Predigt zur Jahreslosung 2026 im Gottesdienst am 18. Januar 2026 (Zweiter Sonntag nach Epiphanias) im Evangelischen Gemeindezentrum in Ettlingen-Bruchhausen

18.01.2026

Liebe Gemeinde

Ich liebe die Offenbarung des Johannes! Eigentlich solange ich mich mit der Bibel beschäftige. Die Offenbarung ist zwar das letzte Buch der Bibel. Aber sie hat es in sich. Kein Buch ist so bilderreich. Ja eigentlich ist sie voller Drehbücher für kleine Video-Clips mit zum Teil bizarren Abläufen. Da gehrts um Drachen, denen die Köpfe abgeschlagen werden. Da kommt das Tier aus dem Abgrund. Da folgt eine Katastrophe auf die andere. Apokalyptische Abläufe im wahrsten Sinne. Kein Wunder: Meine Schülerinnen und Schüler in der Oberstufe haben dieses Buch auch geliebt. Kein anderes ist den Videos, die sie konsumieren, näher.

Ausgerechnet aus diesem Buch stammt die Jahreslosung für dieses Jahr 2026. Weil wir uns der Apokalypse annähern? Ich glaube nicht! Das Gegenteil ist der Fall. Weil wir Grund haben zu hoffen, dass am Ende alles gut wird. „Siehe, ich mache alles neu!“ – so der Text des biblischen Mottos, das uns durch dieses herausfordernde Jahr 2026 begleiten soll.

Ich will Sie einladen, sich mit mir diesem Satz anzunähern. Lesend. Hörend. Singend. Mit Sätzen aus dem zweitletzten Kapitel der Bibel. Offenbarung 21. Und mit neuen Liedstrophen, die ich für diesen Gottesdienst geschrieben habe. Aber mit einer ganz vertrauten Melodie.

Mit dem Singen solls auch beginnen. Wir singen die erste Strophe des Liedes „vom neuen Anfang“.

Das Lied vom neuen Anfang (zur Jahreslosung 2026)
nach der Melodie EG 70 zu singen: Wie schön leuchtet der Morgenstern

Noch atmet frisch dies neue Jahr.
Und mich bestärkt, was doch längst wahr:
Ich bin von Gott gehalten.
Das Alte liegt jetzt hinter mir,
ich lenk die Schritte neu zu dir,
vertrau, Gott, deinem Walten.
Mutig setz ich meine Schritte,
blick zur Mitte, stärk die Sinne!
Neue Kräfte ich gewinne.

Auch die Offenbarung spricht davon, dass das Alte hinter uns liegt – mit durchaus interessanten Worten:

Ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde. Denn der erste Himmel und die erste Erde sind vergangen, und das Meer ist nicht mehr da.

Und ich sah die heilige Stadt: das neue Jerusalem. Sie kam von Gott aus dem Himmel herab –für die Hochzeit bereit wie eine Braut, die sich für ihren Mann geschmückt hat.

Radikal scheint dieser neue Anfang. Dass die Erde nicht mehr da ist, könnte bedrohlich wirken. Aber das Gleiche gilt auch für den Himmel. Das finde ich schon überraschend. Dass auch der Himmel neu ist, ist eher beunruhigend.

Doch nicht der Verlust des Himmels wird beschrieben. Nicht der Rückgang von Religion. Nicht die Zunahme von Kirchenaustritten. Beschrieben wird eher eine völlige Neuschöpfung. Zumindest im Himmel gibt es kein Durch- und Weiterwursteln, wie wir das so gerne tun. Im Kleinen wie im Großen.

Der Himmel, das ist doch der Name für die Welt Gottes. Der Name für den Raum, der unserem Einflussbereich, unserem Wirken entzogen ist. Neu wird darum auch die heilige Stadt, das Machtzentrum an der Schnittstelle von Himmel und Erde! Einiges von dieser Neu-Erschaffung könnten wir heute durchaus brauchen. Städte, Machtzentren, die zum Ausgangspunkt eines Neuanfangs werden. Die sich auf den Weg in die Zukunft machen. Und die sich von alten Hoffnungen und überholten Konzepten verabschieden.

