Predigt im Gottesdienst in der Reihe „Lichtgestalten der Bibel“am Sonntag, 24. August 2025 (10. Sonntag nach Trinitatis) in der Heiliggeistkirche in Heidelberg

24.08.2025

Liebe Gemeinde!

Heute also wieder: Lichtgestalten! Lichtgestalten aus der Bibel, wie es im Motto der Predigtreihe heißt. Nicht zu Unrecht vermuten wir, dass es in der Bibel solche Lichtgestalten gibt. Über einige wird ja auch gepredigt in dieser Reihe. Nicht zuletzt haben wir den im Blick, der von sich sagt, er sei selber das Licht.

Aber viel lieber noch als in der Bibel hätten wir diese Lichtgestalten doch im richtigen Leben. Mitten unter uns. Gerade in Zeiten wie den unseren. Nach Menschen sehne ich mich, denen wir keine finsteren Machenschaften unterstellen müssen. Nach Menschen sehne ich mich, die nicht die Mächte der Finsternis unterstützen. Nach Menschen, von denen ein Strahlen ausgeht, das andere ansteckt. Menschen, die helfen, dass diese Welt ein kleines Stück besser wird.

Es gibt solche Menschen – im Kleinen noch mehr wie im Großen. Es gibt Lichtgestalten im Leben, die ich leicht übersehe, weil das Licht, das von ihnen ausgeht, ihre Person überstrahlt. In der Nachbarschaft gibt es sie. In Kirchengemeinden. In Krankenhäusern. In Heimen. Aber auch in Schulen. Sogar an der Ladenkasse. Die kleinen Lichtgestalten des Alltags möchte ich sie nennen.

Und es gibt die, die sich selbst für Lichtgestalten halten. Die den roten Teppich lieben. Die nach dem Friedensnobelpreis schielen. Sich gottgleich wähnen. Und dabei eher Düsternis verbreiten. Auf der Erde gibt es sie. Und mehr als nur in einem Exemplar. Gottseidank ist der Himmel von falschen Lichtgestalten verschont!

Christus, dein Licht, verklärt unser Leben,
denn dein Licht strahlt, gibt der Welt ganz neuen Glanz.
Christus, dein Licht, find ich in den Menschen,
die mutig sagen: Zerstörtes wird ganz!

Gottseidank ist der Himmel von falschen Lichtgestalten verschont – habe ich eben gesagt. Irrtum, liebe Gemeinde! Und was für einer. Ja, auch im Himmel gibt es Lichtgestalten. Aber ihr Wankelmut und ihr Stolz sind manchmal stärker als ihr himmlischer Ursprung. Mehr als für alle andern gilt das für Helel, den „Sohn der Morgenröte“. Luther übersetzt dieses hebräische Wort mit „schöner Morgenstern“. Helel, der Sohn der Morgenröte, war der Liebling des Schöpfers. Und Gott spricht ihn an, in der Bibel überliefert mitten in einer Klagerede, die eigentlich einem anderen, dem König von Tyros gegolten hat:

„In Eden warst du, im Garten Gottes, geschmückt mit Edelsteinen jeder Art (…) Von Gold war die Arbeit des Perlenschmucks, den du trugst; am Tag, als du geschaffen wurdest, wurden sie bereitet. Du warst ein glänzender, schirmender Cherub und auf den heiligen Berg hatte ich dich gesetzt; ein Gott warst du (…) ohne Tadel in deinem Tun von dem Tage an, als du geschaffen wurdest!“ (Hesekiel 28,12-15 in Auswahl).

Helel – der „Sohn der Morgenröte“, er war die Lichtgestalt im Himmel! Bis er sich in seiner Überheblichkeit, seinem Stolz, seiner Hybris von nichts und niemandem mehr hat einschränken lassen. Seine Schönheit, die Gottes Herz angerührt hat, stürzt ihn am Ende aber ins Verderben. Wir hören:

Du aber gedachtest in deinem Herzen: „Ich will (…) meinen Thron über die Sterne Gottes erhöhen. (…) Ich will auffahren über die hohen Wolken und gleich sein dem Allerhöchsten.“ (Jesaja 14,13+14)

Das ist der Ur-Frevel, sei den Tagen des Paradieses:  dem Höchsten gleich sein wollen: „Wenn ihr von dieser Frucht esst, werdet ihr sein wie Gott!“  Sein zu wollen wie Gott - Adam und Eva hat es das Paradies gekostet. Den „Sohn der Morgenröte“ kostet es gleich den Himmel. Wir hören weiter:

