„Ehrfurcht vor dem Leben oder freie Bahn für die Ameisen“ - Predigt im Rahmen der Sommer-Predigtreihe „Mit Herz und Verstand“ - Rund um Albert Schweitzer am Sonntag, 31. August 2025 (11.S.n.Tr.) in der Stadtkirche in Karlsruhe
Liebe Gemeinde!
Manchmal wünsche ich mir, Albert Schweitzer lebte noch mitten unter uns. Und die politischen Entwicklungen der letzten Monate haben den – leider unerfüllbaren – Wunsch nach der Gegenwart von Albert Schweitzer noch verstärkt.
Albert Schweitzer war – nein ist immer noch – eine vielseitig herausragende Persönlichkeit. Dreifach promoviert. Wissenschaftlich ausgewiesen mit einem Standardwerk über das Leben Jesu genauso wie einem über Johann Sebastian Bach Ein begabter Organist, der immer wieder mit seinen Konzerten seine Arbeit mitfinanzierte.
Und als wäre das alles nicht schon mehr als genug für eine Person hat er sich als Urwaldarzt mit dem von ihm gegründeten Hospital in Lambarene bleibende Anerkennung und Bewunderung geschaffen. Die Verleihung des Friedensnobelpreises im Jahre 1953 schien so etwas wie die logische Konsequenz eines Ausnahmelebens.
Das Bild Albert Schweitzers, sein äußerer Anblick, werden die meisten zumindest gedanklich vor Augen haben. Albert Schweitzer sähe aus wie ein „naher Verwandter des lieben Gottes“ – das hatte der Spiegel schon im Dezember 1960 geschrieben.
Und manchmal noch mehr als die Stimme des lieben Gottes wurde die von Albert Schweitzers gehört. Nicht immer mit Zustimmung. Aber doch allemal mit Respekt. Er sprach - zumindest nach seinem eigenem Verständnis - für die Menschheit. Er wurde gehört, weil es ihm um die Mitmenschlichkeit, besser noch Mitgeschöpflichkeit als Lebensprinzip gegangen ist.
In diesem Jahr, dem Jahr seines 150. Geburtstages, macht es schon Sinn zu fragen: Was ist das, das ihn bleibend hörbar, wahrnehmbar und doch auch lohnend aktuell macht? Worin liegt Albert Schweitzers bleibende Relevanz?
Neben vielem von dem, was ich schon angedeutet habe – neben seinem Wirken als Arzt, als Wissenschaftler und als Menschenfreund - muss auch der ethische Denker Albert Schweitzer im Blick bleiben. Der, um den’s heute in dieser Predigt gehen soll.
Das Schlagwort von der „Ehrfurcht vor dem Leben“ hat sich breit erhalten. Und es ist sicher ein zentraler Schlüsselbegriff. Aber um Albert Schweitzers ethischen Ansatz zu verstehen, müssen wir den Blick erst etwas weiten. Bei der Ethik geht es um die Unterscheidung von richtigem und falschem Handeln, um die von Gut und Böse. Die Notwendigkeit dieser Unterscheidung beschreibt die Bibel gleich auf einer der ersten Seiten:
Da lockt die Schlange die Eva, doch von den Früchten des Baumes mitten im Garten zu kosten. Und sie fährt fort: „Ihr werdet keineswegs des Todes sterben, sondern Gott weiß: an dem Tage, da ihr davon esst, werden eure Augen aufgetan, und ihr werdet sein wie Gott und wissen, was gut und böse ist.“
Nur weil das Böse existiert, ist Ethik überhaupt nötig. Und weil diese Frage so grundsätzlich ist, will Albert Schweitzer sie aus der Ecke fachwissenschaftlicher Gelehrsamkeit herausholen. Und sie mitten im Leben und in großer Bedeutsamkeit für viele beantwortet sehen.
Dabei hat Albert Schweitzer keine umfangreiche, rational durchgestaltete Ethik mit Hunderten von Seiten geschrieben. Bedeutende Vorbilder hätte es hier genügend gegeben. Von Platon und Aristoteles bis zu Immanuel Kant. Schweitzers ethische Theorie drängt von Anfang an ins Praktische. Ins Handeln. In die gelebte Mitgeschöpflichkeit.
