Predigt über Jesaja 61,1-3.10+11 am Sonntag, 4. Januar 2026 (2. Sonntag n.d. Christfest) in der Ludwigskirche in Freiburg

04.01.2026

Hinführung zum Sonntags-Evangelium: Lukas 2,41-52
(12jähriger Jesus im Tempel)

Weihnachten hat Geschichte! Von der Ankündigung der Geburt an Maria über die Reise der Weisen aus dem Osten bis hin zur Rückkehr aus Ägypten. Ein langer Weg.

Mein Glauben hat Geschichte! Als Kind war anderes im Blick und für mich wichtig als jetzt. Jede Lebensphase verändert die Art und Weise meines Glaubens.

Auch Jesus hat Geschichte! Zwischen Krippe und Kreuz liegen drei Jahrzehnte dicht gefüllten Lebens. Auch wenn wir nur wenig davon wirklich wissen. Die einzige Geschichte auf dem Weg Jesu zwischen Kindheit und Erwachsenenalter ist heute das Evangelium. Die meisten von Ihnen kennen sie. Aber hören Sie einfach noch einmal hin.

-       folgt Lesung -

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Das Lied vom neuen Anfang
(zur Jahreslosung 2026)
nach der Melodie EG 70 zu singen: Wie schön leuchtet der Morgenstern

Noch atmet frisch dies neue Jahr.
Und mich bestärkt, was doch längst wahr:
Ich bin von Gott gehalten.
Das Alte liegt jetzt hinter mir,
ich lenk die Schritte neu zu dir,
vertrau, Gott, deinem Walten.
Mutig setz ich meine Schritte,
blick zur Mitte, stärk die Sinne!
Neue Kräfte ich gewinne.

Liebe Gemeinde!

Endlich einmal gute Nachrichten! Zusagen der Besserung gegen allen Augenschein. Die große Hoffnung, dass sich Gottes neue Welt am Ende durchsetzt und der alten den Abschied gibt. Die Aussicht, dass am Ende alles gut wird.

Nicht um zu beschwichtigen! Sondern weil wir die Zukunft noch einmal ganz anders erwarten als nur in Form der Fortschreibung dessen, was ist. Der Predigttext für diesen 2. Sonntag nach Weihnachten ist ein solcher Mutmachtext. Einer, der nicht auf unsere Möglichkeiten setzt, sondern auf die, die wir mit Gott in Verbindung bringen. Eine Aufforderung zum Perspektivwechsel. Eine kleine Schule des Gottvertrauens.

Aber nicht nur Weihnachten, nicht nur mein Glaube hat Geschichte. Auch dieser Text hat Geschichte. Ihm gehen andere Worte voraus. Und es folgen ihm noch andere nach.

Da sitze und stöbere ich also in der Bibliothek, die den Namen „Zwischen den Zeiten“ trägt. Weil alle, die hier ein und ausgehen, spüren, dass etwas zu Ende geht. Dass sie aber das Neue, auf das wir zugehen, noch nicht kennen. Vor mir liegt auf einem Lesetisch ein kleines Büchlein der „Ermutigungen in herausfordernden Zwischen-Zeiten". Und ich fange an, darin zu blättern.

Jesaja steht auf der ersten Seite. Prophet aus der Jerusalemer Oberschicht, der im 8. Jahrhundert vor Christus gewirkt hat. Er hat die Zustände der Gesellschaft mit harten Worten schonungslos kritisiert. Er vergleicht die Menschen mit einem verdorrten Gewächs. Dem Baum der Terebinthen-Pistazie. Lest und hört, was Jesaja gesagt oder geschrieben hat:

Denn ihr seid wie ein Terebinthen-Baum, dessen Blätter welken, und wie ein Garten, dem das Wasser fehlt. Und der Starke wird nichts anderes sein als eine Schnur aus Hanf, die nichts zu halten vermag. (Jesaja 1,30) Kahlgefressen werdet ihr wie eine Terebinthe, von der nur ein Stumpf übrig bleibt. (6.13)