„Hinunter ins Totenreich fährst du, in die tiefste Grube! Wie bist du vom Himmel gefallen, du schöner Morgenstern! Wie wurdest du zu Boden geschlagen, du Bezwinger der Völker!“ (Jesaja 14,12)

Die Vulgata, die lateinische Übersetzung der Bibel, gibt diesem helel – abgeleitet von einer Wort-Wurzel, die strahlend und glänzend bedeutet – einen anderen Namen. Nicht „Sohn der Morgenröte“, sondern „Träger des Lichts“ – griechisch phosphoros, lateinisch Luzifer. Und damit taucht er endgültig auf der biblisch-gottesdienstlichen Bühne auf. Aber nicht nur dort. In altorientalischen Mythen, in mittelalterlichen Gedichten, inzeitgenössischen Liedern und Filmen – überall taucht Luzifer auf – und mit ihm die Auseinandersetzung mit dem Bösen, das er verkörpert.

Luzifer, der Lichtträger – einst ist er der Engel, der die Gottes himmlischer Liebling gewesen ist. Berühmt und geliebt auch bei den Menschen als Verkörperung der Venus, eben als Morgenstern und Botin der Hoffnung. Und am Ende katapultiert ihn die Grenzenlosigkeit seiner Gier, sein zu wollen wie Gott, aus dem Himmel nach ganz unten.

Gleich ein Drittel der Engel – so will es eine Traditionslinie wissen - habe sich mit Luzifer gegen Gott erhoben. Wagt die große Revolution im Himmel. Und findet sich am Ende ganz tief unten wieder. Noch ganz am Ende der Bibel, in der Offenbarung des Johannes, findet sich eine der vielen Beschreibungen dieses unerhörten Geschehens wieder - wobei Luzifer hier in Gestalt des Drachens erscheint:

„Und es entbrannte ein Kampf im Himmel: Michael und seine Engel kämpften gegen den Drachen. Und der Drache kämpfte und seine Engel, und er siegte nicht. (…) Und es wurde hinausgeworfen der große Drache, die alte Schlange, die da heißt: Teufel und Satan, der die ganze Welt verführt. Er wurde auf die Erde geworfen, und seine Engel wurden mit ihm dahin geworfen.“ (Offenbarung 12,7-9)

Christus, dein Licht, deckt auf unsre Grenzen.
Selbst hoch im Himmel bricht Dunkel sich Bahn.
Christus, dein Licht führt uns längst vor Augen:
Selbst Gottes Engel befällt böser Wahn.

Bemerkenswert ist - zum einen -, dass der Drache nicht in die Hölle, sondern auf die Erde geworfen wird. Und sie so zugrunde richten und sein höllisches Wesen auf ihr entfalten kann. Auf der Erde treibt er weiter sein Unwesen. Kein Wunder, dass wir auch aus dem Mund Jesu hören: „Ich sah den Satan wie einen Blitz aus dem Himmel fallen!“ (Lukas 10,18)

Bemerkenswert auch, dass in der Entwicklung der religiösen Vorstellungen aus Gottes Lieblingsengel, dem Luzifer, dem Lichtträger, mit einem Mal unter der Hand der Teufel wird. Die enttäuschte große Liebe verkehrt sich in ihr Gegenteil. Am Ende hat auch der Himmel seine Unschuld verloren.

Luzifer, die große Lichtgestalt der Bibel – er wird zum Gegenspieler Gottes. Sein Reich zum Gegenreich des Reiches und der Einflussspäre Gottes. Ein Reich des Bösen. Ein Dunkelreich, dass dem des Lichtes entgegengesetzt ist – das gibt es nicht nur im Christentum. Dahinter steckt nicht nur eine religiöse Erfahrung. Sondern eine urmenschliche! Und beide unentwirrbar ineinander verwoben.

Kein Wunder also: Der Höllensturz, der Engelssturz, der tiefe Fall des Luzifer - er wird zu einem Lieblingsmotiv vor allem der mittelalterlichen Kunst. Derer, die sich der Bilder bedient. Aber auch derer, die an Kirchen ihre Skulpturen schaffen – wie etwa am Nordportal des Freiburger Münsters. Die Menschen deuten die grundlegenden Erfahrungen ihres Lebens mit Hilfe der Bilder und Erzählungen, die ihnen die Religionen zur Verfügung stellen.

