dieser Riss nicht durch de Menschheit, sondern durch jeden einzelnen Menschen geht. Und ich traue Gott zu, dass ich nicht „hin-gerichtet“, sondern „recht-schaffen“ aus dem Gericht herauskomme und mein Sündenregister in den himmlischen Büchern gelöscht wird. Oder dass Gott am Ende gleich seine ganz himmlisch Festplatte „crashen“ lässt.
Samstag, 27. November
Offenbarung 21,4
Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein.
Ein völliger Neuanfang
Mein absoluter Lieblingstext in der Bibel! Keine komplizierten Zusammenhänge, die ich erst entschlüsseln muss. Keine Bilder aus ferner Zeit, die ich erst übertragen muss. Nein, eine Zusage, die bei den alltäglichen Erfahrungen einsetzt. Schmerzen, Tränen, Krankheit und Tod – irgendwann gehören sie der Vergangenheit an. Aber was ich als „gesetzt“ verstehe, weil es zum Leben dazugehört, ist nach dem Verständnis der Apokalypse Kennzeichen einer zu Ende gehenden Welt. Es gibt also nicht nur eine sich allmählich vollziehende Veränderung. Es gibt auch einen Bruch und einen völligen Neuanfang. Das Faszinierende an der Apokalypse ist, dass sich der nicht nur auf meine eigene Existenz bezieht und mich auf eine himmlische Zukunft vertröstet. Nein, hier ist der Zustand der Welt gemeint. Hier geht’s genauso um die Schöpfung wie um die politischen Strukturen. Die Welt ist also nicht dem Untergang geweiht und auch nicht hilflos denen ausgeliefert, sie lieber ausbeuten anstatt sie zu bebauen und zu bewahren. Die große Hoffnung der Unterdrückten am Ende des 1. Jahrhunderts nach Christus kann ihre kühne Kraft des Widerstehens bis heute entfalten. Die Vision vom Neuanfang am Ende der Tage wird Wirklichkeit mitten in unserer Gegenwart. Dass heute das alte Kirchenjahr endet und morgen ein neues beginnt, ist dafür ein schönes Gleichnis.