Eigentlich will Albert Schweitzer in Lambarene etwas zum Zustand der Welt zu Papier bringen – so wie er sie sieht. 1915 ist das. Während zu Hause der Erste Weltkrieg tobt. Dessen Realität macht ihn nicht sprachlos. Aber illusionslos. Die abendländische Kultur sieht er im freien Fall begriffen. Aber er will ihr keine neue Gesellschaftsordnung entgegenstellen.
Insofern sucht er nicht nach einem politischen Konzept. Er sucht nach einer neuen Haltung zum Leben. Er sucht nach einem gedanklichen Schlüssel, um dem, woran ihm liegt, in eine innere Schlüssigkeit zu bringen. Dabei steht er zunächt, wie er sagt, vor einem verschlossenen „eisernen Tor“.
Am Ende wird er fündig. Auf einer tagelangen Fahrt auf dem Fluss Ogowe in Gabun. Schweitzer schreibt dazu – in durchaus romantisierendem Stil: „Am Abend des dritten Tages, als wir bei Sonnenuntergang gerade durch eine Herde Nilpferde hindurchfuhren, stand urplötzlich, von mir nicht geahnt und gesucht, das Wort „Ehrfurcht vor dem Leben“ vor mir. Das eiserne Tor hatte nachgegeben. (…) Nun war ich zu der Idee vorgedrungen, in der Welt- und Lebensbejahung und Ethik miteinander sind.“
Der Begriff war in ihm aber schon vorhanden. Denn schon vier Jahre zuvor, in einer Vorlesung in Straßburg trägt er seinen Studierenden folgenden Gedanken vor: „Was Leben ist, ist uns nicht nur ein Geheimnis, sondern ein Rätsel. (…) Daher ist es die Ehrfurcht vor dem Leben, von der auch der überzeugteste Materialist beseelt ist, wenn er es vermeidet, den Wurm auf der Straße zu zertreten oder Blumen zwecklos abzupflücken. Und diese Ehrfurcht ist der Grundton aller Kultur.“
Schweitzer hat auf dem Fluss also einen Begriff wieder entdeckt, den er schon vier Jahre zuvor so verwendet hat. Aber jetzt kann er ihn in ein größeres Ganzes einordnen. Ziel ist ein Individuum, das sich seiner ethischen Verantwortung und seiner Möglichkeiten bewusst ist.
Im zweiten Teil seiner Kulturphilosophie, erschienen 1923, formuliert Schweitzer die bis heute vertrauten Sätze: „Ich bin Leben, das leben will, inmitten von Leben, das leben will. – Der denkend gewordene Mensch erlebt die Nötigung, allem Willen zum Leben die gleiche Ehrfurcht vor dem Leben entgegenzubringen, wie dem seinen. Er erlebt das andere Leben in dem seinen. Als gut gilt ihm, Leben erhalten, Leben fördern, entwickelbares Leben auf seinen höchsten Wert bringen. Als böse: Leben vernichten, Leben schädigen, entwickelbares Leben niederhalten. Dies ist das denknotwendige, universelle und absolute Grundprinzip des Ethischen.
Beim Thema des Willens, der sich im Denken weiterentwickeln muss, ist er sich mit Nietzsche einig. Aber Nietzsche nimmt das Recht des Stärkeren gegenüber der Moral der Schwachen als gegeben an: Für Barmherzigkeit hat Nietzsche nur Verachtung übrig. Hier kämpft Schweitzer für eine ganz andere Kultur, die jeder Form von Leben das gleiche Recht, denselben Wert zuerkennt.
Dieses Prinzip, die Haltung der „Ehrfurcht vor dem Leben“ findet sich für Albert Schweitzer nicht zuletzt in der Lehre Jesu abgebildet. Nicht sein Tod und seine Auferstehung, sondern seine gelebte Mitgeschöpflichkeit lassen ihn zu einem Lehrer der „Ehrfurcht vor dem Leben“ werden. Schweitzers Ethik – das betont er ausdrücklich - ist nicht an den Raum des Christentums gebunden. Sie ist – wie wir heute formulieren würden - interkulturell und interreligiös anschlussfähig. Und hat gerade darin ihre Stärke.