Ihre Erfahrungen und die unseren sind nicht allzu weit voneinander entfernt. Nur sind unsere Deutemuster nicht mehr ganz dieselben. Wir sind nicht mehr zufrieden mit denen Geschichten des Mittelalters. Den Berichten vom Aufstand im Himmel. Und von den gefallenen Engeln.

Aber die Erfahrungen, die ähneln sich. Die Grundbedingungen des Menschseins, die sind dieselben.

Mitten in allem Glück die Zerbrechlichkeit des Lebens und unserer Beziehungen wahrzunehmen - das prägt viele unserer Lebensgeschichten. Licht und Schatten – sie gehören zusammen.

Die Erfahrung, dass Menschen sich von uns abwenden. Dass Sympathie und Liebe sich in Abwehr, manchmal sogar auch in Hass verwandeln - sie gehört zum Leben dazu. Licht und Schatten – sie gehören zusammen.

Die Entdeckung, dass sich in den Lichtgestalten meines Lebens plötzlich fremde und dunkle Anteile finden lassen – sie irritiert nicht nur. Sie bringt die Sicherheiten meines Lebens ins Wanken. Licht und Schatten – sie gehören zusammen.

Das Erschrecken über mich selbst, wenn ich meine eigenen dunklen Anteile wahrnehme – sie kann mich zutiefst kränken und krank machen. Licht und Schatten – sie gehören zusammen. Sogar in mir!

Dass davon nicht einmal der Himmel frei ist – dass Menschen schon vor Jahrtausenden in Bildern beschreiben, wie das Böse sich zusammenrottet – mitten im vermeintlich nur Guten – das verändert auch meinen Blick auf die Religion. Ja, auf meinen ganz persönlichen Glauben. Man kann, wie der Seelenkundler Carl Gustav Jung sogar vom Schatten Gottes reden, wenn selbst der Himmel mit den dunklen Anteilen in den eigenen Reihen umgehen muss.

Spannend, dass sich in der mittelalterlichen Theologie zwei ganz unterschiedliche Begründungen der Menschwerdung Gottes finden lassen. Zum einen – ganz im Sinne der Himmelserzählungen: Luzifer will sich an Gott rächen, weil er aus dem Himmel geworfen wurde. Und da er das jetzt nur noch auf der Erde tun kann, trachtet er dem Menschen als Gottes Geschöpfen nach dem Leben. Verführt sie in Gestalt einer Schlange im Paradies. Beide überleben. Werden aber aus dem Paradies verwiesen.

Doch damit nicht genug. Luzifer wagt sich auch an Gott selber. Trachtet dem Mensch gewordenen Gott nach dem Leben. Und fast hätte er wieder Erfolg - wenn Gott nicht erneut aus dem Himmel eingreifen würde.

Die andere Begründung der Menschwerdung liegt in Gott selber. Gott will das aus dem Himmel gefallenen Böse bearbeiten. Aus der Welt schaffen. Das ist ihm auf der Erde aber nur an einem Menschen möglich. Deshalb wagt er den Weg der Menschwerdung. Und entzieht sich so erfolgreich seinem Schatten.

Christus, dein Licht, verbirgt nicht die Schatten,
was dunkel bleibt, ist nicht einfach aus der Welt.
Christus, dein Licht, führt uns in die Weite,
bricht feste Mauern, spannt neu uns ein Zelt.

Gedankenspiele haben wir gehört. Ein suchendes Nachsinnen über Gottes Gegenwart und Gottes Handeln in der Welt. Mit rationalen Erklärungen versuchen wir, Licht in das himmlische Dunkel zu bringen. Erklärungen allerdings der Erfahrung, dass es am Ende keine Lichtgestalten gibt, denen die Erfahrung des Dunklen auf Dauer fremd bleibt.

Wenn ich dennoch von Lichtgestalten der Bibel erzähle, spreche ich nicht einfach nur von Engeln. Dann muss ich meinen Blick nicht einfach nur auf Wesen richten, die reinen und lichten Herzens sind. Und mich in meiner eigenen Düsternis trostlos zurücklassen.