Der Terebinthen baum als Bild des Niedergangs und der Hoffnungslosigkeit. Ich suche etwas, das mich mehr erbaut und blättere weiter. Auf der nächsten Seite lese ich: Zweiter Jesaja, ein neuer Prophet, dessen Namen wir nicht kennen und von dem wir nichts wissen. Er hat drei oder vierhundert Jahre nach dem großen Jesaja gewirkt. Nach den Katastrophen, die Israel und Juda fast ausgelöscht und viele Menschen ins Exil gebracht haben. Manche sind aus Babylon zurückgekehrt. Andere sogar freiwillig dort geblieben.

Warum die Texte dieses Propheten mit ins Jesajabuch aufgenommen wurden? Wir wissen es nicht. Vielleicht, weil der neue Jesaja die Bilder des alten aufgreift. Und verwandelt. Auch das von der kahlgefressenen Terebinthen-Pistazie.

Kein Grund zu einem vorschnellen Optimismus. Aber der unbekannte Prophet hat Gutes zu verkünden. An prophetischem Selbstbewusstsein fehlt es ihm nicht. Hört, was der Prophet über seinen Auftrag schreibt!

Aufgetragen ist mir, zu trösten alle Trauernden, zu schaffen den Trauernden zu Zion, dass ihnen Schmuck statt Asche, Freudenöl statt Trauer, schöne Kleider statt eines betrübten Geistes gegeben werden - dass sie genannt werden »Terebinthen der Gerechtigkeit«, »Pflanzung des Herrn«, ihm zum Preise.

Das Bild des Terebinthenbaumes – es hat Geschichte. Es verwandelt sich über die Jahrhunderte. Es wird zur Zusage einer neuen Zukunft. Ein grandioses Gemälde der neuen Welt Gottes malt dieser neue Jesaja den Menschen vor Augen. Gute Nachricht anstatt Verurteilung und Vernichtung. Statt Schreckenszeit das gnädige Jahr des Herrn. Statt einer verdorrten Terebinthe zu gleichen, werden die Menschen mit einem fruchtbaren, gründenden Terebinthen-Park verglichen.

Zu gerne wüsste ich, wer sich hinter diesem Propheten verbirgt. Einer aus der Oberschicht – wie der erste Jesaja? Eine priesterliche Figur oder ein Kritiker des religiösen Kultes. Vielleicht jemand von ganz anderer Herkunft, der die Herrschenden mit Spott und Verachtung überzieht. Wir wissen nicht, ob es ein Mann ist oder eine Frau. Wir wissen auch nicht, ob es sich um eine einzelne Person oder um eine Gruppe handelt. Aber die Botschaft, die hat Wirkung erzielt. Und diejenigen, die sich um das Buch des Propheten Jesaja gekümmert haben – sie wollten diese neuen prophetischen Töne bewahrt wissen.

Der Text hat Geschichte. Und er erzielt Wirkung. Ich blättere weiter in meinem Buch der „Ermutigungen in herausfordernden Zwischen-Zeiten“. Bevor ich mit Ihnen die nächste Seite aufblättere, lade ich Sie ein, die zweite Strophe des angefangenen Liedes zu singen.

Viel Klagen, Krisen, Kriegsgeschrei,
viel Hoffen, dass bald sei vorbei,
was mich im Leben lähmet.
Zu Gott heb ich den Blick empor,
vertrau darauf, dass seinem Ohr,
gewahr wird, was mich grämet:
Sorgen, bitt ich, endlich wende,
mach ein Ende finstern Waffen.
Neu erscheint, was du erschaffen!

Auf der nächsten Seite geht der Blick dann tatsächlich zu Gott empor. Zu dem, der der Schöpfung ein neues Gesicht gibt. Denn auf der nächsten Seite steht zu lesen: Antrittspredigt Jesu in Nazareth. Es ist der Evangelist Lukas, der uns davon berichtet. Gleich nach dem Bericht über die Geburt des Kindes und die weihnachtlichen Ereignisse: Nach der Lehr-Debatte des Zwölfjährigen im Tempel mit der religiösen Gelehrsamkeit, von der in der Lesung berichtet worden ist.

