Ansprache im Evensong am Sonntag, 23. November 2025 (Ewigkeitssonntag) in der Christuskirche in Mannheim

23.11.2025

Liebe Evensong-Gemeinde!

Es brauchte nur ganze vier Sekunden! Nach diesen vier Sekunden war alles anders. Im Leben hat sich für sie eine Wende vollzogen, die bis heute ihren Alltag bestimmt.

Ich spreche von Maria Anna Leenen. Maria Anna Leenen hat mir vor kurzem von dieser umwerfenden Erfahrung in Südamerika erzählt. Sie ist eine der wenigen Eremitinnen, die es bis heute bei uns in Deutschland gibt. Eine Schwester Johannes des Täufers in unseren Tagen. 2000 Jahre danach.

Seit 32 Jahren lebt sie in einer bescheidenen Unterkunft in der Nähe von Osnabrück. In ihrer Klause gibt es eine kleine Kapelle, in der sie ihre Stundengebete gestaltet. Draußen hat sie einen Stall für ihre Ziegen. Und einen Garten, in dem sie vieles anbaut, was sie zum Leben braucht.

Vier Sekunden hat es gedauert, als mit einem Mal der Schleier über ihr Leben weggezogen wurde. Vier Sekunden Generalpause in ihrem Leben. Vor dem großen Reset. Maria Anna Leenen wurde klar, dass sie ihr Leben neu ausrichten musste. Nicht als Zwang. Nein, viel besser! Vier Sekunden, nach denen sie eine große innere Lust verspürte, etwas Neues aus ihrem Leben zu machen.

Maria Anna Leenen und die vier Sekunden ihrer – fast hätte ich gesagt – Erleuchtung – sie passen gut in diese letzten Tage des zu Ende gehenden Kirchenjahres. Und dann auch in die ersten Tage des neuen, auf das wir zugehen. Die Zeit, in der es um die letzten Dinge geht. Um das Jüngste Gericht. Und den Übergang vom Leben hier auf dieser Erde in das Leben, das als ewiges Sein bei Gott beschrieben wird.

Kaum ein anderes biblisches Zitat deutet diese existentielle Schwelle besser und einleuchtender als dieser erste Vers aus der Lesung aus dem Johannes-Evangelium, die wir vorhin gehört haben.

Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wer mein Wort hört und glaubt dem, der mich gesandt hat, der hat das ewige Leben und kommt nicht in das Gericht, sondern er ist vom Tode zum Leben hindurchgedrungen.

Dieser Satz ist einer, der die ganze vertraute Theologie auf den Kopf stellt. Mit neuen, lebensdienlichen Perspektiven. Das wahre Leben nicht mehr danach. Irgendwann. Und vor allem: Nicht erst, nachdem wir die Torturen einer letzten endgültigen Beurteilung über uns haben ergehen lassen. Die Schrecken des Jüngsten Gerichts.

Dieser eine Satz, auch kaum länger als vier Sekunden, wirbelt all diese Vorstellungen kräftig durcheinander. Holt das, was wir weit in der Zukunft vermuten, mitten hinein in unsere Gegenwart. Das, von dem wir meinen, es beschreibe, was einmal sein würde am Ende aller Dinge - es ereignet sich „schon jetzt“!

Nein, es ist nicht Gott, der uns irgendwann ein Urteil sprechen wird. Unser Urteil sprechen wir uns selber. „Schon jetzt.“  Durch die Art wie wir leben. Durch die Art wie wir glauben. Wir sind selber Richterin und Richter. Über andere. Und über uns. Gott ist der, der uns am Ende freispricht.

Doch damit wird unser Leben nicht einfach gleich-gültig. Unser Handeln hier, jede Zeitspanne und dauere sie nur vier Sekunden, hat Konsequenzen. Über den Tod hinaus. Aber ohne, dass wir angstvoll auf die große Gottesbegegnung unseres Lebens zugehen müssten.

Unsere Art zu leben – sie bleibt nicht ohne Belang. Der Tod ist nicht einfach der große Gleichmacher. Er rechtfertigt nicht einfach das Glück derer, die auf Kosten anderer leben und gelebt haben. Er gibt die Opfer nicht der Lächerlichkeit preis.

