Lied-Meditation im Rahmen der LichtWorte 2025 auf dem Weihnachtsmarkt in der Martinskirche in Freiburg

22.12.2025

Gott hat eine Vorliebe für das Unscheinbare. Deshalb möchte ich mit Ihnen dem Unscheinbaren nachspüren. Menschen wurden befragt – ganz aktuell in diesem Jahr - welche Weihnachtslieder sie am liebsten singen. Mein Lied für heute hat die Medaillenränge verpasst. Es ist nur auf Platz vier gelandet. Auf dem Treppchen stehen „Stille Nacht“, „O du fröhliche“ und „O Tannenbaum“. Dann aber kommt das Lied, das niemand so recht haben will. Viele singen es gern. Aber nur heimlich. Sie stehen nicht dazu. In der Kirche nicht. Aber ansonsten auch nicht. Auf Platz 4 liegt: „Leise rieselt der Schnee“!

Nur bei den Schaustellern liegt es eigentlich wirklich hoch im Kurs, wenn sie ihre Karusselle laufen lassen. Ansonsten gehen viele diesem Lied schamhaft aus dem Weg. Dabei liegt es doch erstaunlich weit vorne in den weihnachtlichen Charts.

Woher die Melodie kommt, weiß niemand mehr so recht. Eine alte Volksweise heißt es. Über den Text wissen wir Genaueres. Ersonnen, gedichtet wurde er von einem Pfarrer. Eduard Ebel hieß er, Pfarrer in Graudenz in Pommern, heute in Polen gelegen. „Weihnachtsgruß“ hat der Dichter sein Lied überschrieben. 1895 ist es zum ersten Mal erschienen. Es ist also gerade 130 Jahre alt.

Der Text passt kaum noch – so scheint‘s – in diese Zeit. Wenn der Schnee rieselt, dann wirklich nur in Filmen und auf alten Bildern. Hier bei uns rieselt der Schnee aber wirklich nur noch selten - und „leise“.

Eine kleine Ehrrettung des Unscheinbaren ist heute also angesagt. Womöglich ein kleines weihnachtliches Eintreten für das Recht des Kitsches – zumindest in diesen Tagen. Und wer weiß, ob wir nicht etwas Unerwartetes entdecken und zum Glänzen bringen, wenn man die Staubschicht abreibt. Und genau darum geht’s an Weihnachten. In jedem und jeder das zu entdecken, was ihn oder sie liebenswert macht.

Musik: Leise rieselt der Schnee

Jede Strophe bringt etwas zum Klingen, zum Erstrahlen.

Die erste Strophe:

Leise rieselt der Schnee,
Still und starr liegt der See,
Weihnachtlich glänzet der Wald:
Freue Dich, Christkind kommt bald.

Was sehr romantisch, gar kitschig klingt, das ist ganz einfach die Landschaft um Graudenz. In Pommern, an der Weichsel gelegen. Felder und Wälder dahinter. Der Dichter beschreibt, was er sieht. Die heilsame Stille der Landschaft. In der Stille der Natur, des leichten Schneefalls nimmt er das Entlastende der Stille überhaupt wahr.

Weihnachtlich deutet er, was er wahrnimmt. Sein Angebot an mich. Den Glanz in meinem Leben wahrnehmen. Mich vom Wald inspirieren lassen. Glanz-voll leben – davon singe ich mit der ersten Strophe. Da stimmt mich ein auf Weihnachten. Noch ist es nicht so weit. Aber das Warten hat ein Ende. „Freu dich, Christkind kommt bald!“

Die zweite Strophe stellt uns selbst in den Mittelpunkt. Unser persönliches Herausgefordert-Sein.

In den Herzen ist’s warm,
Still schweigt Kummer und Harm,
Sorge des Lebens verhallt:
Freue Dich, Christkind kommt bald.

Eine Zusage-Strophe ist das. Ein kleines Mutmach-Wort! Eine Einladung, die Wärme des eigenen Herzens zu genießen. „In den Herzen ist’s warm!“ Es ist die zweite Zeile, die mir besonders nahekommt. „Still schweigt Kummer und Harm.“ Harm, mein Lieblings-Wort in diesem Lied. Aus dem Mittelhochdeutschen kommt es. Und bedeutet Kummer und Schmerz. Harm-los leben! - das wäre also die Botschaft dieser Strophe. Harm-los meint also nicht einfach, belanglos sein, bedeutungslos, sondern vielmehr: verschont sein von den Wirkmächten des Bösen. Wenn das nicht weihnachtlich ist:  Eintauchen in die Harm-Losigkeit, die sich dem Kind in der Krippe verdankt.

Für eine Stunde vergessen, was mich bedrängt. Einen Ausweg finden aus dem, was mir zusetzt. Beim Gang durch die weihnachtlich geschmückte Stadt mit ihren roten Herrnhuter Sternen. Beim Spiel der Posaunen. Beim Singen der Chöre. Beim Glühwein oder Punsch am Stand direkt hier draußen. Hier in der Kirche in den wenigen Minuten Auszeit. Eintauchen in die Harmlosigkeit Gottes. Und sei’s nur für kurze Zeit. Da stimmt mich ein auf Weihnachten. Noch ist es nicht so weit. Aber das Warten hat ein Ende. „Freu dich, Christkind kommt bald!“

Musik: Leise rieselt der Schnee

Reiben wir auch die Staubschicht auf der dritten Strophe weg.

Bald ist heilige Nacht;
Chor der Engel erwacht;
Horch’ nur, wie lieblich es schallt:
Freue Dich, Christkind kommt bald.

Das erste wie das letzte Wort dieser Strophe: bald! Jetzt wird’s bald wirklich Weihnachten! Der Blick richtet sich von der Landschaft um mich herum, von meinem eigenen Herausgefordertsein nun nach oben. Zu den Engeln. Wie die Hirten höre ich ihre Lieder. Werde ich innerlich ausgerichtet. Und erwarte den Frieden auf Erden. Auf kaum etwas anderes warten Menschen heute mehr. „Friede auf Erden bei den Menschen guten Willens!“ Nicht gleich, aber bald!

Der Himmel beugt sich herab zur Erde. Himmelsnah leben – darauf kommt es an. Die Lieder der Engel heraushören aus den vielen Stimmen, die auf mich eindringen. Den Glanz ihrer Botschaft wahrnehmen. „Fürchtet euch nicht! Ich verkünde euch große Freude!“  Das stimmt mich ein auf Weihnachten. Noch ist es nicht so weit. Aber das Warten hat ein Ende. „Freu dich, Christkind kommt bald!“

Glanzvoll leben!
Harmlos leben!
Himmelsnah leben!

Drei Impulse! Drei Möglichkeiten, Weihnachten in mein eigenes Leben zu ziehen. Drei strahlende Fundstücke in einem Lied, das Menschen gerne singen. Ihm aber trotzdem wenig zutrauen. Nein, „Leise rieselt der Schnee!“ ist viel mehr als nur Karussell-Musik. Dafür ist dieses Lied eigentlich viel zu schade. Es ist ein Adventslied im Sinne des Wortes. Es legt offen, worauf wir warten. Sehnsuchtsvoll warten. Es ist das große Lied des „bald“! Das Lied der hereinbrechenden Weihnacht.

Ich bin sicher, Sie werden’s jetzt draußen mit ganz anderen Ohren hören. „Freu dich, Christkind kommt bald!“

Musik: Leise rieselt der Schnee

Traugott Schächtele
Twitter: @tschaechtele
Zeitgenosse, Pfarrer, Prälat i.R., Ehemann, Vater von 5 erwachsenen Kindern, Opa, liest und schreibt gern.