Jesus geht, so lesen wir, in die Synagoge. Und er wird aufgefordert, den Tagesabschnitt der Bibel zu lesen. Er liest den Text des unbekannten Jesaja, über den wir eben nachdenken:

Der Geist Gottes des Herrn ist auf mir, weil der Herr mich gesalbt hat. Er hat mich gesandt, den Elenden gute Botschaft zu bringen, die zerbrochenen Herzen zu verbinden, zu verkündigen den Gefangenen die Freiheit, den Gebundenen, dass sie frei und ledig sein sollen; zu verkündigen ein gnädiges Jahr des Herrn.

Jesus verleiht diesem Text weiter Geschichte. Nach dem großen Jesaja, nach dem unbekannten Mutmach-Propheten, den wir nicht kennen, nun noch einmal ein ganz anderer. Der, dessen weihnachtliches Kommen in diese Welt wir gerade gefeiert haben. Der Synagogen-Prediger Jesus schreibt diesen Text weiter. Nimmt dessen Autorität für sich in Anspruch. Verknüpft dessen Botschaft mit seiner Person. „Heute ist dieses Wort erfüllt vor euren Augen!“

Ungeheuerlich muss dies klingen vor den Gralshütern der Botschaft des unbekannten Propheten, des neuen Jesaja. Wie kann dieser Jesus mehr sein als der, auf den er sich beruft. Dieser zweite, neue Jesaja ist der Lieblingsprophet Jesu. Auf keinen anderen nimmt er öfter Bezug. Ihm fühlt er sich nah. Ganz nah. Ihn nimmt er zu Hilfe, um seine eigene Rolle zu deuten. Er ist der von Gottes Geist Ergriffene und Gesalbte.

Er will ein gnädiges Jahr des Herrn verkündigen. Freiheit für die Gebundenen. Gute Worte für die Geschundenen und Drangsalierten. Trost für die Traurigen. Und mitten in der immer noch von der Weihnacht geprägten Zeit im Kirchenjahr ist schon der Hinweis auf das Ende verborgen. Wer so redet, lebt gefährlich.

Wer Kranke heilt und Arme zu sich ruft – wer den Sündern neue Zukunft eröffnet und die Friedensstifter selig preist, der zeigt, dass es ihm um einen radikalen Wechsel geht. Und nicht nur um ein paar kleine Kurskorrekturen.

Ein Gnadenjahr des Herrn sagt dieser Gesalbte - mit den Worten des Propheten, dessen Worte er eben verlesen hat. Doch die Gnade Gottes ist nicht gefragt, wo andere selbst die Verwalter und Regulierer des Lebens ihrer Mitmenschen sein wollen. Unfassbar: Wenn einer von Gottes Güte spricht, fühlen sich die Handlanger der Macht herausgefordert und ihrer Bedeutsamkeit beraubt. Jede einzelne Nachrichtensendung führt uns diese Verkehrung des Guten vor Augen.

Ich blättere noch einmal weiter. Vorher aber lade ich Sie ein, die dritte Strophe miteinander zu singen.

Groß Armut, Einsamkeit und Not
plagt Menschen weltweit, bringt den Tod,
'wo Leben doch verheißen.
Weil Gott aus seiner Fülle schenkt,
unmerklich unsre Schritte lenkt,
sing ich der Zukunft Weisen.
Hoffnung, bitt ich, mir erhalte,
nicht erkalte mein Vertrauen.
Neu gelingt, worauf ich baue.