Hinführung
Vielleicht hat es nicht nur musikalische, sondern auch theologische Gründe, dass Schweitzers Lieblingsstück von Bach „Jesus bleibet meine Freude“ ist - aus der Kantate 147 „Hertz und Mund und That und Leben“ stammend. Es ist Albert Schweitzers Lieblingsstück von Bach. Zur inneren Ordnung dieses Stücks kann man von Prof. Michael Kaufmann sehr viel lernen, der heute dankenswerterweise die Orgel spielt. Er wird diese Choralmelodie jetzt auch für uns erklingen lassen.
Albert Schweitzer hat viele Menschen beeindruckt. Seine Kulturphilosophie, in deren zweitem Band er seine Ethik veröffentlicht, verkauft sich gut. Fast einhunderttausend Mal. Sie gefällt den Menschen. Die Fachgelehrsamkeit und einige seiner Sympathisantinnen und Sympathisanten rümpfen die Nase. Oder sie schweigen. Wer gelesen und verstanden wird, macht sich verdächtig. Das ist heute nicht immer wirklich anders. Denn Albert Schweitzers Ethik hält es nicht aus zwischen Buchdeckeln. Dort ist nicht ihr Ort.
Das ist schon so, bevor er seine Gedanken zur Ehrfrucht vor dem Leben überhaupt durchdacht und niedergeschrieben hat. Damals, als er sich entschließt, Medizin zu studieren. Keinesfalls um seine Laufbahn als Urwaldarzt vorzubereiten. Nein, sondern um nach den eher schöngeistigen Jahren die Voraussetzungen für ein konkretes Engagement der Mitmenschlichkeit zu schaffen. Eine Entscheidung reiht sich an die andere. Das Gesamtbild des Puzzles steht erst am Ende – um ein positives Gesamtbild in den Augen seiner Mitmenschen ist es Schweitzer ohnedies nie gegangen.
Albert Schweitzers Plädoyer für die Ehrfurcht vor dem Leben hat auch in Lambarene konkrete Folgen. Was Schweitzer fordert, soll der Natur insgesamt zugutekommen – nicht nur den Menschen.
Tiere und Pflanzen sind ihm genauso wichtig wie die der Mensch. Eine Ameisenstraße, die über seinen Schreibtisch führt, wird von ihm nicht einfach entfernt. Er füttert sie mit Zuckerbrei noch an. Daher der Unter-Titel dieser Predigt: Freie Bahn für die Ameisen. Bevor ein Pfahl in den Boden geschlagen wird, untersucht er die Öffnung in der Erde nach Käfern, Ameisen und Unken und bringt diese in Sicherheit. Wenn er an Weihnachten predigt, dann wendet er sich wie einst Franz von Assisi an Menschen und Tiere.
All dies sind keine Marotten. Es ist die Umsetzung seiner Anschaung der „Ehrfurcht vor dem Leben“. Der Umgang mit den Tieren ist ein schwarzer Fleck auf dem Gewand der Gegenwart. Wer Tierschutz fordert, erntet nicht selten Häme. Gerade auch deshalb wünsche ich mir, Albert Schweitzer lebte noch mitten unter uns.
Der Parteigänger der Tiere – für manche ist das die Marotte, die man Schweitzer durchgehen lässt, weil er ansonsten ja durchaus ernstzunehmen ist. Mit einem anderen Thema will das nicht mehr so leicht gelingen.
