Geistlicher Impuls am Beginn der Diakonischen Konferenz am 21. November 2025 im Südwerk Karlsruhe
Liebe Mitglieder unserer Diakonischen Konferenz!
Vor kurzem fiel mir im Freiburger Hauptbahnhof ein Werbeplakat ins Auge. Ich hab’s Ihnen heute mitgebracht. Es hing heute Morgen übrigens immer noch. Aber dieser Impuls ist nicht erst heute Morgen auf dem Weg hierher entstanden. Das würde dann doch auch meine Spontaneität überfordern.
Das Plakat zeigt eine Schwarzwaldlandschaft. Ein Wanderer ist von hinten zu sehen. Vor sich eine weite Aussicht. Das Tal unter ihm liegt im tiefen Nebel. Der Tourismus im Hochschwarzwald wirbt mit diesem Plakat. Es ist ein Kunstzitat. Unschwer ist zu erkennen: Der „Wanderer über dem Nebelmeer“ von Caspar David Friedrich hat hier Pate gestanden, sein sicher bekanntestes Bild.
Ich kenne die Erfahrungen, die sich in diesem Bild widerspiegelt, nur zu gut. Nebel unten in der Stadt. Aber es reicht eine kleine Zugfahrt von 20 Minuten, und ich kann in Hinterzarten diesen Blick aus der Sonne in den Nebel entdecken.
Aber das Bild ist für mich noch viel mehr als eine kleine Erinnerung an diese schöne Erfahrung. Eine kleine Illustration des Wochenspruchs für diese Woche habe ich in diesem Bild entdeckt. Ein Satz des Apostels Paulus. „Wir müssen alle offenbar werden vor dem Richterstuhl Christi!“ Die Rede vom Gericht gehört nicht zu den beliebtesten Themen christlicher Theologie. An den letzten Sonntagen des Kirchenjahres – und wir gehen gerade auf den allerletzten Sonntag des Kirchenjahres, den Ewigkeitssonntag zu – in dieser Phase geht es um die sogenannten letzten Dinge. Da geht es ums Gericht. Da geht es um Leben und Tod.
Aber dieser Nebel im Tal – warum erinnert er mich an das Thema Gericht? Nein, dieser Richterstuhl Christi steht vermutlich nicht im Hochschwarzwald, obwohl sich dort durchaus eine ganze Reihe spätmittelalterlicher Gerichtsorte nachweisen lassen. Ich entdecke im Nebel im Tal ein schönes Bild für das, was in unserem Leben zunächst einmal vor den Augen der anderen verborgen ist. Was erst offenbar wird, wenn sich der Nebel gelichtet hat. Aber was dann zu sehen ist, ist nicht eine Chaoslandschaft. Sondern die Schönheit der Natur. Unser aller Schönheit.
Offenbar werden vor Gott – für mich heißt das nicht, dass meine Erbärmlichkeit offenkundig und sichtbar wird. Offenbar werden vor Gott – für mich bedeutet das, dass vor allem die Schönheit des Menschen aufscheint, wenn sich der Nebel unserer Bedürftigkeit verzogen hat.
Und hier wird dieses Bild vom Wanderer über dem Nebelmeer jetzt auch zum Bild der Diakonie. Diakonie meint, den Nebel zu lichten. Den Nebel über Menschen. Den Nebel über die Gesellschaft. Den Nebel über unseres Angewiesenseins auf unsere Mitmenschen.
Wenn sich der Nebel gelichtet, wenn er sich verzogen hat, bleibt ein Tal zunächst immer noch ein Tal. Aber eines, das seine eigene Schönheit hat. Wenn sich der Nebel über dem Tal diakonisch gelichtet hat, erscheinen zuallererst einmal die Menschen, die im Nebel des Angewiesenseins leben als das, was sie wirklich sind! Schön! Und mit ihrer je eigenen Würde ausgestattet. Menschen, die froh und glücklich sind, den sie verbergenden Nebelschwaden entronnen zu sein. Insofern ist es gut, wenn wir all unser Bemühen darauf richten, diesem Nebel den Abschied zu geben.
Allerdings kann sich unter dem Schutz des Nebels auch anderes verbergen. Auch damit haben wir als Diakonie zu tun. Auch heute. Nicht zuletzt, wenn wir uns mit dem TOP Satzungsänderung befassen. Im Schutz struktureller Nebel haben Menschen andere Menschen ihre Gewalt spüren lassen. Auf unterschiedliche Weise. Gerade auch deshalb ist es gut, die Nebel des Verschleierns wegzuziehen. Damit ans Licht kommt, was offenbar werden muss. Nicht nur vor dem Richterstuhl Christi. Sondern auch in den Zusammenhängen, für die wir Verantwortung tragen. Auch das sollten wir nachher bei unserem Beraten im Blick haben.
Der weggezogene Nebel lässt uns die Welt mehr erahnen, wie Gott die Welt gemeint hat. Auf dem Plakat mag der Ausruf „Schon wieder Nebel!“ einer sein, der die verborgene Schönheit schon vorwegahnt. In unserem Nachdenken und Beraten, in unserem Handeln und Beschließen darf für diesen Ausruf kein Platz sein. Kein „Schon wieder Nebel“ – ausgeteilt über die, die andere Menschen ihrer Würde und Schönheit beraubt haben.
Wenn ich weiß, dass sich unter dem Nebel nichts mehr verbirgt als das, was im Licht der Sonne die eigene Schönheit aufleuchten lässt, dann kann ich dem Nebel am Ende seine eigene Schönheit abgewinnen. Wie Caspar David Friedrich. Wie der Werbemensch, der dieses Plakat ersonnen hat.
Ich freue mich, wenn wir den Weg zur Einführung unserer neuen Vorstandsvorsitzenden von hier zur Christuskirche nicht im Nebel suchen müssen. Sondern wir uns als Wanderinnen und Wanderer über dem Nebelmeer erweisen. Auf dem Weg zu neuen Höhen von Kirche, Welt und Diakonie. Amen.
Gebet eines Wanders über dem Nebelmeer
Du schenkst mir den weiten Blick, Gott! Aufrecht kann ich gehen und beflügelt vom Geschmack der Freiheit als dein Ebenbild. Den Nebel hast du mir vor die Füße gelegt. Mit seiner eigenen Schönheit. Wo er mehr verbirgt als deine gute Schöpfung, da legst du frei, was das Licht der Sonne scheut. Du, Gott, unter dem Nebel genauso wie in der lichten Höhe ist der Ort deiner Gegenwart. Das lässt mich leben. Gerade auch heute, beim Beraten und Entscheiden und beim Feiern. Amen.