Die nächste Seite bleibt leer. Zumindest beim ersten Hinsehen. Dann lese ich: „Und wo bist du in dieser Geschichte?“ Ich verstehe die Frage zunächst nicht. Dann aber denke ich: Wenn dieser Text Geschichte hat – und was für eine, dann endet diese Geschichte nicht beim Kind der Weihnacht. Und auch nicht mit dem Kreuzige ihn derer, denen er im Weg ist. Weil es Gottes Geist ist, der Geschichte hat. Durch alle Zeiten hindurch.

Deshalb komme ich nicht darum herum, meinen Platz in dieser Geschichte suchen. Die Geschichte des neuen, zweiten Jesaja ist zunächst nicht meine. Die hat dessen Zeitgenossinnen und Zeitgenossen gegolten. Aber in der Geschichte des die Bibel lesenden Synagogenpredigers finde ich auch meinen Platz. Weil er mich in seine Geschichte mit hineinnimmt. In seine Geschichte mit den Menschen. Und in seine Geschichte mit Gott.

Und plötzlich spüre ich, wie ich mich nach solchen Worten des Zuspruchs sehne. Jeden Tag, wenn ich danach suche, was die Welt im Innersten zusammenhält. Jeden Tag, wenn mich die Kriege und Krisen überfordern. Und keiner da ist, der Einhalt zu gebieten scheint. Jeden Tag, wenn die geschundene Schöpfung ächzt und stöhnt. Und vieles zurückgedreht wird, was helfen soll, die Zukunft unserer Kinder und Enkel zu bewahren. Jeden Tag, wenn Schreckensmeldungen wie die aus der Schweiz uns aus allen vermeintlichen Sicherheiten herausreißen. Jeden Tag, wenn Krankheit und Tod mir meine eigene Endlichkeit vor Augen führen.

Wenn dann einer da wäre, der sagt: „Gottes Geist ruht auf mir! Und ich sage den von ihren Sorgen Eingekerkerten die Freiheit an. Denen, die das Nötigste zum Leben nicht haben, die Fülle dessen, was Sie brauchen. Denen, die die Ungnade mancher Mitmenschen krank macht, ein Gnadenjahr des Herrn und ein Leben in der Freiheit der Kinder Gottes!“ – wenn da einer käme, mein Leben könnte noch einmal ein ganz anderes werden.

Mein Leben kann ein ganz anderes werden! Das haben die Hirten gespürt, die sich nächtens aufgemacht haben zum Kind im Stall. Das haben die Magier aus dem Osten gespürt, derer wir in zwei Tagen gedenken! Das kann ich spüren, wenn ich mich auch diesem Geist des Wandels aussetze.

Davon kann ich heute schon eine Ahnung bekommen, einen Vorgeschmack des Lebens. Eine Vorahnung der Fülle. Wenn ich mich jetzt einladen lasse an den Tisch der Gemeinschaft und der neuen Welt Gottes.

Und ich blättere noch einmal weiter in meinem Buch und lese die Worte: „Gottes Geist ist in der Welt! Und der Himmel neben dir.“ Mehr braucht‘s nicht, denke ich. Das lasst uns feiern. Nicht nur an Weihnachten! Amen.

Aus Trümmern wächst die neue Stadt.
Für alle Gott dort Wohnraum hat,
lässt mir den Himmel glühen.
Wo lebensfeindlich, stumpf und grau
sich zeigt die Welt – wohin ich schau
wird Gottes Buntheit blühen.
Grün erstrahlen dürre Triebe,
voller Liebe mir gegeben.
Dankbar kost‘ ich neues Leben.

Wo Gottes Geist die Welt beglänzt,
wird, was zuvor mich noch begrenzt,
mit Macht hinweggerissen.
Der Freiheit Horizont scheint auf,
von Neuem wag ich meinen Lauf.
Geheilt wird, was zerschlissen.
An den Tisch bin ich geladen,
ohne Schaden soll ich leben.
Neu sind Brot und Wein gegeben.

 

Traugott Schächtele
Twitter: @tschaechtele
Zeitgenosse, Pfarrer, Prälat i.R., Ehemann, Vater von 5 erwachsenen Kindern, Opa, liest und schreibt gern.