Aber ich entscheide schon hier, in diesem meinen kleinen Leben, darüber, was einmal sein wird, wenn ich nicht mehr bin. Wer glaubt, der oder die hat das ewige Leben. Und kein Jüngstes Gericht wird diesem Urteil zum Leben noch etwas dazufügen oder etwas von ihm wegnehmen können. So aus dem Munde Jesus im Johannes-Evangelium.

Ich bin befreit zum ewigen Leben – schon jetzt! Befreit im Glauben. Was aber heißt dann Glauben?

Glauben heißt, schon in der Gegenwart den Blick weit über den Horizont hinaus zu richten. Glauben heißt, das Leben nicht aufschieben, sondern es in die Gegenwart, in die Wirklichkeit ziehen. Glauben heißt, meine vier Sekunden der Einsicht zu nutzen und das Leben mit anderen Augen zu betrachten.

Mit solchen Augen auf meine Gegenwart zu blicken, das lässt den Horizont meines Lebens weit werden.  Unglaublich weit. Das eröffnet mir Räume, mit denen ich zuvor nicht gerechnet habe.

Nein, niemand muss deshalb gleich Eremitin oder Eremit werden. Stattdessen muss ich schauen, wo mich meine vier Sekunden hinführen. Vielleicht auch meine vier Jahre. Stattdessen muss ich schauen, wann der Schleier über mein Leben weggenommen wurde. Und sei’s nur für einen Augenblick. Bei einer Begegnung. Beim Hören von Musik. Bei einem Satz, einem Buch, die wie ein Scheinwerfer ein Stück meiner Lebenslandkarte erhellen. Mir eine Vision vor Augen stellen, wie alles sein könnte. Ja, alles könnte noch einmal ganz anders sein. „Ganz anders könnte man leben“ hieß der Titel eines Buches, das mir vor Jahrzehnten einmal ein solchen Vier-Sekunden-Moment ermöglicht hat.

Der aktuelle Zustand der Welt, ihre Erbärmlichkeit, ihre Friedlosigkeit und ihr Angewiesensein auf Menschen mit Zukunftsvisionen lassen jeden Tag neu den Wunsch in mir aufsteigen, alles möge noch einmal ganz anders sein.

Dabei ist doch längst alles anders. Unscheinbar manchmal. Und im Kleinen. Und doch schon jetzt eben auch Wirklichkeit. Ewiges Leben – schon jetzt, das bedeutet: Wir können nie tiefer fallen als in Gottes Hände. Keine Träne ist umsonst geweint, kein Leid wird vergeblich ertragen, keine Zukunft sinnlos erträumt wird. Gottes Zukunft kommt auf uns zu. Und wir leben in der Erwartung gleichsam schon in deren vorweggenommener Realität.

Wenn wir daraus besser und glücklicher, auch getrösteter und zuversichtlicher leben können, ist das schon sehr viel. Und schon Teil des ewigen Lebens selbst. Schon jetzt.

Maria Anna Leenen hat mit ihrem Leben ein kleines Stück Zukunft möglich gemacht. Ihrer Zukunft. Wir alle, Sie und ich machen unsere Zukunft möglich. Wenn wir endlich aufwachen aus unseren Träumen. Und sie Wirklichkeit werden lassen. Vier Sekunden heilsames Wachsein. In der Wachheit des Glaubens.

Vier Sekunden Generalpause. Ehe alles neu beginnt. So neu. wie wir es aus dem Minde von Jesus im Johannes-Evangelium hören.

Wer mein Wort hört und glaubt dem, der mich gesandt hat, der hat das ewige Leben und kommt nicht in das Gericht, sondern er ist vom Tode zum Leben hindurchgedrungen.

Amen.

Traugott Schächtele
Twitter: @tschaechtele
Zeitgenosse, Pfarrer, Prälat i.R., Ehemann, Vater von 5 erwachsenen Kindern, Opa, liest und schreibt gern.