Jeden Tag, in jeder Nachrichtensendung bekommen wir das vor Augen geführt. Zurück zum Nationalstaat. Zurück zur alten Machtpolitik. Zurück zu alten Energiekonzepten.

Gott müsste, so scheint's, jetzt die Reißleine ziehen. Müsste die Reset-Taste drücken. Zurück auf Anfang. Das macht man auch im normalen Leben, wenn es irgendwie nicht mehr weitergeht. Und meistens hilft das dann auch weiter. Davon handelt die zweite Strophe!

Viel Klagen, Krisen, Kriegsgeschrei,
viel Hoffen, dass bald sei vorbei,
was mich im Leben lähmet.
Zu Gott heb ich den Blick empor,
vertrau darauf, dass seinem Ohr,
gewahr wird, was mich grämet:
Sorgen, bitt ich, endlich wende,
mach ein Ende finstern Waffen.
Neu erscheint, was du erschaffen!

Was bleibt, ist der Anfang einer besseren Zukunft. Die Vorstellung einer Welt, in der Gott nicht außen vor ist. Gleich zwei wichtige theologische Bücher der letzten Jahre tragen den Titel: „Was fehlt, wenn Gott fehlt?“ Die Offenbarung setzt mit der gegenläufigen These ein. „Was ist da wenn Gott da ist?“ Ich lese den nächsten Vers aus Kapitel 21:

Und ich hörte eine laute Stimme vom Thron her rufen: »Sieh her: Gottes Wohnung ist bei den Menschen! Er wird bei ihnen wohnen, und sie werden seine Völker sein. Gott selbst wird als ihr Gott bei ihnen sein.

Die Welt der Zukunft ist nicht einfach säkular. Und sie ist – Gott bewahre – auch keine Theokratie. Gott setzt nicht auf die Machtkarte – so wie die, die sich gerne gottgleich gebärden. Gott nimmt Wohnung mitten unter den Menschen. Unerkennbar oft. Aber da. Unmerklich oft. Aber spürbar. Das haben wir doch an Weihnachten gerade erst gefeiert.

Gott nicht eines einzelnen Menschen. Oder eines einzelnen Volkes. Nein, Gott ist der Gott aller. In ihrer Mitte lebend. Als Anwalt des Rechts und der Gerechtigkeit. Was für ein Neuanfang.

Von dieser Zukunft lassen uns singen mit der dritten Strophe!

Groß' Armut, Einsamkeit und Not
plagt Menschen weltweit, bringt den Tod,
wo Leben doch verheißen.
Weil Gott aus seiner Fülle schenkt,

unmerklich unsre Schritte lenkt,

sing ich der Zukunft Weisen.
Hoffnung, bitt ich, mir erhalte,
nicht erkalte mein Vertrauen.
Neu gelingt, worauf ich baue.

Neues Gelingen. Zugesagt auch für 2026. Gegen allen Augenschein. Gegen die sorgenvollen Stirnfalten der Vernunft. Und was dann folgt, ist einer der hoffnungsvollsten Sätze der Menschheitsgeschichte überhaupt!

Gott wird jede Träne abwischen von ihren Augen. Es wird keinen Tod und keine Trauer mehr geben, kein Klagegeschrei und keinen Schmerz. Denn was früher war, ist vergangen.«

Wenn die Offenbarung von Gottes neuer Welt spricht, geht’s nicht um die leeren Versprechungen von gestern. Wenn ich schaue, was heute aufhört, wird mir manchmal schwindlig. Die regelbasierte Weltordnung. Die Macht der UN und der internationalen Gerichte. Die Zusagen einer nachhaltigen Politik an die nachfolgenden Generationen.