In den Lichtgestalten der Bibel begegne ich mir selber. Und darf die sprichwörtliche Weisheit „Wo Licht ist, ist immer auch Schatten“ zu meinen Gunsten umkehren. „Wo Schatten ist, ist zuvor immer auch schon Licht!“ Und mit einem Mal wird aus dem Höllensturz ein Himmelsturz. Oder um es mit einem aktuellen Romantitel zu beschreiben: „Man kann auch in die Höhe fallen!“

Die Revolution des Luzifer ist nicht das letzte, was wir über die biblischen Lichtgestalten sagen können. Und was am Ende aus Luzifer wird - ob es nicht auch eine große himmlische Versöhnung gibt, das weiß ich nicht. Und es liegt auch nicht in meiner Hand. Und in meinen Möglichkeiten.

Darum gebe ich meine Hoffnung nicht auf: Die Hölle ist nur der Ort des Dunklen auf Zeit. Solange wie Gott ihr Zeit lässt. Am Ende fällt sie wie alles Böse in sich zusammen. Und Luzifer, der Lichtträger, lässt sein Licht auf der Erde von Neuem aufleuchten. Trägt es zurück nach oben. Dann, „wenn Gott alles in allem sein wird“, wie Paulus das beschreibt.

Hoffnung macht mir das, dass auch die vermeintlichen Lichtträger der Gegenwart, die doch nur Finsternis verbreiten, irgendwann an ihr Ende kommen. Hoffnung, dass sie nur so viel Zeit haben, wie Gott ihnen lässt - wie wir ihnen lassen, wenn wir unsere Zeit in Gottes Zeit aufgehoben wissen.

Nicht die Finsternis ist das Letzte, sondern das Licht. Und wo Luzifer, der einstige Lichtträger Gottes, noch nicht von seinem dunklen Treiben lässt, kann ich selbst zum Lichtträger, zur Lichtträgerin werden.

Eine schönere Aufgabe kann es nicht geben. Um Gottes Willen, dessen Licht das meine nährt. Und um der Menschen willen, deren Leben ich heller machen kann. Und die mein Leben licht machen.

Nein, die Dunkelheiten sind noch längst nicht aus der Welt geschafft. Aber ihr Ende ist eingeläutet. Weil das Licht Gottes in der Welt aufleuchtet. Selbst da, wo ich es nur spärlich oder noch gar nicht sehe. Lichtträgerinnen und Lichtträger aller Orten und Zeiten, aller Weisen mit Gott zu rechnen, vereinigt euch! Und gebt den Mächten der Finsternis den Abschied! Wo wir das Licht in die Welt tragen, leuchtet am Ende Gott selber auf. Heute, morgen und für immer. Amen.

 

Christus, dein Licht, verklärt unsre Schatten,
du lässt nicht zu, dass das Dunkel zu uns spricht.
Christus, dein Licht, ruft neu uns zum Handeln,
hindert das Böse und weitet die Sicht.

Christus, dein Licht, macht hell unser Leben,
wehrt falschen Wegen und sagt: Geht sie nicht!
Christus, dein Licht, erstrahlt auf der Erde,
und du sagst uns: Auch ihr seid das Licht!

Ein aktuelles Lichtbekenntnis

 

Ich glaube an Gott, der Licht ist und das Licht geschaffen hat. Sein Licht ist stärker als die Mächte der Finsternis – damit die Schöpfung wieder wird, wie sie von allem Anfang gedacht gewesen ist: Siehe, sie war gut!

Ich glaube an den, der von sich gesagt hat: Ich bin das Licht der Welt.
Er war Licht für all die, die in der Dunkelheit des Lebens nach Gerechtigkeit gesucht haben.

Er ist Licht für uns, wenn wir in den Abgründen der Gegenwart den rechten Weg in die Zukunft suchen.

Er wird Licht sein für alle, die mit uns danach schauen, wie sie die Leuchtspuren Gottes in der Welt entdecken und sich an ihnen ausrichten können.

Selbst der Finsternis des Todes hat er ein Ende gesetzt und ewiges Licht aufscheinen lassen.

Ich glaube, dass Gottes Geist unser Denken erneuert und unseren Geist hell macht.
Er verbindet alle Menschen guten Willens und setzt den Rebellionen der Bösen und den Dunkelheiten dieser Welt ein Ende – bis wir alle gemeinsam bekennen: Gott ist Licht und keine Finsternis ist in ihm! Weil Gott alle und alles in sein neues Licht setzt. Für immer. Amen.

Liedtext und Bekenntnis TS August 2025

Traugott Schächtele
Twitter: @tschaechtele
Zeitgenosse, Pfarrer, Prälat i.R., Ehemann, Vater von 5 erwachsenen Kindern, Opa, liest und schreibt gern.