Denn gegen Ende seines Lebens wird Albert Schweitzers Einsatz für die Ehrfurcht vor dem Leben noch einmal hochpolitisch. Jetzt wollen ihn manche doch von seinem Denkmal stürzen. In einem Brief an Theodor Heuss schreibt Albert Schweitzer: „Ich sah es, um mit St. Paulus zu reden, nicht als einen Raub an, den Friedensnobelpreis erhalten zu haben. Sondern ich wollte auch noch etwas für den Frieden tun. So kam ich dazu, mich mit der Frage der Atomgefahr (…) ernstlich zu beschäftigen.“
Albert Schweitzer prüft, sondiert, denkt nach – sein Ergebnis ist eindeutig. In einem kleinen Beitrag zum Thema schreibt er: „Nur in dem Maße, in dem sich die Völker der Gesinnung der Ehrfurcht vor dem Leben unterwerfen, werden sie füreinander völlig vertrauenswürdig. Eine Utopie? Wenn wir nicht dazu kommen, diese Utopie zu verwirklichen, bleiben wir miteinander den Atomwaffen und dem Verderben, das sie bedeuten, ausgeliefert.“
Viele haben das damals nicht gerne gehört. Viele hören das auch heute nicht gerne. Den menschenfreundlichen Urwaldarzt, der so schön Orgel spielen konnte, den hat man geschätzt. Den tierlieben Ameisenbeschützer, der – im wahrsten Sinne des Wortes - keiner Fliege etwas zu leide tun konnte, den hat man ertragen. Den politischen Schweitzer, der aus derselben Quelle in der Frage der Atomwaffen zu anderen Ergebnissen gekommen ist, als man selber, dem haben viele dann wortgewaltig zu widerstehen versucht. Auch in den aktuellen Debatten über die Wege zum Frieden hätten wir Albert Schweitzer heute bitter nötig. Auch deshalb wünschte ich mir, er lebte noch mitten unter uns.
Ohne diesen finalen friedensethischen Akkord in der Ethik Albert Schweitzers ist seine Lebenssymphonie nicht zu Ende gehört.
Sein Eintreten für die „Ehrfurcht vor dem Leben“ war keine gönnerhafte Zutat. Es war die Quintessenz dessen, was ihn ausgemacht hat. Und es war eine fast kindlich fromme Orientierung am Beispiel Jesu von Nazareth. Von ihm bekennen wir, dass er lebe. Mitten unter uns. Von vielen der Gedanken Albert Schweitzers wünsche ich mir das auch. Vor allem von dem der „Ehrfurcht vor dem Leben“. Amen.
Ein Lebensbekenntnis
Ich glaube an Gott,
die Quelle alles Lebens. Aus ihr wächst mir die Kraft zu, meinen eigenen Lebenskräften zu vertrauen. Alle meine Lebensenergie beziehe ich aus dem Willen, immer auf der Seite des Lebens zu stehen. Du, Gott, bis Leben, das leben will, damit auch ich spüre: Ich bin Leben, das leben will. inmitten von Leben, das leben will.
Mein Vertrauen setze ich in den Menschen, aus dessen Angesicht mir Gottes Gegenwart entgegenleuchtet.
Wo der Blick sonst stumpf wird und die Haut hart wie ein Panzer, da bleibt dieser Mensch durchscheinend auf Gott hin. Der Tod konnte ihm die Wege ins Leben nicht abschneiden. Weil er zum Christus aller Lebendigen wurde, durchdrungen von aller Lebendigkeit aus Gott, bleibe auch ich voller Leben. Wie für den, dem Gott unendlich nahe war, gilt auch für mich: Ich bin Leben, das leben will, inmitten von Leben, das leben will.
Beflügeln lasse ich mich von Gottes Geistkraft.
Sie macht lebendig, wo die Handlanger des Todes allem, was lebt, den Garaus machen wollen. Sie hält lebendig, wo die eigenen Lebenskräfte an ihre Grenze kommen. Sie ermöglicht Gemeinschaft, aus der meine Lebenskräfte entspringen. Gottes gute Geistkraft durchpulst und fördert alles, was lebt. Was mir den Weg zur Lebendigkeit Gottes verwehren will, räumt sie für mich aus dem Weg. Wo meine Stimme versagt, lässt sie mich dennoch nicht verstummen. Ich rede aus Gottes Geistkraft, die mir einhaucht, was ich glaube: Ich bin Leben, das leben will, inmitten von Leben, das leben will.
Heute und für immer.
Amen.