Stattdessen: Keine Tränen mehr. Keine Klagen. Kein Schmerz. Kein ungerechter Tod. Was für eine Welt. Wie sehr wünsche ich mir eine solche. Dazu: Was früher war, gilt nicht mehr. Es ist vergangen. Endgültig. Für immer.

Und jetzt folgt der Satz, der uns dieses Jahr als Motto der Hoffnung, als Jahreslosung begleiten soll!

Der auf dem Thron saß, sagte: »Ich mache alles neu.« Und er fügte hinzu: »Schreib alles auf, denn diese Worte sind zuverlässig und wahr.«

„Siehe, ich mache alles neu!“ Neu meint hier eine Bedeutung, einen Wert, der Bestand hat. Kein „Probieren wir mal etwas anderes!“ Aber auch kein: „Wir sind die Alternative“. Für Deutschland. Und für die Welt. Diese Alternative ist nicht mehr als eine Mogelpackung. Eine leere Hülse.  Neu meint hier weder den Rückfall in die Vergangenheit noch die bloße Fortschreibung der Konzepte der Gegenwart.

Neu wird die Welt, wenn wir Mut haben, noch einmal von vorne anzufangen. Aber mit dem Gesicht hin zur Zukunft. Neu wird die Welt, wenn wir die alte ins Regal stellen, entsorgen. Und die Welt noch einmal ganz anders in den Blick nehmen. Neu wird die Welt, wenn wir denen entgegentreten, die nur ihre eigenen Schäfchen ins Trockene bringen wollen. Die die Reichen schonen. Und die kleinen Leute noch ärmer machen wollen.

All das geht. Und wir können schon im Jahr 2026 damit anfangen. 18 Tage sind erst um. 347 Tage bleiben uns fürs Erste noch. Wenn sie wirklich neu werden soll, die Welt, müssen wir als erstes das Hören lernen. Und dann das Schweigen. Wir müssen lernen, uns nicht selber zu übernehmen. Und zu meinen, wir müssten jeden Tag noch schnell die Welt retten. „Siehe, ich mache alles neu!“ Das meint gerade nicht mich. Sondern will mein Gottvertrauen stärken. „Er selbst kommt uns entgegen. Die Zukunft ist sein Land!“ Das ist vielleicht das schwerste für uns Menschen. Zuzugestehen, dass wir auch im Handeln angewiesen sind, dass einer es uns gelingen lässt.

Es käme zumindest auf den Versuch an. Auf den Versuch, es mit der Offenbarung zu versuchen. Auf die Bereitschaft, uns überraschen zu lassen. Von den Möglichkeiten, die in uns liegen. Und von der Weite des Horizontes, den Gott uns eröffnet.

Wenn es wirklich neu wird, wenn Gott es neu macht, dann wird es gut. Auch dieses Jahr 2026. Amen

Aus Trümmern wächst die neue Stadt.
Für alle Gott dort Wohnraum hat,
lässt mir den Himmel glühen.
Wo lebensfeindlich, stumpf und grau
sich zeigt die Welt – wohin ich schau
'wird Gottes Buntheit blühen.
Grün erstrahlen dürre Triebe,
voller Liebe mir gegeben.
Dankbar kost‘ ich neues Leben.

Wo Gottes Geist die Welt beglänzt,
wird, was zuvor mich noch begrenzt,
mit Macht hinweggerissen.
Der Freiheit Horizont scheint auf,
von Neuem wag ich meinen Lauf.
Geheilt wird, was zerschlissen.
Schwestern, Brüder sind geladen,
ohne Schaden frei zu leben:
neuer Anfang uns gegeben!

Traugott Schächtele
Twitter: @tschaechtele
Zeitgenosse, Pfarrer, Prälat i.R., Ehemann, Vater von 5 erwachsenen Kindern, Opa, liest und schreibt gern.